Belletristik Nach den Flugzeugen
Der Schriftsteller will verstehen, was uns dieser Tag angetan hat" - so Don DeLillo im Dezember 2001 in einem Essay zu den Anschlägen des 11. September. Kurz nach Erscheinen seines Artikels müssen die ersten Literaten zu ihren Computern gerannt sein, um sich an ihren 9/11-Roman zu setzen. Denn spätestens seit 2003 wetteifern Autoren aller Länder um den gültigen Roman zu jenem welterschütternden Datum.
So hat der Franzose Frédéric Beigbeder 9/11 in einen Porno verwandelt ("Windows on the World", 2003), der Amerikaner Jonathan Safran Foer hat das Ereignis aus Sicht eines Kindes beschrieben ("Extrem laut und unglaublich nah", 2005); sein Landsmann John Updike wollte in "Terrorist" (2006) erklären, wie ein Muslim Selbstmordattentäter wird.
Die meisten dieser Katastrophenromane hat man am Ende enttäuscht zur Seite gelegt - und vergessen. So könnte es auch Jay McInerneys gerade erschienener 9/11-Version, "Das gute Leben", schnell ergehen. McInerney, 52, irritiert seit Jahren mit seiner literarisch völlig unergiebigen Vorliebe für die oberen Zehntausend Manhattans. In "Das gute Leben" sitzen seine Ex-Yuppies am 10. September 2001 in ihrem Tribeca-Loft mit "tollem Blick auf die Türme" oder lassen sich von Stylisten und Friseuren für die Abendgala aufhübschen. Solches Personal wird von 9/11 auch dann kaum erschüttert, wenn Menschen aus dem World Trade Center springen und "wie faule Früchte auf dem Beton zerplatzen".
Der Kontrast zum 70-jährigen DeLillo, dem Visionär der US-Literatur, könnte größer kaum sein.
Schon in DeLillos Roman "Spieler" (1977) ging es um Terrorakte an der Wall Street; für eine weibliche Figur, die im Nordturm des World Trade Center arbeitete, "hatten die Türme nichts Dauerhaftes. Sie blieben bloße Konzepte". In dem gespenstischen "Mao II" (1991) wiederum meinte ein Autor, der Terrorist habe den Schriftsteller als kulturellen Impulsgeber abgelöst. Die "Sprengung von Flugzeugen und Gebäuden" sei "die neue tragische Erzählkunst". Aufgrund dieser Werke wurde DeLillos Roman zum 11. September geradezu herbeigesehnt.
"Falling Man" unterwandert jetzt die übergroßen Erwartungen: Der Autor konzentriert sich vor allem auf die private Seite der Weltpolitik und erzählt die Geschichte von Keith, der sich am 11. September mit knapper Not aus dem ersten der beiden einstürzenden Türme retten kann. Leichtverletzt und orientierungslos irrt er durch die verwüstete Zone und kehrt noch am gleichen Tag zu seiner Familie zurück, von der er seit eineinhalb Jahren getrennt lebt. Doch "nach den Flugzeugen" ist nichts mehr wie zuvor, alle haben den Boden unter den Füßen verloren.
Wie Schlafwandler ertasten die Figuren ihr neues Leben, die Gespräche zwischen den Eheleuten zeugen von Sprachlosigkeit. Keiths Frau Lianne, eine freie Verlagslektorin, liest manisch alles, was in den Medien über die Toten geschrieben wird. Sohn Justin sucht den Himmel nach Flugzeugen ab und wartet, "dass es wieder passiert". Und Keith selbst endet als professioneller Pokerspieler in Las Vegas.
Nicht das gesamte Romanpersonal überzeugt - der titelgebende Performance-Künstler namens "Falling Man" beispielsweise ist eine metaphorische Totgeburt. Aber gerade da, wo man dachte, das kann nicht gutgehen, funktioniert der Roman bestens.
DeLillo erzählt nämlich auch aus der Perspektive eines der Terroristen. Und dieser Hammad bedient nicht die gängigen Klischees, sondern schwankt zwischen Fanatismus und dem verständlichen Wunsch, eine Zukunft zu haben: "Er musste gegen das Bedürfnis ankämpfen, normal zu sein. Er musste zuerst gegen sich selbst antreten, dann gegen die Ungerechtigkeit, die ihrer aller Leben heimsuchte." Sein Schicksal hat er aber nicht mehr selbst in der Hand. In einem grandiosen Schlusskapitel schießen Hammad und Keith aufeinander zu, der angespannte Täter und das konsternierte Opfer.
DeLillos Romane waren schon immer eher Übungen im Denken als Erzählräume, in denen man sich wohlfühlen könnte. "Falling Man" vereint wieder alle seine Stärken und Schwächen: In brillanten Szenen blitzen aktuelle Konflikte auf - Europa gegen Amerika, der Westler in der islamischen Welt -, aber es gibt auch gestelzte Dialoge und hölzerne Erzählpassagen. Doch selbst an seinen fragwürdigen Stellen ist das weit interessanter als McInerneys läppischer Versuch zum Terrortag.
Was haben die Anschläge des 11. September nun im Lebensgefühl der New Yorker verändert? Bei DeLillo: praktisch alles. Bei McInerney: eigentlich nichts. Beides ist nicht nur möglich, beides ist richtig. Es kommt eben nur darauf an, wo man als Autor hinschaut.
Don DeLillo, "Falling Man".Deutsch von Frank Heibert. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 272 Seiten; 19,90 Euro (Erscheint am 29.10.)
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