Design: Die Couch zum Bild - DER SPIEGEL
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Design Die Couch zum Bild

Möbelklassiker und zeitgenössische Designobjekte sind begehrt wie nie zuvor. Betuchte Sammler zahlen für seltene Stücke schon mal Millionenbeträge. Der Trend: Design ist die neue Kunst.
Von Jenny Hoch
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Aufregend sieht die Liege aus. Raffiniert glitzernd und kühn geschwungen. Ein Hingucker, aber keiner, an dem man sich schnell sattsieht. Sondern ein Möbelstück, das einen ein Leben lang begleiten könnte. Das Zeug zum Klassiker hat sie, das steht fest. Gut, man müsste für so einen Einrichtungsgegenstand etwas tiefer in die Tasche greifen, aber guter Geschmack war eben schon immer ein bisschen teurer. Nur: Muss er gleich 130.000 Euro kosten?



Da wäre noch ein Problem: Anfassen sollte man die Aluminiumliege "Blo Void 1" lieber nicht. Wegen der Fingertapser. Und sich drauflegen? Gott bewahre! Die filigran gesponnene Oberfläche scheint für eine tatsächliche Benutzung viel zu empfindlich. Und, unter uns: Das Ding sieht eigentlich auch extrem unbequem aus, es ist hart und schmal und bestimmt wahnsinnig kippelig.

Nun ist es natürlich so: Wer sich auf der Art Cologne für ein Möbelstück des israelisch-britischen Designers Ron Arad interessiert hat, der sucht keine gemütliche Lümmelliege für faule Fernsehabende. Nein, wer zum Stand der Designer's Gallery von Gabrielle Ammann gekommen ist, der möchte ein Kunstwerk erwerben - wenn auch in Möbelform.

Die Galerie der ehemaligen Innenarchitektin war in diesem Jahr das erste Mal auf der altehrwürdigen Kunstmesse zugelassen - als erste reine Design-Galerie überhaupt. Im eher traditionell orientierten Kunsthandel mag das ein Novum gewesen sein: Tatsächlich verschwimmen die Grenzen zwischen Kunst und Design immer mehr. Nur altmodische Puristen halten noch eisern an den definierten Unterschieden zwischen den Sparten von dazumal fest, nach denen Design eine Funktion haben müsse, Kunst dagegen nicht. Die Käufer, und vor allem immer mehr Designer, denken längst nicht mehr in derlei Schubladen.

Der vergleichsweise junge Designmarkt profitiert enorm vom extremen Hype auf dem Kunstmarkt. Es herrscht Goldgräberstimmung, ein Eindruck, der sich nicht nur auf der Art Cologne aufdrängte, auf der Ammanns Stand voller strahlender monolithischer Möbelskulpturen ein exotisches Highlight war. Auch international, vor allem in New York, neuerdings Designhauptstadt der Welt, jagt ein Verkaufsrekord den anderen. Ein Ende ist trotz US-Immobilienkrise und drohender Rezession nicht in Sicht. Design scheint auf dem besten Weg, der modernen Kunst in Sachen Geldwert und Prestige den Rang abzulaufen - oder zumindest mit ihr gleichzuziehen. Wie zur Bestätigung dieses Trends hat die Kunstmarkt-Datenbank Artnet ihr Angebot eben um einen Design-Marktplatz erweitert.

Begehrt ist, was rar ist

Mit den für zeitgenössische Kunstwerke gängigen Preisen können Designobjekte zwar noch nicht mithalten, aber auch hier ist die Millionengrenze längst gesprengt: Ein Glastisch des italienischen Designers Carlo Mollino aus dem Jahr 1949 wurde 2005 bei Christie's für sagenhafte 3,8 Millionen Dollar versteigert. Ein echter Überraschungscoup: Auf höchstens 200.000 Dollar war er zuvor von den Designexperten des Auktionshauses taxiert worden.

Ein anderes atemraubendes Beispiel für den rasanten Wertezuwachs auf dem Designmarkt sind die Möbelskulpturen des Australiers Marc Newson. Der silbrig glänzende Prototyp der "Lockheed Lounge", bekannt aus Madonnas Video "Rain", erzielte 2006 bei Sotheby's knapp eine Million Dollar - vor acht Jahren kostete sie noch 105.000 Dollar. Inzwischen brüstet sich der Käufer der Liege, der Galerist Ramis Barquet, das gute Stück schon wieder weiterverkauft zu haben - angeblich für 2,5 Millionen Dollar.

"Das ist eine gigantische Entwicklung, die da stattfindet", bestätigt Ammann, "aber es musste so kommen, schließlich entwickelt sich der Designmarkt immer mehr in Richtung Kunstmarkt - und umgekehrt." Außerdem wollen sich immer mehr Kunstsammler adäquat einrichten, beobachtet die Kölner Galeristin: "Die üblichen Klassiker, also Zwei- oder Dreisitzer von Le Corbusier, hat ja schon jeder. Die suchen nach etwas Neuem." Der prestigebewusste Sammler von heute will nicht mehr ein passendes Bild zur Couch: Er will die Couch zum Bild.

Den Kick des Neuen findet das oft genug schwerreiche Klientel in einem Bereich, für den Alexander Payne, Leiter der Designabteilung des weltweit operierenden Auktionshauses Phillips de Pury in New York, vor wenigen Jahren die griffige Bezeichnung "Design Art" geprägt hat. Gemeint sind jene Zwitter zwischen Kunst und Design, wie sie solche Stars der Branche wie Ron Arad, Marc Newson oder Ross Lovegrove herstellen. Paynes Wortschöpfung "Design Art" für das neue Marktsegment erweist sich als brillantes Marketinginstrument: Der Begriff überträgt das exklusive Flair moderner Kunst wie von selbst auf die meist in stark limitierter Auflage hergestellten Möbelkreationen. Den lukrativen Designmarkt hat dies Image-Lifting noch weiter befeuert.

In puncto Einrichtung hat ein grundlegender Geschmackswandel stattgefunden. Während es sich früher selbst für Sammler moderner Kunst schickte, sich museal mit Möbeln des 18. Jahrhunderts einzurichten, finden die meisten inzwischen, dass modernes Design viel besser zu ihren zeitgenössisch bemalten Leinwänden passt. Denn Designobjekte sind inzwischen nicht nur genauso repräsentativ wie Biedermeier- und Barockmöbel. Sie stehen auch für einen modernen, der Zukunft zugewandten Lifestyle.

In Zeiten, in denen alle Welt am eigenen Image bastelt, ist das ein unschätzbares Plus. Trendforscher wie der Hamburger Peter Wippermann sprechen von gezieltem "Identitätsmanagement". Die alte Frage nach dem "Wer bin ich?" werde inzwischen durch "Wer will ich sein?" ersetzt. Dank unendlicher Wahlmöglichkeiten ist Identität nicht mehr wie früher statisch definiert, sondern in stetem Fluss.

Dabei geht es nach wie vor darum, von seiner sozialen "Peer Group" (modern für "Standesgenossen") Anerkennung zu erfahren. Die einen heischen, ihr Innerstes nach außen kehrend, in Internet-Portalen oder TV-Shows um Aufmerksamkeit. Die anderen setzen auf Statussymbole - ein schnittiges Auto, eine angesagte Handtasche oder ein neuer Busen. Und die wirklich Reichen engagieren eben einen Kunstberater oder einen Design-Coach, der ihnen eine schicke und vor allem exklusive Sammlung aufbaut, mit der sie renommieren können.

Begehrt ist, was rar ist. Rar sind vor allem Prototypen und Unikate. Anders als früher erzielen längst nicht mehr nur Klassiker wie Möbel von Charlotte Perriand, Jean Prouvé oder den Bauhaus-Gestaltern Höchstpreise. Zunehmend erzielen auch Einzelstücke von Zeitgenossen Rekordpreise. Eine Entwicklung, die die Designbranche grundlegend verändert.

Jahrzehntelang wollten die Künstler nichts von Designern wissen und hielten sich umgekehrt Designer nicht für Künstler. Die Reviere waren klar abgesteckt. Design galt als Gebrauchsdisziplin, sollte zwar gut aussehen, vor allem aber funktionieren und nahezu perfekt ausgeführt sein. Auf Kunstmessen hatte Design nichts, aber auch gar nichts zu suchen. Die Kunst dagegen konnte sich frei von jeglicher Funktionalität seit je alles erlauben.

Inzwischen gehört es für viele Kunstgalerien zum guten Ton, auch Designer zu vertreten. Den Trend mitbegründet hat der New Yorker Galeriefürst Larry Gagosian. Er stellte 2007 als erster Kunstgalerist Objekte von Marc Newson aus. Das Magazin "The New Yorker" lästerte: "Es scheint, als ob der Museumsshop das Museum übernommen hätte." Doch das konnte den Siegeszug der Design-Vermarktung nicht aufhalten. Als Folge haben nicht wenige Designer ihre Arbeitsweise den Gepflogenheiten des Kunstmarktes angepasst. Anstatt nach Produzenten zu suchen, die ihre Objekte zu erschwinglichen Preisen in Serie produzieren, entwerfen sie zunehmend direkt für den Exklusivmarkt und sorgen oft genug persönlich dafür, dass die Prototypen ihrer Entwürfe schnell auf Auktionen auftauchen.

So geschehen bei Zaha Hadids "Aqua Table" von 2005. Kaum waren die ersten Stücke des kühnen Tischs erhältlich, da wurde einer der beiden Prototypen bei Phillips de Pury für 296.000 Dollar versteigert.

"Design gleicht sich immer mehr der Mode an"

Jüngere Branchenstars wie der Niederländer Maarten Baas verstehen sich darauf, mit skurrilen Methoden begehrte Unikate zu schaffen: Für seine "Smoke"-Serie bearbeitete Baas Klassiker wie den Zigzag-Chair von Gerrit Rietveld mit der Flamme eines Gasbrenners, bis die Stuhl-Ikone sich in ein angekokeltes Skelett ihrer selbst verwandelt hatte. Auf Anfrage kommt der Pyro-Designer bei seiner illustren Kundschaft höchstpersönlich vorbei und verwandelt das Wohnzimmermobiliar in eine schwarz geränderte Kunstlandschaft. Der italienische Inneneinrichtungs-Guru Fabio Novembre ließ Baas eine ganze Wand seines Kaminzimmers ansengen.

Wie geschmeidig die Design-Branche mit den bisweilen absurden Mechanismen des Kunstgeschäfts umzugehen vermag, zeigt der Fall der französischen Superstar-Brüder Bouroullec. Als ihr ungewöhnliches Bett-Haus "Lit clos" bei Cappellini als Industrieprodukt herauskam - in Serie und zu einem vergleichsweise vernünftigen Preis, interessierte sich kein Mensch dafür. Erst als die Pariser Galerie Kréo es in einer Auflage von nur acht Stück zum "Design Art"-Objekt hochjubelte und zusätzlich zwei besondere "Künstler"-Stücke und zwei Prototypen anbot, mutierte es zum teuren Kunstmarkt-Hit. Für 96.000 Dollar kam es unter den Hammer.

Schwindelerregenden Auktionsrekorden und boomenden Designmessen wie der 2005 gegründeten "Design Miami/Basel" zum Trotz: Dem New Yorker Galeristen Kenny Schachter ist die Entwicklung zu langsam. Er fühle sich in reinen "Kunst-Ghettos" nicht wohl, behauptet er, und schmuggelt als Gebrauchsmobiliar deklarierte Designer-Stühle auf Kunstmessen. "Ich brauche schließlich Sitzgelegenheiten für die Kunden", lautet seine Standardentschuldigung gegenüber der Messeaufsicht, die nur die übliche Flachware an den Ständen dulden will.

In Wahrheit verkauft Schachter die exotischen Sitzmöbel, wie zum Beispiel einen knatschorangefarbenen Plastikstuhl von Tom Dixon, an betuchte Kunstsammler. Dass der wegen seiner spaghettiartigen Struktur nur bedingt zum Gebrauch taugt, stört wenig. Dafür sind die unnützen Sitzgelegenheiten umso teurer: Den "Extruded Plastic Chair" aus der Zehner-Edition bietet das Verkaufsgenie in London für je 12.500 Euro an, der Prototyp von Dixons erfolgreichen "Fat Chaise" kostet gar 60.000 Euro.

Nicht alle betrachten den Designboom und die Tatsache, dass Möbeldesigner zunehmend wie Modelabels behandelt werden, mit Wohlgefallen. Torsten Bröhan, Designsammler der ersten Stunde, hat zwar schon immer Kunst und anspruchsvolles Design als gleichwertig betrachtet. Sorgen macht ihm, dass die Gestalterbranche sich vermehrt kurzlebigen Trends unterwirft: "Design gleicht sich immer mehr der Mode an, man kann sich damit schmücken und vom Rest abgrenzen. Um die kunsthistorische Bedeutung von Objekten geht es kaum noch." Bröhan selbst hat seine umfangreiche Sammlung, die er in seinen Berliner Räumen auch der Öffentlichkeit zugänglich macht, eher nach akademischen Kriterien angelegt. Er will Entwicklungen nachzeichnen und Bezüge sichtbar machen.

Auch die Käuferstruktur habe sich erheblich verändert. "Früher, als ich noch als Galerist arbeitete, hatte ich fast ausschließlich mit Museumsleuten zu tun", sagt der 60-jährige Berliner. Inzwischen hätten die Museen kaum noch Etats für größere Anschaffungen, "also verschwindet alles in Privatsammlungen".

Neugierig ist der studierte Betriebswirt und Kunsthistoriker noch immer, er streift über die Abschlussausstellungen der Designakademien, geht auf Auktionen und beobachtet das Angebot der Galerien. Die meisten der international inzwischen hochgejubelten Designer hält Bröhan aber für überbewertet: "Alles, was originell aussieht, kann heute verkauft werden. Aber ich sehe kaum noch wirklich innovative Lösungen. Der große Wurf fehlt."

Anfang der neunziger Jahre hätte er in New York die Gelegenheit gehabt, ein Exemplar von Marc Newsons heute millionenteurer "Lockheed Lounge" zu erstehen - für gerade einmal 10.000 Dollar. "Newson wäre damals froh gewesen, endlich einen Käufer gefunden zu haben", erzählt Bröhan. Ein Exemplar der Liege habe lange im Paramount Hotel gestanden. Doch zum Kauf habe er sich nicht entschließen können: "Sie hat mich einfach nicht überzeugt."