Architektur Wie eisbärschonend wohnen Sie?
Rainer Grießhammer, Erfinder der CO2-Diät des Freiburger Öko-Instituts, hat eine Vision: Dass Immobilienanzeigen künftig neben Miet- oder Kaufpreis, Balkon oder Terrasse, Voll- oder Duschbad eine weitere Größe ausweisen - nämlich den Energiestandard.
Derzeit sind es im Schnitt 17 Liter Heizöl (155 Kilowattstunden) pro Quadratmeter und Jahr, die Wohnraum in Deutschland schluckt. Bei dieser Größenordnung liegt Familie Statsch aus Hamburg. Sie hat sich mit zwei weiteren Familien an einem Test beteiligt, den das Öko-Institut für SPIEGEL SPECIAL durchgeführt hat: "Wie klimaschonend wohnen Sie?", lautete die Testfrage. Alle drei halten sich für Umweltfreunde: Die Statschs, weil sie Wege zu Fuß oder per Fahrrad erledigen, die Familien Mertens und Wollmer, weil sie in neuen, gut gedämmten Häusern im Grünen leben.
Am wenigsten Kohlendioxid verursacht Familie Mertens. Zwar ist ihr Haupternährer ein klassischer Pendler: In sein 30 Kilometer entferntes Büro fährt Michael Mertens aber per Rad und Bahn. "In einem Niedrigenergiehaus zu wohnen und dann mit dem Auto die Umwelt zu verpesten ist doch unlogisch."
Für CO2-Sparpapst Grießhammer sind aber auch die Mertens mit einer Jahresemission von 7,6 Tonnen Kohlendioxid weit über dem Möglichen. Weniger als ein Drittel dieses Verbrauchs, nämlich rund zwei Tonnen pro Jahr, sei machbar. Familie Öko-Mustermann könnte dabei ebenfalls auf 105 Quadratmetern wohnen, und zwar in einem Passivhaus (410 Kilogramm CO2), dürfte 9100 Kilometer im Drei-Liter-Auto plus 4000 S-Bahn-Kilometer pro Jahr fahren (1252 Kilogramm) und würde dank Energiesparlampen, einem neuen Kühlschrank der energieeffizientesten Klasse A++ sowie einer sparsamen Waschmaschine und durch die Vermeidung von unnötigem Stand-by-Modus lediglich 2500 Kilowattstunden verbrauchen - natürlich Öko-Strom (375 Kilogramm CO2).
So eine Familie müsste "nicht einmal auf Komfort verzichten", betont Grießhammer. Und könnte gegenüber den Eisbären ein besseres Gewissen haben.
FAMILIE STATSCH
Die Lehrerin Angela Statsch, ihr Mann Joachim und ihre drei Söhne Philipp, 21, Patrick, 19, und Raphael, 16, leben in der Stadt - aus Überzeugung. Ihre 105 Quadratmeter große Genossenschaftswohnung, die in Hamburg-Eimsbüttel liegt, hat einen Balkon zum Isebek-Kanal. Von ihrem Zuhause aus sind Schulen, Supermärkte, Kinos, Ärzte, Sportplätze und Kneipen so nah, dass die Familienmitglieder die meisten Wege per Rad oder zu Fuß erledigen. Nur Joachim Statsch, von Beruf Koch, hat es so weit zur Arbeit, dass er zu seinem Bedauern "viel zu oft" den Passat benutzt.
FAMILIE WOLLMER
Das 178 Quadratmeter große rot-weiße Holzhaus im 600-Seelen-Dorf Traventhal, 60 Kilometer nördlich von Hamburg, versprüht Bullerbü-Charme. Entworfen hat es der Architekt Göran Wollmer, der hier mit seiner Frau Bianca und Luca, 14, Anouk, 2, und Bennet, 1, wohnt. Das Haus wird mit Erdwärme geheizt, irgendwann sollen Sonne und Wind für eigenen Strom sorgen. Göran Wollmer pendelt mit seinem Ford Diesel in die Stadt; seine Frau fährt einen Volvo für Einkäufe und Arztbesuche. Wenn sie nach der Elternzeit wieder beruflich einsteigt, kann sie mit dem Rad zur Arbeit: Der Kindergarten, den sie leitet, liegt in einem Nachbardorf.
FAMILIE MERTENS
Das Niedrigenergiehaus von Familie Mertens in Quickborn ist aus innen verputztem Holz, hat dreifach verglaste Fenster, Gastherme und Sonnenkollektoren. Seit einem Jahr wohnen hier die Grafikdesignerin Barbara Mertens und ihr Mann Michael, Wirtschaftsinformatiker, mit Ansgar, 14, Ronja, 11, und Ingmar, 7, sowie dem Husky Anuq. Die Kinder radeln zur Schule, für Spaziergänge mit dem Hund bietet das Naherholungsgebiet nördlich von Hamburg herrliche Wälder und Felder. Michael Mertens braucht mit Rad und Bahn 50 Minuten bis zu seinem Schreibtisch in der Hamburger Innenstadt.