Tipps & Trends: Klassiker zum Hören - DER SPIEGEL
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Tipps & Trends Klassiker zum Hören

Die großen Werke des literarischen Kanons erreichen in akustischer Form manchmal ein größeres Publikum als gedruckt - Verlage verbreiten sie als Hörspiele oder gelesen von Schauspielern auf CD.
Von Barbara Schaefer
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Er habe, schreibt Kafka 1912, davon geträumt, dass er Goethe deklamieren hörte, "mit einer unendlichen Freiheit und Willkür". Wie mag Goethes Stimme geklungen haben? Wie Kafkas Stimme? Arthur Schnitzler spricht 1907 in den Trichter eines Phonografen. Als er sich das Ergebnis anhört, ist er "frappiert über den ausgesprochen nasal jüdischen Charakter meines Organs".

Die akustische Aufzeichnung bewahrte der Nachwelt die Stimmen der Dichter - doch es war auch das erste Mal in der Geschichte der Menschheit, dass jemand seine eigene Stimme wiederhören konnte.

Klassiker der Weltliteratur kommen in diesem Herbst verstärkt auf den Markt, notgedrungen nicht als Autorenlesungen, sondern aufbereitet als oppulentes Hörspiel, als Mammutlesung oder auch mit Musik versetzt. Von Theatertexten über Romane bis zu Lyrik ist alles dabei. Große Literatur erweist sich zwar nicht als Verkaufsschlager, doch als Longseller. Klassiker erreichen im Hörbuch mitunter höhere Verkaufszahlen als in der gedruckten Version, so Heike Völker-Sieber, Pressesprecherin des Münchner Hörverlags. "Werke, die mittlerweile kaum mehr lesend konsumiert werden, kommen so wieder ins kollektive Bewusstsein." Zudem schätze der Buchhandel das Genre, da Klassiker auf CD "repräsentative Geschenke" darstellen, ein Aspekt, der bei Audio Books eine große Rolle spiele.

Reflexionen über die Vortragskunst hat Lothar Müller in seinem Buch "Die zweite Stimme" (Wagenbach) zusammengetragen. Dem Buch liegt ein Hörbuch bei mit Aufnahmen berühmter Schauspieler des 20. Jahrhunderts wie Josef Kainz und Alexander Moissi; auch Arthur Schnitzler ist zu hören. Goethe jedoch, wie mag der geklungen haben? Hessisch, vermutlich. Zeitgenossen bezeugen, er habe seinen sonoren Bass "bis zum furchterregenden Donnern steigern können" und gelesen "mit einer Innigkeit, die uns alle erschütterte". Goethe legte Wert auf ausgefeilte Rezitationskunst. So beschreibt er in der "Italienischen Reise" mehrfach, wie er aus seiner gerade fertiggestellten "Iphigenie" vorliest. Er entdeckt dabei "manche Stelle, die mir gelenker aus dem Munde ging, als sie auf dem Papier stand". Goethe gab dem Rezitieren den Vorrang vor einer Theateraufführung: Es gebe keinen höheren Genuss, als sich mit geschlossenen Augen durch eine "natürlich richtige Stimme ein Shakespear'sches Stück recitieren zu lassen". Erstaunlich, dass das Zitat noch nie beim Hörbuch-Marketing eingesetzt worden ist.

Wie Shakespeare von einer "natürlich richtigen" Stimme vorgetragen klingt, macht Katharina Thalbach vor. Bei Tacheles hatte sie bereits "Macbeth" und "Romeo und Julia" aufgenommen, nun kommt "Was ihr wollt" hinzu. Thalbach liest Shakespeare in der Übersetzung ihres langjährigen und 2001 verstorbenen Lebensgefährten Thomas Brasch. Und sie liest alles, jede Regieanweisung, jede Personenbeschreibung, grummelnd, säuselnd, wispernd, trunken. Die Thalbach bringt ihre gesamte Stimmkunst zum Einsatz: eine Rampensau am Mikrophon, höchst vergnüglich anzuhören.

Große Sprecher trauen sich eher ran an die Riesen der Weltliteratur oder trauen sich deren Mammutwerke eher zu. Auch Peter Matic ist ein nimmermüder Wiederholungstäter: Der Wiener hat sich Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" vorgenommen und ist mittlerweile bei Teil drei angelangt, "Die Welt der Guermantes", und damit bei 62 CDs in wunderschönen Schubern (Der Hörverlag). Kann man das hören? Kann man diesen in Stein gemeißelten Sätzen folgen? Man kann, gerade mit der Hilfe von Matic. Prousts Stil neige dazu, so Vladimir Nabokov in einem Essay, der im Booklet nachzulesen ist, einen Satz bis an die Grenzen des Möglichen auszudehnen "und in den Gabenstrumpf dieses Satzes eine wundersame Vielzahl von Satzgliedern, Einschüben, Nebensätzen und von ihnen wiederum abhängigen Nebensätzen hineinzustopfen". Was die Freigebigkeit mit dem Wort angeht, sei Proust "ein wahrer Knecht Ruprecht". Matic holt für uns alles wieder raus aus dem Strumpf, gliedert die Sätze, wie man es selbst beim Lesen kaum vermag. Natürlich fordert die "Suche nach der verlorenen Zeit" vom Zuhörer Konzentration - und Zeit. Aber Matic kann auch ganz anders. Das zeigt er, mit trockener Komik, bei Alexandre Dumas' "Kapitän Pamphile" - immerhin auch rund 500 Minuten lang (Random House Audio).

Die Produktionskosten von Hörspielen sind ungleich höher als die reiner Lesungen. Das gilt zum Beispiel für Leonhard Koppelmanns unfassbar aufwendige, zehnteilige Fassung von Thomas Manns "Doktor Faustus". Der 37-Jährige inszenierte fast hundert Hörspiele. Er versteht den 1947 erschienenen Mann-Text als den "ersten großen deutschen Nachkriegsroman". Fast 50 Schauspieler beschäftigte Koppelmann, allein das Erstellen der Textfassung dauerte sechs Monate, zwei Monate die Sprechaufnahmen, weitere vier Monate Musikaufnahmen und Mischung. Monologisch, in Zwiegesprächen, mit großer Geräuschkulisse und Musik in sich überlagernden Tonspuren, schöpft Koppelmann die Bandbreite technischer Möglichkeiten aus wie sonst nur wenige. Zehn CDs sind das geworden, obwohl Koppelmann nur gut ein Drittel des Originaltextes realisierte. Sein Bemühen sei es gewesen, "das Stück so nah wie möglich am literarischen Stil des Autors zu halten". Die tragende Rolle fiel Hanns Zischler zu, er spricht den Erzähler Serenus Zeitblom. Zischler, der diesen Text "als stiller Leser relativ gut" kennt, erklärt in einem Interview im Begleitheft, ihn reize beim Sprechen das "Vernehmbarmachen einer solchen Figur", man schaffe eine Art "akustische Skulptur". Diese wohl aufwendigste Produktion des Jahres entstand in Co-Produktion mit dem HR, dem BR, der Internationalen Ensemble Modern Akademie und dem Hörverlag: Nur mit Hilfe von ARD-Anstalten sind solche Riesenprojekte zu realisieren.

"Die Grandauers und ihre Zeit" können zwar nicht als Literaturklassiker gelten, wohl aber als ein Klassiker der Hörbuchgeschichte. Die erfolgreiche Hörfunkreihe von 1979 über mehrere Generationen von Gendarmen und später Polizisten, kam nun auf CD heraus (Kunstmann). Folgt oft auf einen Bucherfolg eine Verfilmung und dann noch ein Hörbuch, war es hier umgekehrt: Der Fernsehintendant des BR war vom Hörspiel so begeistert, dass er daraus die TV-Serie "Löwengrube" erstehen ließ, ein Highlight bayerischer Fernsehgeschichte. Und erst im vergangenen Jahr brachte Willy Purucker den Roman in Buchform. Ein bisschen vertraut mit dem Idiom sollte man sein, um Grandauer-Sätze wie diesen so richtig genießen zu können: "Jetzt, wo's gehn miaßt, hätt's a bleim kinna." Puruckers Hörspiel ist volkstümlich im besten Sinne, er hat dem Volk aufs Maul und in die Seele geschaut.

Schon aus Kostengründen überwiegen Lesungen. Zu den gelungenen zählt eine Version von Henry James' "Washington Square", aufgenommen 1992 vom NDR. Das Werk sei eine wichtige Ergänzung für den literarischen Katalog der Deutschen Grammophon Literatur, so Annette Kusche, Programmleiterin für Hörbücher, da nun neben deutschen, französischen und russischen Klassikern auch "amerikanische Meilensteine der Literatur" vertreten seien. Gert Westphal schaffte es auch hier, mit feiner Ironie in der Stimme die Geschichte aufzudröseln, so dass man den ellenlangen Sätzen gern in alle Verästelungen folgt. Ums Lesenkönnen als solches dreht sich die Geschichte des jungen "Anton Reiser"; die mäandernde Sprache von Karl Philipp Moritz' Klassiker der Bildungsromane schlechthin führt an die Grenze dessen, was man zuhörend erfassen kann. Martin Wuttke spricht klar, geradezu nüchtern, das erleichtert das Aufnehmen der herzzerreißend unglücklichen Geschichte des Knaben Anton.

Auch die Geo Editions Box "Weit draußen" versammelt reine Lesungen, ein Dutzend Klassiker der Abenteuerliteratur, doch nicht nur allseits Bekanntes. Natürlich darf Joseph Conrad nicht fehlen, zumal sein 150. Geburtstag ansteht, Christian Brückner, die finsterste Stimme des Genres, gibt das "Herz der Finsternis" und schuf so gleich den Topseller der Reihe. Eine Entdeckung in der weiten Welt der Reiseliteratur ist Robert M. Sapolskys "Mein Leben als Pavian". Der Verhaltensbiologe und Primatenforscher lebte jahrelang in Kenia, um Feldforschung mit Pavianen zu betreiben. Uneitel und hochkomisch, launig und dann wieder tieftraurig erzählt er vom Leben und Sterben seiner Paviane. Und vom Leben in Afrika, vorgetragen von Christoph Waltz, der die Balance hält zwischen Unterhaltung und literarischem Ton. Während die Proust-Box mit einer Auflage von lediglich 1000 Stück an den Start geht, steigt das Geo-Projekt bei den Einzelausgaben und der Box mit bis zu 15.00 Stück ein, wie Sabine Buss, Produktmanagerin bei Random House Audio, erläutert. Gerade mit Editionen und der Aufmerksamkeit, die damit erzeugt werde, könne man neue Liebhaber für den Hörbuchmarkt finden.

Lyrik kann kaum anders als in Lesungen aufbereitet werden - es sei denn, Angelica Fleer und Richard Schönherz nehmen sich einen Dichter vor. Auf ihre erfolgreiche Rilke-Arbeit ließen die Musiker nun das Hesse-Projekt folgen. Hesse zu vertonen, das kann fürchterlich danebengehen, wenn man nicht Richard Strauss heißt. Die beiden schreckten nicht davor zurück und bewiesen eine glückliche Hand. Vortrag, Gesang und Sprechgesang wechseln sich ab, so unterschiedliche Künstler wie Caterina Valente und Matthias Habich reichen das Mikrofon weiter. Juliane Köhler liest ein Gedicht zart akzentuiert mit Klezmer-Musik, Ben Becker mit seiner Whisky-Stimme distanziert sich mit Ironie von Sätzen wie "sehe Mond und Sterne kreisen".

"Zwei Männer, die sich auf Sylt mit Ferngläsern vor den Augen in Regenböen gegenseitig Storm-Gedichte zubrüllten!" So beschreibt Hark Bohm ein Treffen mit dem Verleger Arnulf Conradi und seine Wiederannäherung an Theodor Storm, der ihm als Kind "ausgeprügelt und als Student verleidet worden war". Die kleine Gedichtsammlung trägt den poetischen Titel "Lass mich ruhn in deinem Arm" (Hoffmann und Campe). In einer umfangreichen Eichendorff-Box hat dagegen die Deutsche Grammophon anlässlich des 150. Todestages des Dichters Aufnahmen aus 50 Jahren zusammengefasst. Angefangen von Mathias Wiemann, 1902 geboren, bis zur jungen Anna Thalbach, die von der Mutter die tragende Altstimme geerbt und mit hellerem Timbre angereichert hat, sind Gedichte, aber auch Novellen und Erzählungen zu hören, 740 Minuten und zehn CDs lang. Peter Lühr hatte mit 52 Jahren ein Eichendorff-Gedicht auf Schallplatte gesprochen, das als Motto für alle Hörbücher gelten kann. Schlicht, ohne den großen Bühnenton, nur manchmal mit betörendem Beben hören wir: "Schläft ein Lied in allen Dingen / Die da träumen fort und fort / Und die Welt hebt an zu singen / Triffst du nur das Zauberwort".

Den Zauberton treffen die besten Interpreten bei den Großen der Literatur erfreulich oft.

Original oder "neu erzählt"? Jugendbücher auf CD

Ist "Moby-Dick" ein spannendes und faszinierendes Abenteuer? Das kann man so sehen. Vor allem ist der Roman natürlich eines der berühmtesten Bücher der Weltliteratur. Family Entertainment hat in der Reihe "Große Geschichten neu erzählt" auch Herman Melvilles Klassiker adaptiert und so komprimiert, dass er überraschenderweise auf eine CD passt. Das geht nicht ohne Verlust (für die Lesung bei der Deutsche Grammophon Literatur mit Rolf Boysen braucht der Roman zehn CDs). So wird denn daraus, wie auch aus dem "Dschungelbuch" und dem "Baron von Münchhausen" eben ein spannendes Abenteuer. Schlecht ist das nicht, aber kaum noch "Moby-Dick".

Kann man Jugendliche an Literatur heranführen, indem man ihnen ein Reader's Digest des Buches serviert? Oder sollte man warten, bis sie alt genug sind für das Ganze, und ihnen bis dahin Harry Potter vorlesen? Eine schwierige Frage.

Auf andere Art modern sind die von roofmusic in der Box "Über das Ende der Kindheit" zusammengefassten Kinderbuchklassiker. Christiane Paul liest, im flotten Tonfall einer großen Schwester, "Alice im Wunderland", am Klavier und in einer Gastrolle Helge Schneider. "Peter Pan" wird unterlegt mit Musik der Berliner Band Element of Crime und gelesen von Leander Haußmann, der die Geschichte des Jungen, der nicht groß werden wollte, als Regisseur in Bochum inszeniert hatte. Und schließlich "Pinocchio", launig vorgebracht und mit Musik versehen vom Südtiroler Konrad Beikircher. Kinder kommen so in den Genuss der Originalliteratur, modern zubereitet und musikalisch erweitert.

Karl Mays "Orientzyklus" hat der Hörverlag opulent aufbereitet: Auf zwölf CDs sind über 140 Sprecher zu hören, inszeniert von Walter Adler. Mit Pferdegetrappel geht es los, wir hören Schüsse, und ein Käuzchen ruft. Eingebettet sind die Reiseerzählungen in die Gerichtsverhandlung, in die der Schriftsteller, im Gegensatz zu mancher Reise, tatsächlich hineingeraten war. Sächselnd erzählt er seine Lebensgeschichte. Die Dialoge waren schon immer das Beste bei May, die Landschaftsbeschreibungen, die man gern überblätterte, fallen hier weg, und so darf man sich über das schöne, aus der Mode gekommene Schimpfwort "du Bube!" freuen und mit Kara Ben Nemsi (und dem Finger auf dem Atlas) die Reiseroute verfolgen. In den vielen Episoden verliert der Zuhörer schon mal den Faden, aber das macht nichts bei all dem Pferdegetrappel und Pistolenschießen. Man weiß ja, dass Kara Ben Nemsi (Sylvester Groth) immer auf der Seite der Guten ist - al-hamdu lillah! Ein großer Spaß, nicht nur für den Nachwuchs.

Ganz einfach, ganz anders, ganz schlicht, dabei sanft gekürzt, kann man "Nils Holgersson" hören, von Juliane Köhler forsch und ohne Firlefanz vorgetragen (Der Hörverlag). Ein wunderbares Reisebuch. Auf nach Norden auf dem Rücken der Wildgänse und den Schwingen der Literatur!


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