Ortstermin Mallorca des Ostens
Landeskenner Anthony Xavier Edwards sagt: "Shanghai war gestern. Die Zukunftsstadt Chinas, der Ort, wo sich die Reichen und Schönen treffen, die Avantgarde - das ist Sanya." Deshalb ist der Australier, der seit Jahrzehnten in der Volksrepublik lebt, mit seinem Business von der Metropole am Huangpu auf die Insel Hainan gezogen. Der schillernde Geschäftsmann berät jeden, der es sich leisten kann, bei der Luxus-Einrichtung seiner Wohnung und verkauft in seiner Boutique extravagante Kleidung. Seine Geschäftsadresse zeigt, wie kosmopolitisch Chinas südlichste Provinz geworden ist: La Floret Shopping Center, Champs Elysées 1, Sanya City.
Lu Zhiyuan, KP-Bürgermeister von Sanya, sagt: "Wir hier im Tropenparadies Hainan sind in allem Spitze - wir haben die besten Golfplätze Chinas und an unseren Stränden die höchste Dichte von Fünfsterne-Hotels." Der rührige Politiker überschlägt sich geradezu beim Verkünden von Superlativen, auch solchen jenseits der wissenschaftlichen Nachprüfbarkeit. "Unsere gute Luft hält alle Viren ab, einschließlich der Sars-Erreger. Die Menschen hier haben die längste Lebenserwartung."
Zhang Zilin, Sekretärin und im Dezember 2007 in Sanya zur schönsten Frau der Welt gekürt, sagt: "Nirgendwo ist es so schön wie auf Hainan, nirgendwo sind die Party-Organisatoren so einfallsreich." Wohl deshalb wurden vier der letzten fünf Miss-World-Wettbewerbe nach Hainan vergeben. Dass jetzt zum ersten Mal eine Einheimische zur Siegerin erklärt wurde, hat die Insel noch mehr in den Mittelpunkt gerückt.
Puderzuckerweiße Badebuchten, heiße Quellen, Haine voller Kokospalmen; teure Strandvillen und erschwingliche Stadtpensionen; eine exquisite Küche und beste Einkaufsmöglichkeiten: Das Eiland ist laut jüngsten Meinungsumfragen Traumziel Nummer eins chinesischer Touristen, für Milliardäre ebenso wie für den Mittelstand. Das Mallorca der Volksrepublik.
Aber Hainans Politiker wollen noch mehr aus Chinas Mini-Provinz machen, der Fläche nach nur ein Drittel größer als Sizilien, mit knapp neun Millionen Einwohnern nicht einmal ein Halb-Shanghai. "Wir werden die Insel zu einem Magneten des internationalen Tourismus entwickeln, pro Jahr 50 Millionen hierherbringen", verkünden sie im Fünfjahresplan.
Ein Versprechen? Eine Drohung? Und warum sehen die Herrscher in Peking die atemraubende Entwicklung Hainans mit so gemischten Gefühlen, dass sie den heißen Süden mal überschwenglich loben, mal wütend tadeln?
Vom Internationalen Flughafen Sanya Phoenix führt eine vierspurige Autobahn zu einem prächtigen Strand, der rund zehn Kilometer langen, feinsandigen, von Palmen gesäumten Yalong-Bucht. Ein halbes Dutzend ältere chinesische Hotels haben sich dort gehalten; dazugekommen ist in den letzten Jahren das Who's Who der internationalen Luxusherbergen: Die Sheraton-Marriott-Hiltons mit ihren großzügigen Gartenanlagen und Pool-Landschaften reihen sich aneinander wie die Perlen einer Kette, dazu hat sich ein exklusives Glitzerding eingefädelt, das Ritz-Carlton.
An einem anderen Strandabschnitt westlich der Stadt liegt das Kempinski Resort, das auf seinem Gelände nicht nur Paulaner-Bier braut, sondern auch mit einem Privatstrand ohne Störung durch Einheimische wirbt - willkommen im "Sozialismus mit chinesischen Kennzeichen".
Dass auf Hainan manches noch besonderer ist als anderswo in China, erfahren ausländische Touristen, sobald sie ein Taxi besteigen. Die Fahrer haben eine offizielle Liste von Touristenzielen. Tianya Haijiao - Das Ende der Welt - gehört dazu, Felsen, die sich wie riesige Murmeln zwischen Hügelketten und türkisfarbenem Wasser formieren und mit alten Inschriften verziert sind; der Nanshan-Tempel mit einer 108 Meter hohen buddhistischen Statue. Dressierte Affen zeigen Kunststücke auf einem Motorrad und geben dann sogar eine Art Peking-Oper zum Besten. Und gern werden Besucher auch den Fünffingerberg hinauf ins wildromantische Landesinnere gebracht, wo ein "Hainan-Museum für Minderheiten" wartet und die Urbevölkerung der Li und Miao - gegen ordentliches Honorar - in bunten Miniröcken "authentische" Erntedank-Tänze zelebriert.
Aber dann gibt es auch noch die inoffizielle Liste der Taxifahrer. Angeführt wird sie von einer Attraktion namens "Massaschi". Und falls der Fremde nicht gleich begreift, werden sie etwas deutlicher: "Sex-Massaschi". In der Touristenhochburg Sanya wie in der nördlich gelegenen, eher industriell geprägten Inselhauptstadt Haikou haben sich ganze Stadtteile in kaum kaschierte Rotlichtviertel verwandelt. Wohl nirgendwo in China gehen Prostituierte so offen ihrem Gewerbe nach wie auf der sündigen Insel. In hochhackigen Pumps und knappen Kleidchen locken sie Gäste in verruchte und verrauchte Karaokebars. Die Frauen kommen aus ganz China.
Hainanerinnen arbeiten weder in der Unterhaltungsbranche noch in "anständigen" Dienstleistungsberufen - wer Grund und Boden besitzt, hat ausgesorgt, hat vermietet oder verkauft. Die Baubranche ist ein großer Geldbringer, noch vor dem Tourismus. Kilometerlang reihen sich Apartmenthäuser die Küsten- und Stadtstraßen entlang, von der zehn Millionen Euro teuren Luxusvilla am Prachtstrand bis zum billigen Einzimmerapartment im Hinterhof wird alles angeboten.
Lange galt Hainan als Hinterhof des Reiches
Fremdsprache Nummer eins in den Bars wie in den Hotels von Sanya ist Russisch, kaum eine Menükarte kommt ohne die Sprache des einstigen ideologischen Konkurrenten aus. Hainan ist in Putins Reich längst kein Geheimtipp mehr. Charterflieger aus Moskau und Wladiwostok bringen wöchentlich Tausende Gäste aus der sibirischen Kälte auf die Urlaubsinsel, vergangenes Jahr kamen rund 150.000 Russen. Auch von Seoul und London-Gatwick gibt es Flugverbindungen nach Sanya, das sich zum internationalen Ferientreffpunkt entwickelt.
Den Tourismus und seine sündigen Auswüchse mag die Partei noch einigermaßen im Griff haben. Mit der ausufernden Korruption, der Vetternwirtschaft und der manchmal provozierenden Eigenwilligkeit Hainans aber hatten die KP-Bosse in Peking ernste Probleme. In den vergangenen Jahren wurden einige hochrangige korrupte Provinzkader ausgetauscht, am Grundproblem scheint sich jedoch wenig geändert zu haben.
Hainan war bei den Pekinger "Söhnen des Himmels" immer schon bekannt fürs Extreme - lange galt die Insel als verachteter Hinterhof des Reiches, geplagt durch ihre wirtschaftliche Rückständigkeit; dann wurde sie berüchtigt für ihre tollkühnen Geschäftspraktiken.
In den Zeiten der Mandarine war Hainan ein Verbannungsort; Straftäter, in Ungnade gefallene Politiker und ausgemusterte Militärs wurden auf die Dschungelinsel fernab der Hauptstadt geschickt. Li Deyu etwa, Minister aus der Tang-Dynastie, bezeichnete seinen Abschiebungsort im 9. Jahrhundert als "Pforte zur Hölle". Bis zum Zweiten Weltkrieg blieb das Eiland am Ende der Welt eine vernachlässigte Größe; dann kamen die brutalen japanischen Besatzer, später die nationalistischen Kuomintang-Truppen und gründeten ihre Militärbasen.
Als Mao Zedong 1949 in Peking das neue China ausrief, kontrollierten immer noch Chiang Kai-sheks Soldaten Hainan. Der Große Vorsitzende erzwang schließlich die "Befreiung" der Insel und forcierte in der Kulturrevolution ihre Besiedlung mit Han-Chinesen. Doch die Volkskommunen zerstörten mit ihrem Reisanbau um jeden Preis und der brachialen Rodung die Natur. Bald waren die Böden ausgelaugt. Zehntausende starben an Krankheit und Entbehrung.
Und dann wurde der wilde Süden plötzlich Avantgarde. Deng Xiaoping machte die Peking-ferne Insel 1988 zu einem kapitalistischen Experimentierfeld - Hainan wurde zur größten der neuen "Sonderwirtschaftszonen", in denen weitgehende Handels-, Investitions- und Steuerfreiheit galt (und bis heute gilt).
Doch so unzähmbar wie die Natur Hainans erwiesen sich auch ihre politischen Gewächse. Hochrangige KP-Politiker Hainans zeigten sich besonders kreativ beim Wirtschaften in die eigene Tasche. So wurden beispielsweise mehr als 89 000 Autos zollfrei aus Japan importiert und zu weit höheren Preisen an die außerhalb der Freihandelszone lebenden Festlandchinesen weiterverkauft, desgleichen 2,9 Millionen Fernsehgeräte, gut 250 000 Videorecorder und 122 000 Motorräder. Militär und Regierung Hainans, besonders unverfroren, setzten zum Transport sogar die Marine der Volksbefreiungsarmee ein. So toll trieben es die Insulaner, dass Peking gar nicht mehr anders konnte, als einzuschreiten - die Insel verlor einige ihrer KP-Führer. Doch bis heute blüht - wollen Eingeweihte wissen - der Nepotismus, vor allem im Baugewerbe.
Das geplante Hightech-Zentrum auf der Insel und die Erschließung der Ölfelder im Südchinesischen Meer kommen nur schleppend voran, obwohl oder vielleicht gerade weil Peking 2004 einen mit allen Wassern gewaschenen Geschäftsmann zum Chef der Provinzregierung ernannte: Wei Liucheng hatte vorher als Vorstandsvorsitzender des Ölmultis CNOOC gearbeitet. Er ist seit 2007 KP-Chef der Provinz.
Manche Geschäfte mögen scheitern, eine Rückkehr zu sozialistischen Geschäftspraktiken ist undenkbar. Der Kommunismus auf Hainan blüht nur noch als Nationalpark: "Das Revolutionsland" soll an das "Bataillon der Roten Frauen" erinnern, die im Dschungel so tapfer gegen die japanischen Besatzer gekämpft haben. Touristen verirren sich selten zu der Gedenkstätte.
Neuer Treffpunkt der Erfolgreichen ist das Kempinski, immer wieder samstags ist High Noon auf Hainan. Da spielt im Paulaner Bräuhaus unter offenem Himmel eine philippinische Band Allerwelthits von "My Way" bis "Feelings". Chinesinnen im Dirndl reichen Thüringer Bratwürste, aus Deutschland eingeflogen, dazu gibt es vor Ort gebrautes bayerisches Bier. Man unterhält sich, schunkelt, tanzt. Chinesen, Russen, Deutsche sind deutlich auszumachen, jeweils in Gruppen. Die Globalisierung und eine chinesische Urlaubsinsel haben die Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen zueinandergebracht. Nicht zusammen - aber vielleicht kommt das noch.