Nahaufnahme: Strategin mit Grazie - DER SPIEGEL
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Nahaufnahme Strategin mit Grazie

Die oberste Planerin der Hamburger Werbeagentur Jung von Matt ist die einzige Frau im Vorstand. Karen Heumann ist ein Star ihrer Branche. Dennoch gilt die 42-Jährige als feminin, charmant und frei von Allüren.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die mächtigste Werberin Deutschlands fläzt sich in der Sofaecke, eingekuschelt in eine hochgeschlossene Strickjacke und nestelt am Reißverschluss unter ihrem Kinn. Abwechselnd fixiert Karen Heumann ihre Mitarbeiter beim Rapport. Es ist Montagmorgen, die 13 Planner berichten über den Status der Aufträge mit wichtigen Kunden, vom Kerngeschäft der Agentur also - und die Chefstrategin von Jung von Matt wirkt so entspannt wie eine Katze am Kachelofen.

"Cool", wirft die 42-Jährige ein, sie hakt nach, mit geschwungenen Wimpern klimpernd, "was sagt deine Freundin zu deinen Baumarktaktivitäten?", oder erzählt, zur Verdeutlichung eines Kommunikationsproblems, von den Handynöten ihres Mannes. "Die heißen nicht so", tadelt sie einmal. Ein Junior-Planner hatte die von ihm für eine Produktstudie befragten Nutzerinnen gerade "Tanten" genannt. "Tussis" feixt ein Kollege, aber Heumann ist längst weiter bei ihrem Wer-macht-was. So halbprivat und lässig die Strategenrunde im gemütlichen "Wozi", dem von Heumann kreierten "Durchschnittswohnzimmer" wirkt: In Wirklichkeit sind alle hochkonzentriert. Denn es geht um Ideen, die die Warenwelt verändern sollen, Ideen, für die Mercedes, Obi oder Bitburger viele Tausende hinblättern. Und die sich anschließend rechnen müssen.

Das Team von Heumann ist einzigartig in der Welt der Werbung, die nach außen glitzert und innen nach Qualm, Männerschweiß und kalter Pizza stinkt. Diese Welt wirbt zwar mit Frauen, und sie wirbt auch oft um Frauen, aber die meisten Drahtzieher hinter den Kulissen sind männlich. Als Heumann 2004 zur Werberin "des Jahres" gekürt wurde, war sie die erste Frau, die den begehrten Titel ergatterte. Ende 2007 war sie eine von vier Frauen auf der "Top 50 Media-Player"-Liste der Fachzeitschrift "Media & Marketing".

Bei Karen Heumann wird nicht geraucht, und konferiert wird auf apricotfarbenen Velourssofas vor Katzenbildern. Die deutsche Familie Jedermann steht nämlich gerade auf Orangetöne und Miezen. Im Haus Jung von Matt bildet Heumanns Etage eine Art Oase. Und das nicht, weil sie die "Planner" unter den 800 Angestellten sind, also die, die im Gegensatz zu "Textern" und "Artern" keine Slogans und Bilder erfinden, sondern die den sogenannten Kreativen die Marschroute vorgeben. Sondern weil die Frau mit dem wippenden Pferdeschwanz ein anderes Regiment führt als die übrigen Hierarchen: nämlich ständig und immerzu im Dialog.

2004 beriefen die Inhaber Heumann in den Vorstand des Erfolgsunternehmens; gerade wurde ihr Vertrag erneuert. Dabei haben ihre fünf Vorstandskollegen es offenbar nicht immer leicht mit ihr. Sie ist die einzige Strategin des Gremiums - und die einzige Frau. "Sie ist so, wie Planner nun einmal sind: Sie hinterfragen vieles und diskutieren intensiv", sagt Holger Jung diplomatisch. Doch der Firmenchef sieht durchaus den Gewinn: "Am Ende steht eine gut begründete Entscheidung."

Karen Heumann erklärt ihre Sicht im "Panter". Ihr Lieblingslokal ist ein Szene-Café, das wie die Agentur im trashigtrendigen Hamburger Karolinenviertel liegt. "Sie hören mir zu", bilanziert sie, "dafür hat sich die Mühe gelohnt, dass man mir zuhört."

Genüsslich pult sie mit langen, manikürten Fingernägeln einen Blaubeermuffin aus seiner Pelle. Sie sagt "man" und meint "Mann". "Es ist ja oft so, dass eine Frau in einer Diskussion etwas sagt, und keiner geht darauf ein. Dann schlägt zwei Minuten später ein Mann dasselbe vor wie diese Frau, und plötzlich schlagen sich alle auf die Schenkel vor Begeisterung über seine tolle Idee." Nüchtern stellt sie das fest, ohne jegliche Empörung oder Betroffenheit.

Die Musik im Panter dröhnt hipp und laut, die Kellnerinnen sind studentisch und unbeholfen, und Karen Heumann ist vergnügt. Hier zu sein bedeutet für sie Freizeit. Sie arbeitet viel, sehr viel, 14-Stunden-Tage sind normal, auch am Wochenende ist sie auf Stand-by. Ihr Mann, mit dem sie seit 13 Jahren liiert ist, ist Geschäftsführer bei Jung von Matt. Er hat meist Verständnis für ihr Engagement, bei dem viele Auswärtstermine anfallen, die Heumann mit dem Zug absolviert, da sie ungern fliegt. Ein Workaholic-Dasein, in dem für eigene Kinder nie Platz gewesen ist. Heumann kümmert sich um streunende Katzen, im Urlaub in Südfrankreich.

In der Provence haben sie sich auch kennengelernt, und es war auf Anhieb eine so große Liebe, dass Heumann dem dunkelhaarigen Beau zurück nach Deutschland folgte. Sie hatte damals gerade in Cannes eine kleine Werbeagentur aufgemacht. Nach dem Abitur in ihrer Heimatstadt Wetzlar war sie nach Frankreich gegangen, "auch eines Mannes wegen. Alle meine Lebensentscheidungen waren komplett romantisch". Im verträumten Aix-en-Provence hat sie Wirtschaft und Germanistik studiert und hinterher noch ein Post Graduate in Marketing an der Universität Marseille absolviert.

Karen Heumann ist Tochter eines Anwalts, ihre Mutter arbeitete als Notargehilfin ihres Vaters, als die Kinder groß genug waren. Bei Tisch drehte sich alles um die Kanzlei, um den Umgang mit Mitarbeitern, um Optimierung der Geschäfte. "Es klingt hoffentlich nicht großspurig, aber ich bin so aufgewachsen, dass für mich immer klar war, dass ich auch mal Verantwortung übernehmen werde." Zumal die Schülerin Karen auffallend gut lernte. Auf einem Kinderfoto sieht sie aus wie ein Junge, drahtig, die Haare ungekämmt, die Knie aufgeschlagen.

"Phantasie ist in meinem Job das Wichtigste. Wichtiger als Intelligenz." Natürlich müsse einer guten Strategie eine exakte Bestandsaufnahme und Analyse vorausgehen. "Aber der entscheidende Schritt ist immer der nach vorn. Der mühsamste. Und der, der mehr erfordert als lineares Denken."

Sie ist immer nach vorn gegangen, "alles andere hätte mich gelangweilt". Mit knapp 30, sie arbeitete damals in Hamburg bei der Agentur BBDO, rief sie ihren Vater an. "Wie gründet man einen Verein?" Sie wollte einen Verband aller deutschen Werbe-Planner gründen. "Damals gab es noch kaum Strategen in den Agenturen, und es gab auch kein Internet. Ich wollte wissen, wer das alles hierzulande macht, wie sie es machen, und wie wir Planning besser etablieren könnten."

"Tu's nicht", sagte ihr Vater. "Ein Verein braucht immer einen Vorsitzenden. Den finden dann alle Scheiße, aber seinen Job übernehmen will auch keiner." "Wir Planner sind anders", habe sie überzeugt entgegnet. Daraufhin schickte der Vater ihr die Satzung eines Kleintierzüchtervereins, "die musste ich dann allein für meine Zwecke umformulieren".

Sie schrieb alle ihr bekannten Werbestrategen an. Lud sie ein. Warb um sie, schmierte Brötchen für die ersten Treffen "und lernte, dass mein Vater recht hatte". Heumanns Verein, die "Account Planning Group Deutschland" ist von anfangs 11 auf mehr als 200 Mitglieder angewachsen, es gibt Jahrestagungen und Fortbildungen. Manch einer neidet ihr den Vorsitz.

"Alle meine Lebensentscheidungen waren komplett romantisch"


"Man darf nie beleidigt sein. Nie." Bei einer Frau habe sowieso jeder den Eindruck, sie hyperventiliere bereits, wenn sie noch völlig ruhig sei. "Das ist das Schlimmste, was einem passieren kann", sagt sie und zieht die Brauen zusammen, "das Allerschlimmste. Wenn ein Mann sagt: Werd jetzt nicht so emotional. Damit erledigen sie dich. Selbst dann, wenn sie selber gefühlsgetrieben argumentieren." Sie selbst reagiere mit Wut, "und damit haben sie dich dann. Wütend verliert man".

Sie ist oft gedemütigt worden. Schon mit 33 wurde Heumann Geschäftsführerin, in Düsseldorf, vom deutschen Ableger der britischen Agentur Leagas Delaney, und es kam vor, dass sie mit männlichen Mitarbeitern bei Kunden erschien, und diese ihre Wünsche ausschließlich an ihre Angestellten adressierten. Eine Präsentation bei der Zeitschrift "Stern" ist ihr besonders im Gedächtnis geblieben. "Ich ging nach vorn und stellte die Strategie vor. Nach mir war einer von den Kreativen an der Reihe. Da unterbrach der damalige Chefredakteur des ,Stern' die Sitzung, nickte zu mir und sagte: Frau Heumann, Sie schreiben dann das Protokoll, ja?"

Zu Jung von Matt kam sie, weil sie widersprach. Sie saß auf einem Podium mit Jean-Remy von Matt, Kompagnon von Holger Jung und unter Werbern als Gottheit verehrt. Sie aber schüttelte den Kopf über seine Vorstellungen von ihrem Fachgebiet, dem Planning. "Das sehe ich ganz anders als Herr von Matt", begann sie ihre Gegenrede. Der war so beeindruckt, dass er sie danach zur Leiterin seines Planning-Stabs machte.

Vielleicht ist Offenheit ihre Geheimwaffe. Sebastian Kemmler, 28, der vor zwei Jahren von Heumann angeheuert wurde und jetzt nach Großbritannien wechselt, grübelt immer noch über das "Mysterium", das seine Chefin für ihn darstellt. "Man fühlt sich schnell als ihr Verbündeter, weil sie sich so offen mitteilt." Als Kemmler ihr seinen Abschied mitteilen musste, kam er sich wie ein Verräter vor. Mit schwitzenden Händen und schnellem Puls betrat er ihr Büro. Doch bevor er noch etwas sagen konnte, hatte sie seine Nervosität schon richtig gedeutet und sagte ruhig: "Du willst kündigen."

Kemmler, Typ Mathe-Genie mit zuckender Mimik und übergroßer Brille, erzählt von einem Teamwochenende, bei dem die Kollegen sich vorab auf Forderungen an Heumann verständigt hatten. Am Ende fühlten sich die zehn Männer wie Schuljungen. "Sie erspürte unser Ziel, bevor wir unsere Positionen vorgebracht hatten. Unsere Argumentationskette brach wie ein Kartenhaus zusammen."

Im Gesicht des Junior-Planners flackert es wieder. "Eigentlich ist sie mehr Künstlerin als Strategin. Eine, die Regeln bricht, eine, die ständig mit neuen Ideen alte über den Haufen wirft." Kemmler hat oft bis spät in die Nacht unter ihrem Perfektionismus gelitten, ihren ewigen Verbesserungen. "Sie ist aber selbst auch extrem leidensfähig", beeilt er sich hinzuzufügen, "sie kann ohne Ende einstecken."

Senior-Planner Michael von Bach ist mit 39 schon ein Veteran. Er hat viele erfolgreiche Frauen in verschiedenen Agenturen beobachtet. "Karen Heumann hat eine andere Art. Andere gute Werberinnen steigen bis zum Supervisor auf. Dann ist Schicht im Schacht. Verärgert begehren sie dann auf, bis sie gegangen werden." Was seine Vorgesetzte besser mache? "Sie imitiert nicht die männliche Art, Macht auszuüben. Sie stellt freundlich Fragen - sehr, sehr kluge Fragen. Das kommt super an."

Sogar bei Kunden, die Männerprodukte herstellen, genießt Heumann einen exzellenten Ruf. "Wir arbeiten mit Jung von Matt zusammen, weil wir mit Karen Heumann arbeiten wollen", stellt Peter Rikowski, Marketing- und Vertriebschef der Bitburger Braugruppe, klar, "nicht umgekehrt". Sie besitze außergewöhnliche strategische Kompetenz. Und sie sei fordernd. "Sie stellt auch uns, ihrem Kunden, kritische Fragen, sie ist oft ungeduldig und unzufrieden. Das bringt uns voran. Dabei ist sie völlig unprätentiös, keine Agenturdiva mit Künstlerallüren, sie ist sympathisch und hat Charme."

Vor einem Jahr hat Heumann für eine ganz besondere Kundin gearbeitet: Alice Schwarzer, aus alter Verbundenheit zur Emanzen-Ikone, die auf einem Foto in Heumanns Büro lachend die Werberin umarmt. "Ich würde gern mehr für Frauen tun", sagt die Simone-de-Beauvoir-Anhängerin entschuldigend. Heumann ist bewusst, dass in ihrer Abteilung fast nur Männer arbeiten. Und dass sich uhrzeitlose Agenturarbeit und Kindererziehung kaum vereinbaren lassen.

Gemeinsam mit ihrem Mann Wolf hat Karen Heumann pünktlich zum Jubiläum von Schwarzers Zeitschrift "Emma" im Internet "Benno - Das politische Magazin von Männern" verbreitet. Als Coverboy des angeblichen Macker-Blatts bleckte der Präsident des Iran seine Zähne, über der Jubelzeile: "Ein Schritt nach vorn im Iran. Männerrechte gestärkt". Und ein Psycho-Ratgeber kündigte Hilfe an zum Thema: "Wenn Frauen uns nicht ausreden lassen ..."

"Vielleicht sind wir mit der Gleichberechtigung schon weiter, als wir dachten", sagt Karen Heumann. Sie kichert. "Es gab Männer, die ,Benno' ernsthaft abonnieren wollten."