Gefühle: "Total abgefahren" - DER SPIEGEL
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Gefühle "Total abgefahren"

Entspannen, kiffen, Häusle bauen: Wie Langzeit-Aussteiger ihr Seelenheil in Indien finden.
Von Rüdiger Falksohn und Padma Rao
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Als vor zwei Jahrzehnten immer mehr Europäer in die Bergwelt des indischen Bundesstaates Himachal Pradesh kamen, hatte Martin, der Österreicher, eine Idee. Er ließ am Rande der Ortschaft Shanag, nicht weit von Manali entfernt, einen kleinen Platz asphaltieren, stellte Tore auf und Halterungen für ein Netz. Nun konnte man Tennis, Fußball oder Hockey spielen, und der Rasen daneben bot sich für eine Partie Boule an.

Auf diese Weise entstand ein Sportclub im Kullu-Tal, wo der Sommer nicht so schwül und der Monsun erträglich ist. Die bewaldeten Hänge des Himalaja sind ein günstiges Terrain für Wanderer, Einödhöfe sprenkeln die Kuppen.

Die saisonalen Besucher kamen damals meist mit dem Bus, denn sie wollten billig die Zeit überbrücken, bis es an Goas 2000 Kilometer entfernten Palmenstränden wieder trocken und sonnig war. Abgesehen vom milden Höhenklima lockte vor allem die Nachsicht der Behörden in einer wichtigen Frage der Lebensqualität: Man konnte in Manali und Umgebung kiffen, was das Zeug hielt.

Sie stopften lächelnd ihre Pfeifen, sie bauten Tüten, lang und schlank. Sie nutzten, wie in Goa, die liberale Haltung der Einheimischen, die es gewohnt sind, dass ihre heiligen Männer, die Sadhus, sich ungeniert benebeln.

Martin lag nichts ferner, als da ein Spielverderber zu sein. Er stellte vor dem von Apfelbäumen umgebenen Clubhaus Bänke auf und etablierte einen sonntäglichen Biergarten.

Mittlerweile schauen dort besonders gern lässige Senioren vorbei, etwa auf eine Partie Backgammon, und lassen ihre Shillums kreisen. Der dürre Alte mit der Jeansjacke und der umgedrehten Basecap am Italiener-Tisch beschränkt sich zwar auf Alkohol, führt aber immerhin zwei Flaschen Foster's abwechselnd zur Kehle, so abgedreht darf es schon sein. Und dann singt er für Valentina "una canzone".

Die allerdings hört gar nicht zu. Valentina wirkt apathisch, eine gebeugte langhaarige Frau, die ihre Umwelt ignoriert. Sie fröstelt, wirft einen Pulli über trotz der 25 Grad und bürstet transzendenten Blicks einen Mischlingshund. Schon lange ist sie diesem lauen Dolce Vita verfallen, nun ist für sie womöglich nur noch eine Neige übrig, eine Restsüße. Doch hat sie eine Wahl? Gibt es für Langzeit-Aussteiger ernsthafte Alternativen?

Auch Simon, der freundliche Engländer, hat die Heimkehr nicht geschafft oder nicht gewollt. Seit einem Vierteljahrhundert jobbt er in dieser Gegend, baute Brücken, heute kocht er Marmelade ein und verkauft sie. Solche Existenzen, obwohl dauerhaft provisorisch, lassen sich nur mühsam noch mal umpolen. Die Dinge sind nicht mehr wie früher, als die Welt romantisch war und auf junge Helden nur zu warten schien.

Damals fand so ziemlich jeder, der es wollte, einen Fluchtgrund: die missratene Beziehung, die sturen Autoritäten daheim, den tausendjährigen Muff, das ganze Hamsterrad. Und verführerisch schimmerte der Fluchtpunkt: Indien, der exotische Subkontinent, wo die Erleuchtung lockte.

Es war die Blütezeit des Eskapismus. Zehntausende begaben sich auf den Asien-Trip, animiert von den Abenteuern der Beatles, die dem charismatischen indischen Guru Maharishi Mahesh Yogi verfallen waren, dem Begründer der Transzendentalen Meditation. Der große Treck, den sie mit auslösten, kam über Indien als eine unbekannte Art der Völkerwanderung: Die Wallfahrer waren völlig losgelöst von ökonomischen Notwendigkeiten, statt Existenzängsten trieb sie der Drang nach Selbstfindung und Selbstverwirklichung, die Aussicht auf ein möglichst zwangfreies Lotterleben.

Und wo, wenn nicht in Goa oder Manali, waren die Bedingungen günstiger? Die Sonne schien, Inder waren gastfreundlich, und jeden Tag gab es eine Fete - ganz entspannt im Hier und Jetzt. Auch die Gründung einer ernsthaften Existenz, nach einer gewissen Zeit des Abhängens, war möglich.

Via Afghanistan kamen Träumer ins Land, solide Handwerker, ein paar Geschäftsleute, viele Dropouts. Manche haben inzwischen die zweite oder dritte "German Bakery" eröffnet oder eine Pizzeria für israelische Nachwuchs-Hippies. Andere arbeiten ihre Vergangenheit ab wie jener 37-Jährige, der Leibwächter war, ein hervorragender Scharfschütze zudem, und 42 Menschen auf dem Gewissen hat. Er hat die Familie mitgebracht ins Clubhaus, eine zartgliedrige singhalesische Frau, zwei Kinder, er zerbröselt dunkelbraune Plättchen und baut Joint um Joint, um die Erinnerungen zu betäuben.

Zugereist sind Martins Gäste fast allesamt, manche treibt es schon ein halbes Leben lang umher. Als die erste Hippie-Welle wogte, dachten Indiens Bauern, im Westen habe sich eine Hungerkatastrophe ereignet. Abgerissene Vögel erschienen in Scharen, machten Dauerparty und behelligten die sittsamen Inder mit ihrer Freizügigkeit. Sie adaptierten religiöse Versatzstücke, insbesondere das kultische Element des Haschisch-Rauchens.

Horst zum Beispiel, 54 und aus der Nähe von Trier, törnt seit 27 Jahren durch Asien, er hält sich sommers im Raum Manali auf und erscheint im Clubhaus mit einer dekorativen Trachtenkappe, wie sie Einheimische tragen. "Vertrauen, Ehrlichkeit, Liebe" - diese Kategorien sind Horst wichtig. "Was ich in Asien gefunden habe, hätte mir in Europa keiner bieten können." Schon gar nicht eine esoterisch grundierte, weitgehend selbstbestimmte Existenz zum Spartarif.

Als Horst vor einiger Zeit schwer erkrankte, wurde er in Delhi operiert, aber dann, eigentlich ein hoffnungsloser Fall, in der Bundesrepublik kuriert. Sein deutscher Pass ist immer noch des Glückes Unterpfand und sichert das Lebenskünstlertum ab.

Der Aussteiger sieht sich in doppelter Hinsicht als "Ingenieur für Energie". Nach der Schule hat er eine elektrotechnische Ausbildung absolviert, jetzt gilt sein Interesse den mentalen Kraftquellen und spirituellen Schwingungen. Horst liest aus Tarot-Karten, Horst liest aus der Hand, Horst berät bei Bedarf sogar "in Abtreibungsfragen".

Wer dem Tod von der Schippe gesprungen sei, den ängstige nichts mehr, sagt Horst, und wer einmal magische Pilze probiert habe, "der weiß erst, was mit ihm Sache ist". Besonderen Durchblick habe Osho, der frühere Bhagwan, gehabt, ansonsten sei natürlich Buddha wichtig, dem es nachzustreben gelte, "denn wer nicht Buddha ist, ist Micky Maus". Und seine Zukunft? Horsts gegerbtes Gesicht verzieht sich zu unzähligen Lachfältchen: "Total abgefahren!"

Tief hängen die Wolken über dem Kullu-Tal, Regen prasselt auf die Schieferdächer. Im tropischen Goa geht der Monsun dieses Jahr mit einer Wucht nieder, wie sie selbst Ingo und Elisabeth aus Bad Hersfeld nicht kennen - und beide sind seit drei Jahrzehnten in Indien, länger noch als Horst.

Goa, das indische Sylt

Goa, das indische Sylt, setzt neuerdings auf gehobenen Tourismus; die Russenmafia ist da; gegen Kiffer wird immer öfter durchgegriffen; die Zersiedelung dieses mit wollüstiger Vegetation gesegneten Landstriches schreitet voran. Der 66-jährige Ingo, wie die Mehrzahl der berufstätigen Europäer in der Gastronomie aktiv, profitiert zwar vom anschwellenden Gästestrom, aber sein Paradies sah früher anders aus. Am schönsten waren jene Jahre, als das Paar in Strandnähe lebte und Elisabeth jeden Morgen den Bikini anzog, ab ins Meer. Ingo betrieb zunächst am Strand von Candolim das "Coconut Inn", wo Stars wie Gregory Peck, Roger Moore und David Niven auftauchten, dann eröffnete er das "Lila Café", das heute eine Institution ist.

Bald ist der Ausstieg auch aus diesem regulierten Aussteigertum angesagt. Die zwei wollen sich, solide abgefedert, auf eine Plantage in den Süden der Provinz zurückziehen: "Wir haben einen Manager ausgebildet, der das Café weiterführen kann, und unsere indische Krankenversicherung ist so bemessen, dass sogar eine Herzverpflanzung drin wäre."

Selbstredend hatten Elisabeth und Ingo ihre "Freakphase", in der sie ein leichtes Leben führten, in Goa heißt das "sossegado". Ruhiger geworden, raten sie jedem Nachkömmling, "irgendeine nützliche Tätigkeit auszuüben und sei es Kokosnüsse sammeln". Sonst rutsche man ab und bestätige alle Klischees, die über den kleinsten indischen Bundesstaat kursieren.

Die deutsche Honorarkonsulin Cecilia Menezes vermietete vor vier Jahrzehnten Zimmer an die erste Flower-Power-Generation. Bald hüpfte das legere Völkchen nackt im Garten und am Strand. 1980 protestierten Frauen der Stadt Calangute mit einem Schweigemarsch gegen die "typisch weiße Arroganz in einem eroberten Gebiet". 1990 erhielt der ehemalige indische Premierminister Rajiv Gandhi einen Brandbrief wegen jener "Parasiten, die sich vom Blut unserer Nation ernähren".

Die Invasion der Blumenkinder öffnete manchen aber auch die Augen und zeigte, welches Potential die Gegend hat. Der Berliner Architekt Robert, 35, und seine Frau Maritta, eine blonde Halbfinnin, profitieren heute vom ausgezeichneten Ruf jener Deutschen, die hier über die Jahre unternehmerisch tätig geworden sind.

Zwar dauerte es sieben Monate, bis Robert die Zulassung für sein Büro hatte, denn Goas Behörden sind bekannt für Schlendrian und eine gewisse finanzielle Erwartungshaltung. Andererseits bekomme man hier "so viel Vertrauensvorschuss wie nirgendwo in Deutschland", sagt Robert. Anfangs plante seine Firma Strandhütten und Ferienhäuser, jetzt verhandelt sie über zwei Fünf-Sterne-Hotels in Bangalore und Jaipur und beschäftigt ein Dutzend Angestellte.

"Eine gewisse Leichtigkeit, auch im Geschäftsleben", schätzen Maritta und Robert. Zwei Hunde umspringen das Paar, das mittelfristig zwischen Goa und Berlin pendeln will. Die geräumige Villa hat noch Roberts Vater, ein Indien-Fan der ersten Stunde, in seiner Fernwehphase gekauft.

Jenen Landsleuten, die nur abhängen und "nachdenken" wollen, folgen neue, "eher konservative" Nachzügler, beobachtet Maritta. Doch Indien färbt selbst auf die Zielstrebigen ab. "Wir haben beide mit Yoga angefangen", sagt die Diplom-Dolmetscherin, "man wird hier offener für diese Dinge, weil sie in das tägliche Leben integriert sind."

Goa ist provinziell, aber auch polyglott. Robert, der als Kind den Vater oft nach Indien begleitet hat, spricht mittlerweile Englisch mit dem typischen Singsang der Einheimischen. Er wackelt auch wie ein Inder mit dem Kopf - das ist die übliche Form der Bejahung.

Wer hingegen reines Hindi mit tadelloser Grammatik lernen will (oder als Inder einwandfreies Deutsch), der könnte für ein paar Rupien die Fähre über den Mandovi-Fluss nehmen, der Goa in einen Nord- und einen Südteil trennt. In der Flussmitte, auf der Chorao-Insel, einem bevorzugten Wohngebiet, findet er vielleicht die Indologin Barbara und den Germanisten Rainer, ihren Mann.

Modernden Mauern beugen die beiden, gründlich deutsch, mit einer gepflegten Drainage rund um ihr Haus vor. Den mutmaßlichen Idealzustand eines Lebens halb in Goa, halb in Bayern, haben sie verwirklicht. In regelmäßigen Abständen geht es auf die Insel, wo an behaglichen Abenden immer mal Leute aus der deutschen "Community" vorbeischauen.

Heute Abend sitzen Ingo und Elisabeth nebst einer indischen Freundin am Tisch, und die Schwingungen fließen so harmonisch, dass schließlich, als es schon spät ist, die eigentlich wissenschaftlicher Rationalität verpflichtete Gastgeberin halblaut nachdenkt über das Geheimnis Goas und den etwas anderen Alltag dort.

"Es gibt hier magische Plätze", sinniert Barbara, die Indologin, "das ist nicht zu leugnen. Da spürst du eine andere Kraft."