Wirtschaft Herr Wang erfindet sich neu
Der Stargast bahnt sich mühsam einen Weg durch die Besucherreihen. Endlich gelangt er an seinen Platz und hockt nun lässig da in Freizeithemd und Jeans, neben ihm liegt ein Stapel Bücher, seine Bücher: die Chronik seiner großen Abenteuerreise durch Westchina und Zentralasien bis nach Indien. Er soll sie signieren.
Immer mehr Chinesen drängen in die überfüllte Pekinger Großbuchhandlung. Die meisten sind um die 20, sie wollen ihn sehen, Wang Shi, 57, den chinesischen Donald Trump, Chef von Vanke, dem größten börsennotierten Immobilienkonzern in Festlandchina.
Als er zu sprechen beginnt, redet er nicht über Chinas Immobilienboom, durch den er 2007 den Jahresgewinn seiner Firma mehr als verdoppelte. Stattdessen berichtet er, warum er auf die Idee kam, Wüsten und Berge zu durchqueren, auf den Spuren des Mönches Xuanzang: Der legendäre Chinese hatte die zehntausend Kilometer lange Route bereits vor 1300 Jahren zu Fuß bewältigt, um buddhistische Texte aus Indien nach China zu bringen.
Baulöwe Wang ist kein Buddhist, aber auch er unternahm die strapaziöse Reise, weil er etwas suchte: sich selbst. Ja, sagt er, seit dieser Tour habe er sogar aufgehört, Alkohol zu trinken. Vor allem aber habe er gelernt, sein Tempo zu drosseln, und das müsse auch China insgesamt lernen, dieses Land, dessen Wirtschaft so rasant wächst, dass es riskiert, sich selbst zu zerstören.
Im Publikum blicken sie sich skeptisch an. Wie bitte, einen Gang zurückschalten? Diese Botschaft haben sie nicht erwartet, jedenfalls nicht vom Tycoon Wang, der über rund 16.500 Beschäftigte befiehlt und überdies noch über ein Heer von Wanderarbeitern, die in 30 Städten in rasendem Tempo ein Wohnprojekt nach dem anderen hochziehen.
Doch ähnlich wie Wang denken und reden inzwischen immer mehr Bosse in China. Es genügt ihnen nicht mehr, ihren Reichtum mit der goldenen Rolex am Handgelenk zur Schau zu stellen und sich an ihren Firmenbilanzen messen zu lassen. Stattdessen wetteifern sie geradezu darum, innere Werte zu propagieren.
Wang gehört zu den Pionieren dieses neuen Trends, nur noch ein Drittel seiner Zeit verbringt er in der Firma, den Rest ist er unterwegs. Als Abenteurer. Oder als Apostel einer neuen Unternehmenskultur, die sich dem Gemeinwohl verpflichtet fühlt. Dabei weiß er natürlich, wo immer er sich zeigt, wirbt er indirekt auch für Vanke, seinen Konzern.
Wang baut Apartments und Villen für Chinas schnell wachsende Mittelschicht, und er hat erkannt, dass seine Kunden nicht nur nach vier Wänden verlangen. Sie wollen auch den passenden westlichen Lebensstil kaufen, den er ihnen nun werbewirksam vorlebt: Im kommenden Jahr will er zum zweiten Mal auf den Everest klettern - und zugleich auf die Gefahren durch den Klimawandel hinweisen. Wang hat den Umweltschutz entdeckt - für sich, für seinen Konzern, für China.
Deshalb durfte der Unternehmer bei einem Reisestopp in Indien sogar Chinas Staats- und Parteichef Hu Jintao feierlich die Hand schütteln, der damals gerade im Nachbarland auf Staatsvisite war. Ähnlich wie Wang predigt auch Hu seinem Milliardenvolk mittlerweile, das Tempo etwas herunterzufahren und die Umwelt mehr zu schonen.
Für Wang bedeutete das Treffen mit dem Staatschef zugleich eine Art Rehabilitierung. 1989 hatte er sich den Zorn der chinesischen Nomenklatura zugezogen. Abertausende junger Chinesen protestierten damals auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking gegen die alte kommunistische Garde. Wang nahm zwar nicht an den Protesten teil, spendete den Demonstranten aber Decken und Zelte. Und als die roten Herrscher den Aufstand brutal niederwalzten, ließ Wang seine Belegschaft am Firmensitz im südchinesischen Shenzhen für die Freiheit demonstrieren. Mit einem Jahr Gefängnis musste er dafür büßen.
Heute lässt sich Wang auf diese Episode nur widerwillig ansprechen. Entscheidend sei doch, sagt er, dass er damals im Land geblieben sei. Auch würde er sich heute anders verhalten: "Oder würde man es etwa im Westen akzeptieren, wenn der Chef einer börsennotierten Firma seine Leute auf die Straße schickt und sie gegen die Regierung protestieren lässt?" Die Antwort gibt er sich gleich selbst: "Das würden die Aktionäre nicht erlauben."
Anfang der neunziger Jahre verziehen ihm die Aktionäre. Der Kurs der Vanke-Aktie schoss in die Höhe. Aktienhandel galt damals für China noch als ideologisches Abenteuer, Vanke war erst die zweite Firma, die an der Börse von Shenzhen notiert wurde.
Das einstige Fischerdorf an der Grenze zu Hongkong ist mit mittlerweile zwölf Millionen Einwohnern abgesehen von Hongkong die Stadt mit dem höchsten Pro-Kopf-Einkommen in China und noch heute Sitz der Vanke-Zentrale. Wang kam als Bauingenieur für die Eisenbahn in die Region. Sein Aufstieg als Unternehmer begann 1983: Damals ging nebenan in der seinerzeit britischen Kronkolonie Hongkong der Konsum von Hühnerfleisch dramatisch zurück, nachdem Meldungen über krebserregende Stoffe im Futter die Runde gemacht hatten. Eine Katastrophe für die vielen Hühnerfarmen und Futtermittellieferanten im benachbarten Shenzhen. Keiner kaufte mehr ihr Hühnerfleisch, keiner mehr ihren Futtermais.
Wang jedoch war davon überzeugt, dass die Angst der Hongkonger sich bald legen würde und kaufte eisenbahnwaggonweise Mais auf. Er hatte richtig spekuliert: Die Geflügelpanik ebbte ab, und Wang konnte als Futtermittellieferant kräftig abkassieren.
Nach einem Abstecher in den Handel mit Computern, Videorecordern und Kopiergeräten stieg er 1988 in das Immobiliengeschäft ein, seinerzeit ökonomisches Neuland: In China hatte der Boden bis dahin dem Staat gehört, erstmals versteigerte die Regierung jetzt Nutzungsrechte an Private.
Bauland für Wohnungen und Fabriken - darauf gründet Chinas Kapitalistenavantgarde inzwischen ihren schnellen Reichtum. Allerdings versucht die Regierung nun, den überhitzten Immobilienmarkt etwas abzukühlen, gerade im olympischen Jahr. Für Wang wiederum eine Chance, sein Image zu polieren. In Shenzhen, wo das Immobilienfieber besonders heftig tobt, senkte er vergangenes Jahr freiwillig seine Preise um 15 Prozent. Es gehe ihm eben nicht um blindes Wachstum, verkündete er stolz.
Auch den Baustil möchte der umtriebige Unternehmer in seinem Heimatland ändern. Bislang geben Chinas meist hastig betonierte Gebäude ein Vielfaches mehr an Energie an die Atmosphäre ab als vergleichbare Gebäude im Westen. Wang will künftig schlüsselfertige Apartments anbieten, nach westlichem Vorbild hergestellt in Fertigbauweise. Dadurch, so Wang, könne Energie gespart, könnten Berge von Müll vermieden und, wenn die traditionellen Holzverschalungen entfielen, auch ganze Wälder vor dem Abholzen bewahrt werden.
Wie Wang erkennen auch andere Unternehmer, dass ihre Firmen langfristig nicht wachsen, wenn Flüsse stinkende Kloaken sind, Bäume sterben und Menschen in den Megacitys kaum noch atmen können.
Die Regierung in Peking, die sonst Umweltaktivisten bisweilen als Staatsfeinde ins Gefängnis werfen lässt, sieht den neuen Trend mit Wohlwollen. Da Chinas Kapitalisten frei sind vom Verdacht, die rote Ordnung, die ihre Privilegien schützt, umstürzen zu wollen, gewährt die Regierung ihnen Freiräume.
Mit hundert anderen Bossen hat Wang eine private Organisation gegründet, um die Ausbreitung der Wüste in der Inneren Mongolei einzudämmen. Statt die Steppe zu roden, um das Gehölz zu verfeuern, sollen mongolische Bauern künftig auf Wind und Sonnenenergie setzen, finanziert und beraten von Wang und seinen Mitstreitern - eine Sensation in einem Land, in dem Staat und Partei sonst stets argwöhnisch auf ihrem Vorrecht bestehen, alle Belange der Gesellschaft selbst zu regeln.
Anfangs hätten die Behörden ihre Aktivitäten misstrauisch beäugt, berichtet Wang. Inzwischen jedoch beteiligen sie sich sogar finanziell an dem Projekt.