Die Herausforderung Die Bildungsrepublik
Alf Zimmer ahnte nicht, dass er einen lebensgefährlichen Beruf ausübt. Rektor der Universität Regensburg - das klingt nach gelehrtem Austausch an beschaulicher Stätte und nicht nach tödlicher Bedrohung.
Absolventen der Uni Bonn
Foto: DPADoch eines Mittags wäre es beinahe um ihn geschehen gewesen. Als der Rektor das Gebäude der Philosophischen Fakultäten passierte, sah er sich aus heiterem Himmel attackiert. Ein dicker Brocken löste sich aus der Betonfassade und krachte auf den Bauzaun neben seinem Kopf. "Das war ganz schön knapp", kommentiert der 64-Jährige.
Fünf Jahre ist es her, dass Zimmer mit dem Leben davonkam, doch die Fassade ist immer noch marode. "Für eine Sanierung fehlt uns das Geld", sagt Zimmer. Ein Drahtgitter vor der Fassade, wie es sonst an Gebirgsstraßen gegen Steinschlag gespannt wird, soll wenigstens das Schlimmste verhindern: dass dem Rektor und seinen Studenten die eigene Uni auf den Kopf fällt.
Der Alltag an vielen deutschen Bildungsstätten bietet heutzutage ganz neue Herausforderungen. Mancherorts kämpfen Schüler und Studenten in altersschwachen Gebäuden damit, dass es tropft, bröckelt oder zieht. Allein die kommunalen Schulen bis 2020 zu sanieren und in gutem Zustand zu halten koste 73 Milliarden Euro, schätzt das Deutsche Institut für Urbanistik. Für die Hochschulen kommen noch einmal viele Milliarden obendrauf.
Die berühmten Worte, mit denen der verstorbene SPD-Politiker Peter Glotz sein Buch über das deutsche Hochschulsystem titelte, haben eine neue Bedeutung gewonnen: Manche Bildungsstätte ist tatsächlich "im Kern verrottet". Das ist peinlich genug für ein Land, das sich seiner Dichter und Denker rühmt und gar als "Bildungsrepublik Deutschland" reüssieren will, wie es Kanzlerin Angela Merkel (CDU) jüngst formulierte.
Das wahre Problem des deutschen Bildungssystems ist jedoch nicht der Schimmel oder der Rost, der manche Schule und Hochschule verunstaltet. Das lässt sich mit Geld reparieren.
Das wahre Problem des deutschen Bildungssystems liegt darin, dass es auch im übertragenen Sinne von Schimmel und Rost überzogen ist. Viel zu lange wurde viel zu wenig getan.
Erst seit die Deutschen bei Pisa und Bologna nicht nur an italienische Städte denken, hat sich immerhin einiges verbessert. Die beiden Städtenamen stehen nun auch für Schock (Pisa) und Reform (Bologna) - Deutschland ist von seiner hochmütigen Selbstgewissheit abgerückt, unverändert zu den führenden Bildungsnationen der Welt zu gehören, nur weil Wilhelm von Humboldt vor 200 Jahren viele gute Ideen hatte.
Heute stellt sich die Bundesrepublik internationalen Vergleichen wie den Pisa-Tests und europäischen Reformen. Gerade die Gegenüberstellung mit anderen Ländern aber macht deutlich, dass in Deutschland vieles besser werden muss.
"Die Wende zur Empirie in der Bildungspolitik hat entscheidend dabei geholfen, von gefühlter Wirklichkeit wegzukommen", sagt Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU). "Bis zu Pisa konnte man ja behaupten, was man wollte."
Nunmehr zweifelt niemand daran, dass dringende System-Reparaturen erforderlich sind. Die kosten teilweise auch Geld - vor allem aber erfordern sie Mut und Weitsicht der Politik. "Große Verantwortungsfreude" fordert die Kanzlerin, um "jedem Einzelnen entsprechend seinen Fähigkeiten und Neigungen Einstieg und Aufstieg zu ermöglichen". Das Ziel müsse heißen: "Bildung für alle".
Das klingt gut, bringt aber noch gar nichts.
Wer immer in Kindergärten, Schulen und Hochschulen ernsthaft Erfolge anstrebt, muss dringend mindestens sechs Risikogruppen besser fördern:
Kleinkinder - viele werden früh abgehängt
- Kleinkinder
Wer zu spät in den Genuss von Förderung kommt, den bestraft das Leben. Die ersten Lebensjahre sind entscheidend für späteren Erfolg. Ist es dann richtig, dass Eltern von Kleinkindern monatliche Beiträge an die Krippe oder den Kindergarten leisten, Studenten aber meist keine oder vergleichsweise niedrige Gebühren zahlen?
Selbst Konservative wie der Bund Katholischer Unternehmer fordern kostenlose Betreuung ab dem ersten Geburtstag und eine stärkere Eigenvorsorge für das Studium. Denn Kinder, die mit einem Rückstand in der Grundschule starten, "werden nicht abgehängt, sie sind schon abgehängt", meint der Unternehmerbund.
Migranten - verloren schon vor dem ersten Zeugnis
- Migranten
Es wäre eigentlich ein Grund zum Auswandern: Wer aus einer Familie stammt, die nach Deutschland eingewandert ist, hat es hier ungleich schwerer. "Ein Migrationshintergrund führt in allen Stufen des Bildungssystems zu Benachteiligungen", halten die Autoren des Nationalen Bildungsberichts nüchtern fest.
Schon im Kindergarten beginnen die Probleme, weil die Einwandererkinder häufig unter sich bleiben. "Circa 30 Prozent der Kinder, deren Familiensprache nicht Deutsch ist, besuchen eine Einrichtung, in der mehr als die Hälfte der Kinder ebenfalls nicht Deutsch als Familiensprache hat." Manche Migranten haben bereits verloren, bevor sie auch nur ihr erstes Schulzeugnis in den Händen halten.
Frauen - wo bleiben die Professorinnen?
- Frauen
Noch immer haben es Frauen offenkundig schwer, auf Professorenstellen berufen zu werden. Der Verdacht liegt nahe, dass der Wissenschaftsbetrieb nach wie vor wie ein Männerclub organisiert ist und besondere Bedürfnisse von Frauen nicht hinreichend berücksichtigt. Der Frauenanteil unter den Professuren liegt nur bei ungefähr 15 Prozent, der Ruf nach einer Frauenquote ertönt darum immer wieder.
Selbst wenn man dagegen ist wie der Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft, Hans-Jörg Bullinger, der "viel von Frauen, aber nichts von Quoten" hält - weitere Förderungen und Beförderungen sind dringend nötig.
Jungen - vernachlässigte Risikogruppe
- Jungen
Die vielen Herren Professoren verdecken leicht, dass Mädchen in Schule und Studium längst vorneweg sind. Der Nationale Bildungsbericht stellt den Jungen ein miserables Zeugnis aus: Sie bleiben häufiger sitzen, machen weniger anspruchsvolle Ausbildungen, erwerben seltener die Hochschulreife, brechen ein Studium häufiger ab.
"Das Risiko für Jungen und junge Männer, im Bildungssystem zu scheitern, nimmt zu", schreiben die Forscher. Zu lange waren die Jungen die Stiefkinder der Pädagogik. Schlaue Mädchen, dumme Jungs? Chancengleichheit sieht anders aus.
Bachelor-Studenten - mitten im Reformchaos
- Bachelor-Studenten
Der Bologna-Prozess ist eine Reform, die an den deutschen Hochschulen tatsächlich viel verändert. Nicht zuletzt die Abschlüsse der Absolventen, die sich nun Bachelor oder Master nennen.
Doch viele Hochschulen können oder wollen sich nur zögerlich auf die neue Zeit einstellen. Statt alte Studienpläne zu entrümpeln, neue Lehrmethoden zu wagen und gegebenenfalls auch mehr Bachelor-Studenten ein viertes Studienjahr zu gönnen, bieten sie vollgepropfte Drei-Jahres-Studiengänge an. Der universitäre Anspruch droht im Reformchaos unterzugehen.
Arbeiterkinder - Chancengleichheit als Lebenslüge
- Arbeiterkinder
Die Tatsache ist bekannt und beschämend: "Internationale Studien zeigen, dass die Kopplung zwischen sozialem Status der Herkunftsfamilie und erworbenen Kompetenzen in Deutschland nach wie vor stärker ausgeprägt ist als in anderen Staaten", heißt es im aktuellen Bildungsbericht.
Einmal Elite, immer Elite - das Geschwätz von der Chancengleichheit ist die große Lebenslüge der Bundesrepublik. Mehr Ehrlichkeit wäre gut, noch weit besser aber eine stärkere Förderung von Kindern aus nichtakademischen Kreisen. Ein "demokratischer und sozialer Bundesstaat", wie ihn das Grundgesetz verheißt, kann sich keine unsoziale Bildungspolitik leisten. Die "Bildungsrepublik", wie sie die Kanzlerin verkündet hat, wäre ansonsten nur der größtmögliche Etikettenschwindel.
Dass darüber hinaus auch mehr in die Bauten investiert werden sollte, in Schulen wie Hochschulen, steht außer Frage. Ansonsten kommt auch außerhalb von Regensburg irgendwann noch eine siebte Risikogruppe hinzu: Uni-Rektoren.
Denen aber geht es, von Ausnahmen abgesehen, heute noch ganz gut.