Familienalltag Grünkohl und Curry
Die Hochzeit meiner Eltern muss ein rauschendes Fest gewesen sein. Die Fotos, die ich mir 31 Jahre später in Deutschland kurz vor meiner eigenen Heirat anschaue, zeigen eine Feier mit Hunderten von Gästen. Sechs Geschwister meines Vaters, elf meiner Mutter, Verwandte, Freunde, islamische Geistliche. Drei Tage lang Party im pakistanischen Karatschi.
Mein 32-jähriger Vater in seinem weißen, mit Rosen geschmückten Sherwani, einem Anzug aus knielanger Jacke und enger Hose. Meine Mutter neben ihm, damals 22 Jahre alt, trägt einen roten Sari. Glücklich schauen meine Eltern in die Kamera, aber auch verschämt, unsicher, und manchmal sogar ein wenig traurig. Das gehört zum Ritual. Noch kennen sich Braut und Bräutigam kaum. Wenige Tage vor der Hochzeit im Januar 1974 haben sie sich das erste Mal gesehen, und das auch nur kurz, unter Aufsicht der großen Verwandtschaft.
Ihre Verbindung ist, wie in Indien und Pakistan üblich, eine arrangierte Ehe. Eine Schwester meines Vaters war von einer Freundin angesprochen worden: Sie habe da eine kleine Schwester, ob das nicht eine gute Partie für den kleinen Bruder sei? Beide willigten ein. Auch weil ihre Familien so gut zueinander passten, sie waren 1947 aus dem Norden Indiens in den neuen Staat Pakistan umgesiedelt.
Wie die Tradition es vorschreibt, zog meine Mutter gleich nach der Hochzeit zur Familie ihres Mannes. Lange konnte das junge Paar dort allerdings nicht zusammen sein. Mein Vater musste wieder auf das Frachtschiff einer Bremer Reederei, auf dem er damals als junger Offizier sein Geld verdiente. Er hatte den Job über eine Zeitungsannonce gefunden.
Da saß nun meine Mutter bei den Eltern ihres Mannes, fast zwei Autostunden von ihrer Familie entfernt. Für sie waren das fremde Leute. Freundlich und fürsorglich, aber fremd. Die Schwiegereltern sahen es nicht gern, wenn sie zu ihrer eigenen Familie verschwand. Meine Mutter verzweifelte. Wie sollte sie so glücklich werden? Was konnte sie tun, ohne dass jemand sein Gesicht verlöre?
In den Westen zu ziehen, wurde ihr Ziel. Dorthin, wo einige ihrer Geschwister studierten, wo ihre Idole Elvis Presley und die Beatles herkamen - in die USA oder nach England. Am Telefon erzählte sie meinem Vater von ihren Träumen. "Warum nicht Deutschland?", fragte der zurück. Das Essen sei zwar so seltsam wie die Sprache, aber die Leute seien freundlich. Gemeinsam könne man dort ein neues Leben beginnen.
Acht Monate nach ihrer Hochzeit flog meine Mutter nach Frankfurt am Main. Es war ihr erster Flug, ja sogar das erste Mal überhaupt, dass sie Karatschi verließ. Es war ein Schritt in eine unbekannte neue Heimat und eine Flucht aus der alten.
Einen Monat später wurde ich in Oldenburg geboren. Ein pakistanischer Friese mit indischen Wurzeln.
Was dann folgte, war ein langer, sorgenvoller Weg, bis wir offiziell eine deutsche Familie wurden. Jahrelang mussten meine Eltern vor Gericht und bei Behörden darum kämpfen, Deutsche werden zu können. Immer wieder wurde meinem Vater die Arbeitserlaubnis entzogen, ohne ihm dafür einen Grund zu nennen. Meine Mutter durfte erst gar kein Geld verdienen. Wir waren geduldet, wie das im Amtsdeutsch hieß, was bedeutete, wir konnten jederzeit abgeschoben werden. Nie werde ich die Verzweiflung meiner Eltern über all die Unsicherheiten und Schikanen vergessen, über die vielen Briefe in unverständlichem Behördendeutsch, nie ihre Angst, dass am Ende alle Anstrengungen, in diesem fremden Land heimisch zu werden, doch umsonst sein könnten.
Da ist zum Beispiel die Geschichte mit dem Urlaub in Karatschi 1985. Ich war damals zehn, und wir lebten inzwischen in Hollern-Twielenfleth, einem kleinen Dorf im Alten Land vor den Toren Hamburgs. Vor der Abreise waren meine Eltern extra zur Ausländerbehörde im nahe gelegenen Stade gegangen. Der zuständige Beamte versicherte ihnen, mit den Papieren sei alles in Ordnung, sie könnten bedenkenlos "in die Heimat fahren". Wie sich bald herausstellte, war das eine Lüge - eine, um uns für immer loszuwerden. "Wenn Sie jetzt so fliegen, dürfen Sie nicht wieder einreisen", teilte uns der Grenzbeamte in Frankfurt bei der Passkontrolle mit.
Bilderbuch-Integration in Hollern-Twielenfleth
In Panik riefen meine Eltern bei einem Freund an, einem Pastor. Dem gelang es, sie zu beruhigen. "Reist, genießt euren Urlaub, ich sorge dafür, dass ihr wieder zurückkommen dürft!" Wir flogen, und er brachte die Ausländerbehörde tatsächlich dazu, unsere Rückkehr zu genehmigen.
Deutscher wurde ich erst 16 Jahre nach meiner Geburt. Im November 1990, mitten im Einheitstaumel, bekamen wir die Nachricht, dass wir die grünen pakistanischen Pässe gegen bordeauxrote deutsche tauschen könnten. Da hatte ich noch vier Jahre bis zum Abitur, und plötzlich wusste ich, ich kann in jenem Land bleiben, studieren und arbeiten, in dem ich aufgewachsen war. Ein unglaubliches Gefühl, wenn man seine ganze Jugend hindurch Sorge gehabt hatte, spätestens nach der Schulzeit in ein fremdes Land ausgewiesen zu werden.
Abseits von Ausländerrecht und Ämterwillkür waren wir damals längst schon zu einer deutsch-pakistanisch-indischen Familie geworden. Dank der Willenskraft meiner Eltern, aber auch, weil Sabine, eine Kindergarten-Freundin, meine Mutter eines Tages gefragt hat: "Warum spricht Hasnain so komisch deutsch?" Die Frage des kleinen Mädchens ging meiner Mutter nicht mehr aus dem Kopf. Und sie zog daraus Konsequenzen: Sie schrieb sich an der Volkshochschule ein, fing an, Bücher auf Deutsch zu lesen und mit meiner Schwester und mir deutsch zu sprechen.
So begann, was viele Politiker heute eine Bilderbuch-Integration nennen würden: Wir haben Hollern-Twielenfleth zu unserer Heimat gemacht. Wir haben deutsche Freunde fürs Leben gewonnen. Wir essen an einem Tag Grünkohl mit Pinkel, am anderen Curry. Eine schiitische Familie ist eine protestantische geworden - eine Entscheidung meiner Eltern nach vielen Gesprächen mit ihren christlichen Freunden Anfang der achtziger Jahre. Bei unseren Verwandten ist das ein Tabuthema.
Meine Schwester und ich wurden, inzwischen keine Kleinkinder mehr, getauft. Lange davor schon kannten wir Weihnachten und Ostern ebenso wie Ramadan und das islamische Opferfest Id.
Aber wie deutsch kann jemand sein mit brauner Haut und schwarzem Haar in Hollern-Twielenfleth, wo es damals kein einziges anderes Ausländerkind an der Schule gab? "Du bist braun wie Scheiße", haben mir die Kinder manchmal nachgerufen, und ich habe mich wahnsinnig geärgert. Weniger über meine Hautfarbe, auch nicht über meine Herkunft, sondern vor allem darüber, dass die Natur mich, wie die meisten Südasiaten, eher sparsam mit Muskeln ausgestattet hat. Dem einen oder anderen hätte ich damals gern als Antwort eine Tracht Prügel verpasst.
Als wir Anfang der achtziger Jahre andere Familien aus Pakistan, Indien und Bangladesch kennenlernten, wurde klar, wie weit wir uns inzwischen von der alten Heimat entfernt hatten. Mit manchen unserer neuen Bekannten freundeten wir uns an. Sie lebten ganz anders als wir und waren ihrer alten Kultur viel stärker verbunden als meine Eltern. Immer gab es bei ihnen exotische Süßigkeiten und besonders scharfe Currys. Wenn wir sie besuchten und ihre Bude voll war mit Freunden, Geschwistern, unangemeldeten Tanten und Onkeln, wenn alle sich nach dem Essen vor den klobigen Fernseher setzten, um gemeinsam ein Video mit dem neuesten Bollywood-Film anzuschauen, dann war das wie eine Reise in eine ferne, wunderbar fremde und doch irgendwie vertraute Welt.
"Liest du regelmäßig den Koran?"
Da erschien uns manchmal unsere deutsche Umgebung sehr viel exotischer. Die 68er etwa, die als Hippies nach Goa reisten und sich dann gleich für ausgemachte Indien-Experten hielten; die Ehe und Familie - Heiligtümer in Indien und Pakistan, unabhängig davon, zu welcher Religion man gehört - ablehnten und die fest davon überzeugt waren, dass Ausländer schon qua Natur Anhänger linker Gesellschaftsmodelle sein müssten.
Wenn ich heute über meine Familie nachdenke, sage ich mir manchmal, wir sitzen nicht zwischen den Stühlen, wir springen von einem Stuhl zum anderen und wieder zurück. Einfach ist das nicht immer. Kann man christlich und islamisch zugleich sein? Und was sagt man, wenn Verwandte aus dem indischen Lucknow, aus Karatschi, London oder New York fragen: "Wirst du ein muslimisches Mädchen heiraten? Liest du regelmäßig den Koran? Pflegst du deine Urdu-Kenntnisse?"
Ein Testfall, wie es ist, wenn unsere verschiedenen Welten aufeinandertreffen, war meine Hochzeit im Alten Land. Meine blonde norddeutsche Frau und ich waren schon seit sieben Jahren ein Paar und haben uns ohne Zutun unserer Familien kennengelernt. Wir hatten schon vor unserer Ehe zusammengelebt und beide auch Erfahrungen mit anderen Partnern. Ganz normal also, aber für meine pakistanischen Verwandten gewöhnungsbedürftige, ja schockierende Umstände.
Nun kamen sie zur Hochzeit, sogar in der Kirche waren sie dabei. Sie haben gelacht und sich für uns gefreut. Wer nicht kommen konnte, schickte Glückwünsche. Kaum jemand hat meinen Eltern Vorwürfe gemacht, dass sie uns so westlich erzogen haben.
Eine Tante fragte mich nach der Hochzeit: "Konvertiert deine Frau jetzt zum Islam?" - "Nein, warum?", antwortete ich. Nach kurzem Überlegen gab auch sie uns ihren Segen: "Eine Christin ist auch in Ordnung. Wenigstens ist sie monotheistisch."
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