Städtebau: Zauberformel für die HafenCity - DER SPIEGEL
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Städtebau Zauberformel für die HafenCity

Der größte innerstädtische Umbau in Europa findet derzeit in Hamburg statt. Die Hansestadt will die Einwohnerzahl in der City verdoppeln; Büros, Museen und Läden sollen entstehen - mit neuen Wohn- und Flaniermeilen in der alten Speicherstadt.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Vor über hundert Jahren überließ Hamburg seine Elbe den Frachtern, den Verladekränen und Kaffeehändlern. Jetzt entdeckt die Stadt ihren Fluss für sich selbst. Wenige hundert Meter von Hauptbahnhof und Jungfernstieg entfernt wächst auf dem ehemaligen Freihafen-Areal das größte innerstädtische Bauprojekt Europas - die HafenCity.



Spätestens bis zum Jahr 2025 soll alles fertig sein, ein gutes Drittel der Fläche ist bereits bebaut. Ein gigantisches Versprechen ist die zum Stadtteil beförderte Baustelle schon jetzt: Über sechs Milliarden Euro sollen in diese 155 Hektar fließen, mehr als 40.000 Menschen dort arbeiten, rund 12.000 wohnen.

Hamburg hat sich viel vorgenommen. Dafür sprechen neben den Zahlen die Namen derer, die der Michel-Stadt architektonische Ausrufezeichen verleihen sollen: Im Westen setzen die Schweizer Stars Herzog & de Meuron dem alten Kaispeicher A einen gläsernen Konzertsaal auf - die "Elbphilharmonie". Im Osten der Speicherstadt soll bis 2010 die SPIEGEL-Gruppe ihren neuen Sitz bekommen, entworfen von Henning Larsen Architects aus Kopenhagen. Und mitten in der neuen City will der Niederländer Rem Koolhaas das "Science Center" bauen, ein Wissensmuseum, das aussieht, als habe man Container zu einem riesigen "O" getürmt.

Anders als in Rotterdam, Oslo oder Stockholm, wo man ebenfalls alte Hafenflächen umwidmete, will Hamburg den Stadtkern erweitern, keine Peripherie bauen. Die Einwohnerzahl der Innenstadt soll sich verdoppeln. "City und HafenCity sind eins. Wir wollen", sagt Hamburgs Oberbaudirektor Jörn Walter, "Urbanität herstellen." Urbanität aber bedeutet: Leben. Doch wie haucht man einem neuen Quartier Leben ein, einem Retorten-Baby aus Glas, Stahl, Klinker, Beton?

Weltweit sind solche Experimente schon oft missglückt, auch in Hamburg. Mit der City Nord etwa, einer in den Sechzigern entstandenen Bürolandschaft: Die Architektur preisgekrönt - aber Leben? Auf den Friedhöfen der Hansestadt ist mehr los. In London hatte man sich in den Achtzigern an der Themse versucht, und war zunächst grandios gescheitert. In Margaret Thatchers Großbritannien hatten die Investoren auf den Docklands freie Hand. Auf der Suche nach dem schnellen Pfund pflasterten sie öde Büroklötze hin, es mangelte an Verkehrsverbindungen, an bezahlbarem Wohnraum auch.

"Das Ziel war, sehr schnell sehr viel Geld zu verdienen", sagt der Architekt Martin Murphy vom Hamburger Architekturbüro Jan Störmer Partner, das in der HafenCity unter anderem den Sitz des Logistikkonzerns Kühne + Nagel gebaut hat. Als Student in London sah der Ire damals vor Ort, was in den Docklands verbrochen wurde: "Ein städtebauliches Nichts, tote Stadt. Auch deswegen blickt die Welt auf Hamburg."

Dort, mitten in der HafenCity, residiert Jürgen Bruns-Berentelg in einem schmucklosen Reedereigebäude. Ringsherum nur Kräne, Sand und planiertes Gelände: Von hier aus will der Geschäftsführer der städtischen Entwicklungsgesellschaft HafenCity Hamburg GmbH neues Leben gedeihen lassen.

Fragt man ihn, was besser laufe als früher in Hamburg oder in Londons Docklands, antwortet er: "Alles. Und nichts schlechter." Die City Nord habe man ja als "Innenstadtentlastungsstandort" geplant: "Büros, Büros, Büros. Wie hätte dort Leben entstehen sollen?" Bruns-Berentelg dagegen kennt ein Zauberwort, das wenig zauberhaft klingt: "Nutzungsmischung".

Die zugehörige Zauberformel lautet: 50 Prozent Büros, 20 Prozent Sondernutzer, Hotels sind damit etwa gemeint, oder Museen - und 30 Prozent Wohnen. Ein Masterplan aus dem Jahr 2000 gab grob diesen Mix vor. Manche, wie etwa Architekt Murphy, finden, "dass mehr Wohnungen guttäten, aber Investoren verdienen nun einmal mehr an Büromieten".

Im Gegensatz zu vielen angelsächsischen Projekten parzellierten die Hamburger Planer große Flächen des Gesamtareals in kleine Areale. Die Architekten müssen sich Wettbewerben stellen. Mehrere Büros reichen Entwürfe ein, dann tagt ein Preisgericht. Vertreter der Baubehörde und andere Architekten sitzen in der Jury, Experten für Immissions- oder Hochwasserschutz beraten die Juroren. Am Ende baut - meistens - der Sieger. Die Idee dahinter: gute einzelne Bauten, im Einklang mit dem Stadtbild, dem Wettbewerb sei Dank. Das städtebauliche Ziel kann man auf die Formel bringen: Einheit in der Vielfalt.

"Architekturzoo" oder "Großstadtatmosphäre"?


Der erste Bauabschnitt wurde besonders kleinteilig vergeben. Es ist die westliche Speicherstadt, die die beste Wohnlage mit Blick auf die Elbe und die Kranlandschaft des Hafens am gegenüberliegenden Ufer bietet. Die Planer orientierten sich an Gründerzeithäusern, wie sie etwa im Hamburger Stadtteil St. Georg zu finden sind. Baudirektor Walter spricht dabei stets von der "Körnung" - die relative Größe der Gebäude und Grundstücke -, die hier besonders klein ausfallen solle. Doch bereits jetzt, obwohl nicht einmal alle Häuser im Westteil stehen, sehen manche Kritiker das Ziel von der Einheit in der Vielfalt in weite Ferne gerückt: Von einem "Architekturzoo" wurde gar gelästert.


Ganz unzutreffend ist die Polemik nicht. Da trägt ein Haus einen Fassadenmix aus Glas, Aluminium und Terrakotta zur Schau, ein paar Schritte weiter steht dann ein Gelbklinker, daneben ein dezentes Ziegelrot. Und obwohl die Bauten nicht recht zusammengehören mögen, stehen sie sehr eng, wie nebeneinander plazierte Würfel, wegen der regelmäßigen Elbe-Hochwasser auf acht Meter hohen Poldern oder Sockeln. Manche haben sieben Stockwerke, andere acht. Die Erdgeschosse sind fünf Meter hoch, damit, wenn die HafenCity einmal lebt, dort Geschäfte Platz finden können. Wuchtig, schluchtig und abweisend wirkt das, geht man dort spazieren. Vom Fluss sieht man fast nichts.

Hamburgs Bau-Chef Walter nennt das "Großstadtatmosphäre" und betont: "Wir wollen ja Urbanität, keine Siedlung am Wasser wie in Stockholm oder Amsterdam." Bei aller Freude am neuen Hamburg der architektonischen Leuchttürme von Koolhaas und Co. - wer die würdigen wolle, müsse eben auch "Normalität bauen", sozusagen als Kontrast.

Einzeln betrachtet, da sind sich die Kritiker überwiegend einig, seien die meisten dieser "Normal"-Entwürfe ja durchaus architektonisch gelungen. "Leider stehen die ersten Häuser der HafenCity in keinem Bezug zueinander. Es bleiben Einzelbauten, nicht sehr typisch für diesen spezifischen Standort", sagt Hadi Teherani, Hamburger Architekt iranischer Herkunft und bekannt für seine extravaganten Entwürfe.

Man hätte mehr Rücksicht nehmen müssen auf den Genius Loci, den Geist des Ortes, findet Teherani. Auf die Kulisse der Speicherstadt mit ihren dunkelroten Ziegeln etwa, dieses Ensemble aus prächtigen Lagerhäusern aus dem 19. Jahrhundert, das die HafenCity von der jetzigen Innenstadt scheidet. Und: Wo eigentlich spiegelt sich in den Entwürfen der Hafen, die Elbe - die Nähe zum Wasser?

Diese Frage treibt auch den Hamburger Architekten und Stadtplaner Volkwin Marg um. Er hatte 1996 die erste Machbarkeitsstudie zur HafenCity erstellt; jetzt sieht er sich ein bisschen wie ein Vater, der sein Kind zur Adoption freigegeben hat. Väterlich streng stellt er die Kardinalfrage: "Wie schärfe ich als Stadt meine Identität?"

Maritim, klar, das finden auch die Adoptivväter, soll es hier zugehen. Zumindest dem Namen nach: Es gibt einen Vasco-da-Gama-Platz, Magellan-Terrassen, Marco-Polo-Terrassen. Weltläufig klingen diese Namen und nach Entdeckergeist, mit Lampen, die an Hafenkräne erinnern sollen, und "Lungomares" für die Besucher, gewundenen Liegen aus Stein, die Meereswellen nachempfunden sind. Das zwischen spanischem Modernismo und Neo-Barock changierende Ensemble stammt vom Architektur-Büro EMBT aus Barcelona, das sein Meeresmobiliar schon an der dortigen Strandpromenade aufstellte. Hanseatisch wirkt das alles nicht, sondern eher wie ein mediterranes Design-Disneyland.

Doch für wen eigentlich wird hier designt und gebaut? Wer einen neuen Stadtteil plant, muss auch beantworten, wer darin leben soll. Im Westen zogen 2005 die ersten Bewohner ein, mehr als 1000 Einwohner wird die HafenCity bis zum Jahresende haben. Kaum rollten die Umzugswagen an, regte sich Unmut: Nur Reiche! Zu viele Emptynester, ein Sozio-Slang-Begriff für fidele und finanziell abgesicherte Senioren, deren Kinder aus dem Haus sind und die sich nun ein schickes Altersdomizil an der Elbe gönnen. Eine Mischung aus Gerontopark und Mini-Dubai dürfte kaum jene lebendige Elb-City ergeben, die Hamburgs Planer zu erschwärmen suchen.

Kampf gegen den Speckgürtel


Die Verantwortlichen geben indes durchaus zu, dass die HafenCity verhindern soll, den Speckgürtel um den klammen Stadtstaat noch fetter zu machen - dass also eher Gutbetuchte herziehen sollen. Menschen etwa wie jene Emptynester, sagt HafenCity-Manager Bruns-Berentelg, sowie "multilokale Haushalte, die gleichzeitig in London, Frankfurt oder Brüssel leben und arbeiten". Die Spezies, die der amerikanische Soziologe Richard Sennett "flexible Menschen" getauft hat, Leute, die viel Geld haben und wenig Zeit, und eine schicke Bleibe suchen. Das "Yoo"-Haus am Dalmannkai bietet diesen Schick: 63 Luxusapartments des französischen Designers Philippe Starck stehen hier für bis zu 7000 Euro pro Quadratmeter zum Verkauf.


Ob aber Senioren und Edel-Globetrotter den Stadtteil zum Leben erwecken können? Da ist sich auch Bruns-Berentelg nicht sicher, "doch auch sie gehören zur Stadt". Und weil Hamburg nichts falsch machen will, erforschen nun Soziologen seit gut anderthalb Jahren die Bedürfnisse der Bewohner des neuen Stadtteils, in Tiefeninterviews.

Bruns-Berentelg weiß allerdings schon jetzt, dass "Netzwerke unter den Bewohnern entstehen müssen", er nennt das "Sozialkapitalbildung". Darum fungiert einer der Soziologen als Geburtshelfer für das Quartiersleben - "im Gegensatz zum klassischen Quartiersmanager, der sich auf soziale Problemfälle konzentriert, statt Impulse zu geben". Er ermuntert Bewohner zu nachbarschaftlicher Initiative und verteilt Welcome Packages wie ein Animateur im Club Med: grüne Pappmappen mit Anschreiben, ein Buch zur Geschichte des Viertels und seine Visitenkarte.

Susanne Wegener freut sich über diesen Mann, den sie "unseren Kümmerer" nennt. Vor zwei Jahren ist die 58-Jährige mit ihrem Mann in ein Baugenossenschafts-Haus gezogen, 42 Mietwohnungen, erschwinglich mit Quadratmeterpreisen von 9,50 Euro. Die Behördenangestellte ist eine jener Menschen, auf die Bruns-Berentelg zählt: "Nicht nur Senioren mit viel Zeit engagieren sich", weiß der HafenCity-Manager, "sondern Leute jenseits der 45, beruflich engagiert, sehr gut im Organisieren und Vernetzen".

Jemand wie Wegener eben, eine Frau, die Nachbarn einlädt zum monatlichen "Klönschnack" und die sich zur Vorsitzenden des "Störtebeker SV", des ersten Sportvereins des Stadtteils, hat küren lassen, obwohl sie "total unsportlich" sei. Den Verein habe übrigens der Kümmerer mit ins Leben gerufen.

Ihr Leben lang nun wohne sie in Hamburg, "doch so", sagt Wegener, "war es nirgends. Unglaublich auch, wie ernst wir mit unseren Problemen genommen werden. Aber Planer und Investoren wollen ja, dass das Quartier einen guten Ruf hat". Und so wird, wenn die Welt auf Hamburg blickt, Susanne Wegeners Wohnglück zum Standortfaktor und betreutes Wohnen à la HafenCity zur Investition. Denn das Image der HafenCity muss tadellos sein, will man Unternehmen ansiedeln.

Und wenn man Touristen will: Bis zu 70.000 Tagesbesucher sollen dereinst durch die HafenCity schlendern. Ein Maritim-Museum mit Buddelschiff-Appeal im historischen Kaispeicher B soll sie anlocken sowie der von dem Italiener Massimiliano Fuksas entworfene Kreuzfahrtterminal. Shoppen sollen sie, im Überseequartier, dessen Grundstein letztes Jahr gelegt wurde. Dort soll das "Herz der HafenCity" schlagen, eine City in der City, angebunden durch eine neue U-Bahn, mit einem flussgleich mäandernden Einkaufsboulevard, rund 400 Meter lang.

Die Shopping-Meile entwickelt ein deutsch-niederländisches Konsortium. Noch steht kein einziger Bau. Auch der Großinvestor kam nicht um Architektur-Wettbewerb und Bauauflagen herum. Angelehnt an die Speicherstadt, soll hier alles rotziegelfarben werden, Walters Körnung ist gröber hier, "Zwanziger-Jahre-Kontorblock", wie der Baudirektor sagt.

Die wichtigste Auflage aber: kein Einkaufszentrum! Denn so ein Shopping Center ist sich selbst genug, schließt sich ab von der Stadt. Doch welche Läden sollen sich hier einmieten? "Da bin ich auch gespannt", sagt Walter. "Der Einzelhandel ist ja sehr vorsichtig, der lässt sich nicht zu Prognosen hinreißen. Besonders die Kleinen, die Nicht-Ketten, warten bis zum letzten Moment."

Und so heißt es warten, bis das Herz auch wirklich zu schlagen beginnt.