Lesezeichen Der Gast ist König
Bei der zentralen Idee der Frankfurter Buchmesse, die Verlagswelt international zu vernetzen, spielt das Gastland seit vielen Jahren eine besondere Rolle. Länder, Kulturräume, Sprachregionen treten miteinander in Kontakt. Der Rechtehandel wird gefördert. Der Gastlandauftritt ist, darüber sind die Fachleute einig, ein bedeutender ökonomischer Faktor.
Und doch wurde in den vergangenen Jahren immer wieder angezweifelt, dass das Konzept noch zeitgemäß sei. Ist es eine lebendige Plattform geblieben oder zur touristischen Nabelschau und unkritischen Selbstdarstellung verkommen?
In diesem Jahr wird die Diskussion besonders erbittert geführt, da mit Katalonien ein kleiner Sprachraum mit umstrittener Kulturpolitik im Mittelpunkt steht. Zu den katalanischsprachigen Gebieten gehören neben Katalonien die Balearen, Valencia, Andorra, einige Gemeinden in Aragonien sowie die Gemeinde L'Alguer auf der italienischen Insel Sardinien. Katalanisch hat in den meisten dieser Gebiete - in seinen je spezifischen Varianten - den Status einer Amtssprache. Doch Katalonien verursachte mit seiner engstirnigen Einladungspolitik viel Wirbel: Die zahlreichen Katalanen, die auf Spanisch schreiben, wurden nicht zur katalanischen Literatur gerechnet.
Den Auftritt gestaltet im Auftrag der katalanischen Regionalregierung das Ramon-Llull-Institut, eine Art Gegenstück des deutschen Goethe-Instituts. Es ist nach einem mittelalterlichen Gelehrten aus Mallorca benannt, der im 13. Jahrhundert parallel zum Lateinischen bereits die neuen romanischen Sprachen für Philosophie, Theologie und Dichtung verwendete und über den Dialog zwischen christlicher und muslimischer Welt schrieb. Doch von der Weltoffenheit des großen Vorbilds ist im Institut, das seinen Namen trägt, nicht allzu viel übrig geblieben. Weil unter der Franco-Diktatur "catalán" verboten war, ist zwar verständlich, dass viele Katalanen ganz besonderen Wert auf die eigenständige Bedeutung ihrer Sprache legen. Doch obwohl Francos Tod nun schon 32 Jahre zurückliegt, scheint eine entspannte sprachlich-kulturelle Koexistenz mit dem Spanischen noch immer weit entfernt. Eher schlägt das Pendel heute in die entgegengesetzte Richtung aus - ein dumpfer Nationalismus ist in den katalanischsprachigen Regionen keine Seltenheit.
Innerspanische Rivalitäten führten im Vorfeld der Buchmesse zu heftigen Diskussionen. Einer der besten katalanisch schreibenden Autoren, Sergi Pámies, antwortete auf die Einladung nach Frankfurt, er lasse sich nicht vor einen nationalistischen Karren spannen.
Sollte eine Internationale Buchmesse nicht eher Länder und Regionen einladen, die den Blick öffnen, statt ihn zu verschließen, neue Impulse setzen, statt alten Nationalismen Raum zu geben?
Es war Volker Neumann, der frühere Chef der Frankfurter Buchmesse (von 2002 bis 2005), der mit Katalonien, anscheinend ohne Problembewusstsein, einen Sprachraum einlud, in dem der regionale Nationalismus blüht wie in wenigen anderen Gegenden Europas.
Kritiker unken bereits, die Gastlandauftritte seien damit auf einem Tiefpunkt angelangt.
An Finanzkraft fehlt es Kataloniens Selbstpräsentation nicht. Der offizielle Etat der katalanischen Regionen beträgt 12 Millionen Euro - einer der höchsten Etats der Gastlandgeschichte. Die arabische Welt kam 2004 mit 5 Millionen Euro aus, Russland 2003 mit dem gleichen Betrag. Das kleine Litauen begnügte sich 2002 mit 1,5 Millionen - und absolvierte damit einen sehr erfolgreichen Messeauftritt.
Der Aufwand steht nämlich nicht immer in Relation zum Erfolg. Der bemisst sich daran, ob die Präsentation auf der Frankfurter Buchmesse für die Literatur der jeweiligen Länder nachhaltiges Interesse weckt - so wie es 1993 für die niederländische Literatur gelungen ist.
Der Messeauftritt von Flandern und den Niederlanden war damals ein Aha-Erlebnis für alle Bücherfreunde. Seitdem wissen wir, dass Harry Mulisch kein Deutscher ist. Und seit damals hat sich die niederländische Literatur einen konstanten Platz in deutschen Verlagen und Buchhandlungen erobert - Idealergebnis eines Frankfurter Gastlandauftritts.
Das Konzept von Schwerpunktthemen und Gastlandauftritten hatte einst der langjährige Leiter der Frankfurter Buchmesse, Peter Weidhaas, entwickelt. Das Debüt galt 1976 gleich einem halben Kontinent: Lateinamerika.
Welch ein Paukenschlag! Der berühmte "Boom der lateinamerikanischen Literatur" in Europa ging von dieser Frankfurter Buchmesse aus.
Größen der Weltliteratur wie Juan Rulfo (Mexiko), Mario Vargas Llosa (Peru), Jorge Amado (Brasilien) kamen nach Frankfurt. Julio Cortázar reiste aus dem Pariser Exil an. In seinem Heimatland Argentinien hatte im März 1976 das Militär die Macht übernommen.
Von den wilden Anfangsjahren der Länderschwerpunkte erzählt Weidhaas in seiner gerade erschienenen Autobiografie "Und kam in die Welt der Büchermenschen": Er bekam Besuch vom Botschafter der argentinischen Militärjunta. Er solle Cortázar aus- und an seiner Stelle Jorge Luis Borges einladen. Der erblindete Wortmagier Borges hatte die Obristendiktatur begrüßt (was er später revidierte). Weidhaas blieb bei seiner Wahl - und fand bald nach der Buchmesse seine Wohnung zertrümmert und sein Auto mit aufgeschlitzten Reifen. Er war unabhängig in seiner Entscheidung, denn noch oblag die Einladung von Autoren allein dem Frankfurter Veranstalter und nicht den jeweiligen Gastlandregierungen. Die Messe brachte das Geld auf und bestimmte die Inhalte.
Die Gastlandauftritte fanden zunächst nicht jährlich statt, sondern im Wechsel mit thematischen Schwerpunkten. Zu einem Eklat kam es 1978 bei dem Themenschwerpunkt "Kind und Buch", da eine Studie in 900 deutschen Kinderbüchern Rassismus nachgewiesen hatte. 1980 wurde die afrikanische Identität diskutiert, 1982 ging es um das Thema Religionen. Der Schwerpunkt von 1984 war von dem berühmten Orwell-Romantitel angeregt, in dem diese Jahreszahl als Chiffre für die negative Utopie einer allumfassenden Überwachung des Individuums fungiert; Thema war die Frage nach der Gefahr eines künftigen totalitären Staates.
Zehn Jahre nach dem Riesenerfolg mit Lateinamerika wurde mit Indien 1986 abermals ein Subkontinent literarisch vorgestellt.
"Mein Anliegen war es, die Weltprobleme in einer Halle zusammenzuhaben und zur Diskussion zu stellen" sagt Peter Weidhaas rückblickend über seine Arbeit als prägender Leiter der Frankfurter Buchmesse. Doch offenbar war er mit Indien 1986 seiner Zeit voraus. Das Thema kam nicht an, die Medien blieben in ihren Vorurteilen stecken. Anders als im vergangenen Jahr, als Indien seinen zweiten Auftritt als Buchmesse-Gastland hatte, gelang es damals nicht, Neugier auf die indische Literatur zu wecken.
So kam es zu einem folgenschweren Strukturwandel. Das nächste Gastland Italien finanzierte und gestaltete seinen Messeauftritt von 1988 erstmals selbst und gab dafür 29 Millionen Mark aus. Die Veranstalter waren den Kosten nicht mehr gewachsen und stellten nur noch die Fläche zur Verfügung. Von da an präsentierte sich jährlich ein anderes Land in Frankfurt - und bezahlte seinen Auftritt selbst. Ein neues Konzept der Länderthemen war entstanden. Nun bestimmte das Gastland auch die nach Frankfurt eingeladenen Autoren.
In den neunziger Jahren traten bei Auswahl und Präsentation des Gastlandes mehr und mehr verlagswirtschaftliche Aspekte in den Vordergrund. Die Frankfurter Buchmesse konnte den ursprünglichen Anspruch, Plattform für brennende gesellschaftspolitische Fragen zu sein, nicht mehr durchhalten.
Lorenzo Rudolf, der von 2000 bis 2002 als Nachfolger von Peter Weidhaas amtierte, fand das Konzept des Gastlandes nicht mehr zeitgemäß. Er konzipierte den Kongress "Futura Mundi", der im Oktober 2002 einmalig stattfand. Über "Literarische Visionen für eine geteilte Welt" sollte auf dem Podium laut nachgedacht werden. Doch viele eingeladene Autoren fühlten sich überfordert vom Ansinnen, die Lage der Welt zu diskutieren.
Sie zogen es vor, morgens ihren Cappuccino zu schlürfen, ohne zu bedenken, woher die Kaffeebohnen kommen. Der Erfolg dieser Idee blieb aus. So hielt die Buchmesse am Gastland-Konzept fest. Es ist mit enormem Aufwand verbunden - mindestens zwei Jahre lang wird jeder Länderauftritt vorbereitet -, aber in aller Regel erweist es sich als Publikumsmagnet: Im Durchschnitt verzeichnen die Gastlandpavillons 40 000 Besucher. "Das macht die Messe unterscheidbarer", sagt Caroline Vogel, die Pressesprecherin der Buchmesse. "Meistens erinnert man sich: Ach, da war Indien. Da war die arabische Welt. Die Messe bekommt dadurch mehr Dynamik und schläft nicht ein."
Der jetzige Leiter der Frankfurter Buchmesse, Jürgen Boos, will den oft ins Folkloristische abgedrifteten Gastlandauftritt wieder mehr ins Politische zurückholen. Bücher dienten schließlich nicht nur der Unterhaltung: "Nächstes Jahr kommt die Türkei und damit eine neue Dimension hinzu. Das ist politisch aufgeladen. Ich bin der Meinung, dass ich einen Bildungsauftrag habe und einen politischen Diskurs stimulieren soll. Da passen die nächsten Gastländer Türkei (2008) und China (2009) wunderbar dazu."
Die Türkei hatte Peter Weidhaas in seiner Amtszeit schon einmal abgelehnt, weil Verleger inhaftiert waren, die Bücher über Kurden veröffentlicht hatten. Inzwischen hat sich das Land dem europäischen Standard zumindest angenähert, wenngleich es so wenig wie China ein demokratisches Vorzeigeland wurde. Aber was dort passiert, ist allemal spannend, und das Thema Rede- und Meinungsfreiheit ist für eine internationale Buchmesse zentral.
Während in Deutschland gerade Katalonien unter dem Motto "Singulär und universal" gefeiert wird, reist bereits das nächste Verlegertrüppchen durch die Türkei.
Nach dem Gastland ist vor dem Gastland.
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