Die Deutschen im Ausland: Zeitenwende im Kino - DER SPIEGEL
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Die Deutschen im Ausland Zeitenwende im Kino

Jahrelang galten Filme aus Deutschland auf dem Weltmarkt als unverkäuflich, doch inzwischen sind sie Exportschlager und holen Oscars. Nun arbeiten immer mehr deutsche Schauspieler wie Moritz Bleibtreu oder Regisseure wie Robert Schwentke in der Traumfabrik.
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Vor genau zehn Jahren begann eine rothaarige junge Frau namens Lola einen Lauf, der sie einmal um die Welt führte. Doch sollte zunächst niemand wissen, für welche Nation sie angetreten war. Dass sie Deutsche war, schien ein schweres Handicap zu sein.

"Damals galten deutsche Filme im Ausland als Kassengift", erinnert sich Stefan Arndt, Produzent von "Lola rennt". "Deshalb wollte der französische Verleih verheimlichen, dass es sich um eine deutsche Produktion handelt. Leider haben sie auf das Plakat gedruckt, dass Lola im Film für die Summe von 100.000 Mark rennt - und nicht Francs oder wenigstens Dollar!"

Tom Tykwers Mischung aus Experimentalfilm und Actionthriller mit Franka Potente, die als rote Lola durch Berlin rennt, um für ihren schusseligen Freund (Moritz Bleibtreu) eine Plastiktüte mit 100.000 Mark wiederzufinden, war weltweit ein Renner - in Frankreich allerdings nicht.

Der Film machte Tykwer zum gefeierten Regie-Star, ebnete seiner Hauptdarstellerin den Weg nach Hollywood und leitete eine Zeitenwende im deutschen Kino ein: "Made in Germany" wurde auch im Filmgeschäft weltweit wieder zum Gütesiegel.

Seit dem triumphalen Marathonlauf von "Lola rennt" gewann der deutsche Film kontinuierlich an internationaler Reputation. Viermal waren deutsche Produktionen in den vergangenen fünf Jahren für den Auslands-Oscar nominiert, zweimal gewannen sie die begehrte Trophäe: 2003 Caroline Link für ihr Emigranten-Drama "Nirgendwo in Afrika", 2007 Florian Henckel von Donnersmarck für sein Stasi-Melodram "Das Leben der Anderen".

Wolfgang Beckers Wende-Komödie "Good Bye, Lenin!" (2003), Oliver Hirschbiegels Hitler-Epos "Der Untergang" (2004) und Donnersmarcks Film zusammen spielten weltweit an den Kinokassen fast eine Viertelmilliarde Dollar ein - mehr als das Zehnfache ihrer Produktionskosten. "Es hat sich gezeigt, dass man mit deutschen Filmen richtig Geld verdienen kann", sagt Christian Dorsch von German Films, der Auslandsvertretung der heimischen Filmbranche.

Dieser Boom hat dazu geführt, dass immer mehr deutsche Schauspieler wie Moritz Bleibtreu, Daniel Brühl oder Alexandra Maria Lara international arbeiten. Heftig umwirbt Hollywood Regisseure aus Deutschland. In den letzten drei Jahren drehten unter anderem Robert Schwentke ("Flightplan"), Oliver Hirschbiegel ("Invasion"), Mennan Yapo ("Die Vorahnung"), Christian Alvart ("Case 39"), Marco Kreuzpaintner ("Trade") oder Sandra Nettelbeck ("Helen") in den USA. So viele deutsche Regisseure debütierten seit den dreißiger und vierziger Jahren nicht mehr in Hollywood. Damals waren die meisten Filmschaffenden allerdings nicht aus freien Stücken in die USA gegangen, sondern vor den Nazis geflohen.

Heute erlebt sogar Werner Herzog, mit Filmen wie "Aguirre, der Zorn Gottes" oder "Fitzcarraldo" einer der Heroen des deutschen Kinos der siebziger und achtziger Jahre, in den USA ein bemerkenswertes Comeback. Für seine Dokumentationen "Grizzly Man" oder "Encounters at the End of the World" im Alter von über sechzig gefeiert wie ein hipper Jungregisseur, dreht er gerade in Louisiana ein Remake des Polizeifilm-Klassikers "Bad Lieutenant" - mit Nicolas Cage in der Hauptrolle.

"Es gab im Weltkino immer wieder Wellen, mal war es die asiatische und mal die dänische", meint Michael Weber, der jahrelang bei Bavaria Film International für die Auslandsverkäufe zuständig war und nun seinen eigenen Weltvertrieb leitet. "Vielleicht rollt nun die deutsche."

Bis Mitte der neunziger Jahre war keine Welle in Sicht. Mit dem Ende der Ära des sogenannten Autorenfilms in den Achtzigern hatte das deutsche Kino international an Bedeutung verloren. Bis dahin waren Regisseure wie Herzog, Rainer Werner Fassbinder, Volker Schlöndorff oder Wim Wenders Stars, mit deren Namen allein sich Filme weltweit verkauften. Fassbinders Spätwerk "Die Sehnsucht der Veronika Voss" etwa lief in über 50 Ländern.

Doch als diese Regisseursgeneration sich mehr oder weniger verausgabt hatte, traten keine vergleichbaren Talente an ihre Stelle. Die deutsche Komödie, hierzulande das einzig dauerhaft erfolgreiche Genre, half zwar einigen Regisseuren, sich auf dem heimischen Markt zu profilieren, doch während sich das deutsche Publikum johlend auf die Schenkel klopfte, fassten sich Zuschauer in anderen Ländern nur verständnislos an die Stirn - bei deutschem Humor war an den Landesgrenzen meist Schluss mit lustig.

Eine Wende deutete sich denn auch 1996 mit einem ernsten Werk an: Caroline Links bewegendem Gehörlosendrama "Jenseits der Stille". "Der Film hat die Kaufinteressenten aus dem Ausland überrascht, weil er sie so tief berührte", erinnert sich Michael Weber. "Das hatten sie nicht erwartet."


Denn im Ausland galt der deutsche Film entweder als zu schwer und zäh oder als zu leicht und platt. Sein weltweiter Erfolg begann, als die Regisseure erkannten, dass man im Kino nicht nur auf den Kopf oder das Zwerchfell des Zuschauers zielen sollte, sondern dass es letztlich auf ein ganz anderes Organ ankommt: das Herz.

So wurde "Good Bye, Lenin!" den ausländischen Einkäufern nicht als Komödie angeboten, sondern als Mutter-Sohn-Geschichte. "Kaum einer der Käufer war überzeugt, dass das komische Element in seinem Land funktionieren wird", sagt Weber, "aber genau das ist dann passiert." In fast 70 Ländern war der Film zu sehen.

Als ein verstärktes Interesse an deutschen Stoffen wurde dieser Welterfolg gedeutet - doch das könnte ein Trugschluss sein. "Good Bye, Lenin!"-Regisseur Wolfgang Becker und sein Autor Bernd Lichtenberg haben vielmehr eine universale Geschichte aus der deutschen Historie herauspräpariert und so den Nerv der Zeit getroffen: Kaum ein anderer Film hat das kollektive, seit dem 11. September 2001 rund um den Erdball vorherrschende Gefühl der Menschen, dass sich die Welt von einem auf den anderen Tag völlig verändern kann, so prägnant illustriert.

"Good Bye, Lenin!" ist mindestens so sehr ein Film über die Schnelllebigkeit der Zeitläufte wie über das Berlin der Wendezeit; und Tom Tykwers "Lola rennt" zeigt zwar so viel Berlin, wie man nur eben in gut 80 Minuten quetschen kann, aber die Zuschauer weltweit waren eher fasziniert von der verspielten Reflexion über den Zufall. Beide Filme haben zwar einen lokalen Bezug, aber universale Themen. Ihre Plots wurden aus einer starken Ausgangsidee entwickelt - Hollywood taufte dieses Prinzip einst "high concept".

Von den Amerikanern haben die Deutschen auch gelernt, ihre Filme richtig zu vermarkten: "Anderthalb Jahre bevor ,Good Bye, Lenin!' auf der Berlinale erstmals gezeigt wurde, hatten wir schon mit Verleihern in verschiedenen Ländern Kontakt aufgenommen", berichtet Produzent Arndt. "Die haben wir dann ständig über das Projekt informiert und so einen Hype erzeugt." Inzwischen verkauft Arndt manchen Film schon ins Ausland, bevor er gedreht wird - inklusive eines ausgefeilten Marketingkonzepts.

Angesichts dieser Professionalisierung der hiesigen Branche richtete auch Hollywood seinen Blick nach Deutschland und kaufte hier Filme ein - mit großem Erfolg. "Lola rennt", "Nirgendwo in Afrika" und "Der Untergang" lockten jeweils rund eine Million Zuschauer in die US-Kinos, Sandra Nettelbecks Köchekomödie "Bella Martha" spielte in den Vereinigten Staaten 4,2 Millionen Dollar ein - deutlich mehr als hierzulande.

Florian Henckel von Donnersmarck gelang es schließlich sogar, den bisherigen Rekord eines deutschen Films in den USA einzustellen: "Das Leben der Anderen" spielte sogar mehr Geld ein als Wolfgang Petersens Kriegsfilm "Das Boot" (1981).

Donnersmarcks Film, der die Bespitzelung eines Künstler-Ehepaars (Sebastian Koch, Martina Gedeck) durch einen Stasi-Offizier (Ulrich Mühe) schildert, schien den amerikanischen Zuschauern erstaunlich vertraut und aktuell. Bei einer Promotiontour in den USA bekam Donnersmarck zu hören, dass der Überwachungsstaat, den er in seinem Film beschreibt, für die Amerikaner sehr gegenwärtig sei - nach dem von der Bush-Administration erlassenen Anti-Terror-Gesetz, das drastische Abhörmaßnahmen erlaubt.

Ab und zu stößt der Exportboom deutscher Filme freilich auch an Grenzen. Als einige US-Verleiher Dani Levys jüdische Familienkomödie "Alles auf Zucker!" sahen, nahmen sie Abstand von ihrem Plan, den Film zu kaufen. Denn darin sind Cousin und Cousine beim Sex zu sehen - in Teilen der USA gilt das als Inzest.

Doch weil Deutschland in Hollywood wieder als eine der wichtigsten Filmnationen gilt, werben US-Studios und -Produktionsfirmen hierzulande systematisch Talente ab.

Nach seinem Durchbruch mit "Lola rennt" hätte Tom Tykwer den Gefängnisfilm "Die letzte Festung" drehen können, mit Robert Redford und für über 60 Millionen Dollar - etwa das 30fache des "Lola"-Budgets.

"Es hieß einfach: ,Hier unterschreiben und dann drehen'", erinnert er sich. "Das hätte ganz flott gehen können." Doch er entschied sich dagegen - zum Glück. "Die letzte Festung" wurde ein Flop, und sein Regisseur Rod Lurie hat danach jahrelang keinen großen Kinofilm mehr gedreht.

"Als mein Film ,Das Experiment' in Los Angeles gezeigt wurde", erzählt Regisseur Oliver Hirschbiegel, "hatte ich ein geliehenes Mobiltelefon dabei, von dem eigentlich niemand die Nummer kannte. Aber kaum war der Film aus, klingelte es ununterbrochen, und es waren alle wichtigen Hollywood-Agenturen dran."

Doch Hirschbiegel drehte nicht das Remake von "The Texas Chainsaw Massacre", das ihm angeboten wurde, sondern "Der Untergang" - und steigerte seinen Marktwert damit enorm.

Ein bisweilen absurdes Wettrennen um die frühestmögliche Verpflichtung der kommenden deutschen Talente brach unter den Hollywood-Agenturen aus. Der gebürtige Münchner Mennan Yapo wurde schon nach seinem Kurzfilm "Framed" von ICM unter Vertrag genommen.


Um in Hollywood vermittelt werden zu können, musste er aber erst einen Langfilm inszenieren. So drehte er in Deutschland den Thriller "Lautlos". Kein Erfolg, doch das war egal - Yapo hatte bewiesen, dass er auch auf der Langstrecke bestehen konnte. Er schickte eine Kopie an seinen Agenten und bekam viele Angebote aus den USA.

In Deutschland hatte er nach "Lautlos" vergebens auf Anrufe von einheimischen Produzenten gewartet und ein Leben am Existenzminimum geführt. "Es war absurd, mein Kühlschrank war leer, aber andauernd bekam ich amerikanische Filme angeboten", erzählt er. So blieb ihm am Ende fast nichts anderes übrig, als in die USA zu gehen - letzter Ausweg Hollywood.

"Dass mein Film ,Sommersturm' in Deutschland nur mäßig gelaufen war, hat die Amerikaner überhaupt nicht interessiert", berichtet Marco Kreuzpaintner. "In Hollywood finden immer alle toll, dass man was macht. In Deutschland dagegen kriegt man sofort zu hören: Na, ob das mal was wird. Das lähmt. Besser falsche Begeisterung als ehrlicher Pessimismus."

Die vier Spielfilme, die Yapo, Alvart und Schwentke in Deutschland gedreht hatten, bevor sie in die USA gingen, hatten zusammen gerade mal gut 400 000 Zuschauer gefunden. Ihre Versuche, das Thriller-Genre neu zu beleben, galten als gescheitert. Dennoch vertraute der Produzent Brian Grazer dem in seiner Heimat gebeutelten Schwentke 2005 den Jodie-Foster-Film "Flightplan" an. Die 55-Millionen-Dollar-Produktion spielte das Vierfache dieser Summe ein.

Die Amerikaner wollen die deutschen Regisseure nicht wegen ihrer Erfolge, sondern wegen ihrer Effizienz. "Aufgrund der niedrigen Budgets in Deutschland haben wir gelernt, mit kleinen, mobilen Einheiten zu drehen", so Hirschbiegel. "Wir können mit wenigen Mitteln erstaunliche Bilder auf die Leinwand wuchten." Da sich das Durchschnittsbudget von Hollywood-Filmen in den vergangenen 25 Jahren verfünffacht hat und die Kosten dringend eingedämmt werden müssen, wird Sparsamkeit zur Kardinaltugend.

Doch die deutschen Regisseure gelten nicht nur als geniale Billigheimer. Sie haben den Ruf, auf kleinem Raum große Dramen inszenieren zu können. Schon Petersens "Das Boot" und der deutsche Fahrstuhlthriller "Abwärts" (1984), inszeniert vom gebürtigen Schweizer Carl Schenkel, hatten gezeigt, dass beklemmende Enge ein Dampfkessel für Gefühle sein kann. Hinzu kam Hirschbiegel und setzte den Untergang des "Dritten Reichs" in einem Bunker in Szene. Für einen Film wie "Flightplan", der fast nur in einem Flugzeug spielt, war ein Deutscher die Idealbesetzung.

Hollywood hält deutsche Regisseure für Meister der Beschränkung, der erzwungenen wie der selbstauferlegten. Das setzt sogar bei kühl kalkulierenden Produzenten kühne Phantasien frei: Wenn diese Regisseure mit so wenig so viel erreichen, was könnten sie wohl erst schaffen, wenn wir ihnen alle Möglichkeiten geben?

"Hollywood ist wie Bayern München, multipliziert mit Real Madrid. Die machen Angebote, die man nicht ablehnen kann", sagt Hirschbiegel. Ihm boten sie an, einen Klassiker des amerikanischen Kinos noch einmal zu verfilmen, mit einem Budget von gut 60 Millionen Dollar und dem schönsten aller Stars, mit Nicole Kidman. Er lehnte nicht ab. Vielleicht ein Fehler.

Denn "Invasion", Hirschbiegels Remake des Science-Fiction-Films "Die Dämonischen" von 1956, kam bei Testvorführungen nicht an. Mit Zustimmung Hirschbiegels drehte ein anderer Regisseur viele Szenen nach, doch auch in der neuen Fassung fiel der Film durch: Mit einem Einspielergebnis von gut 15 Millionen Dollar in den USA gilt er als einer der größten Flops des vergangenen Jahres. Keine 50.000 Zuschauer wollten den Film in Deutschland sehen.

Doch Hirschbiegel wirkt nicht wie einer, der gerade den entscheidenden Elfmeter seines Lebens verschossen hat. "Das muss man als Spiel sehen", sagt er und lächelt verschmitzt. "Wenn man das Ganze zu ernst nimmt, wird man schnell verrückt." Und so dreht Hirschbiegel schon seinen nächsten internationalen Film "Five Minutes of Heaven" mit Liam Neeson ("Schindlers Liste") in der Hauptrolle.

Natürlich verlangt es von den deutschen Regisseuren hohe Anpassungsfähigkeit, in Hollywood zu arbeiten. Als Yapo von seinem Film "Die Vorahnung" eine spezielle Airline-Fassung schnitt, die auf amerikanischen Inlandflügen gezeigt werden sollte, wurde er mit absurden Zensurbestimmungen konfrontiert. "Jede weibliche Brustwarze, die durch ein T-Shirt durchscheint, musste entfernt werden", erzählt er. Yapo musste die Einstellung vergrößern, bis die Brustwarze aus dem Bild war, oder sie digital retuschieren.

Man müsse auf Kulturschocks gefasst sein, wenn man in den USA arbeitet, räumt Kreuzpaintner ein. "Doch dass Hollywood nur nach Schema F verfährt, ist ein blödes Vorurteil. Die sind ständig auf der Suche nach neuen Ideen. Wenn in Hollywood ein Drehbuch besprochen wird, ist der häufigste Einwand: Das hab ich schon mal gesehen! Hollywood sucht deshalb nach Regisseuren aus dem Ausland, weil sie die USA mit fremdem Blick erkunden."