Alltagskultur: "Das Spiel hat noch eine Seele" - DER SPIEGEL
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Alltagskultur "Das Spiel hat noch eine Seele"

Star-Trainer Christoph Daum über die Fußballbegeisterung der Türken und seine Erfahrungen am Bosporus.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL: Herr Daum, Sie haben insgesamt fast sieben Jahre als Trainer in der Türkei gearbeitet und fühlen sich dem Land "mit dem Herzen verbunden". Was muss man vor allem begreifen, wenn man den türkischen Fußball verstehen will?

Daum: Dass die Türkei eine ganz andere Gesellschaftsstruktur hat als Deutschland. Es gibt neben einer winzigen Ober- und einer kleinen Mittelschicht noch sehr viele vergleichsweise arme Leute. Und denen bietet der Fußball die Chance, aus dem Alltäglichen in eine andere Sphäre einzutreten. SPIEGEL: Ist Fußball für diese Leute wichtiger als für die Fans hierzulande?

Daum: Das Spiel ist bedeutsamer, dort hat es noch eine Seele. Auf der anderen Seite kann Fußball dadurch auch unheimlich werden, weil die Begeisterung so erdrückend ist. Man muss etwa lernen, dass überall bengalische Feuer angezündet werden, wenn man ins Stadion kommt. Dann sieht man vor lauter Rauch nichts mehr, aber man wartet, bis der Rauch sich verzogen hat, und dann geht es los. Fliegen anschließend gleich Papierschnipsel auf den Platz, lässt der Schiedsrichter sie wegräumen. Das alles wäre bei uns befremdend und gefährlich, aber dort gehört es zu den Ritualen.

SPIEGEL: Inwiefern unterscheidet sich die Arbeit bei einem türkischen Club von der bei uns?

Daum: Man hat mit riesigen Vorständen zu tun, hinter dem Präsidenten stehen noch 15 Vizepräsidenten. Sie leiten teilweise Abteilungen der Clubs, aber jeder will auch mit dem Trainer der Fußballer in Kontakt stehen. Deshalb erhält man eine solche Fülle von Einladungen, dass es irgendwann zu viel wird. Und ich habe es immer so geregelt, dass ich nur dem Präsidenten berichte.

SPIEGEL: Sie haben mal gesagt, die Geschichten aus "Tausendundeine Nacht" wären im Vergleich zur Berichterstattung türkischer Sportzeitungen empirische Untersuchungen. Hat das einen Einfluss auf die Arbeit mit der Mannschaft?

Daum: Nein. Außerdem habe ich nicht die türkische Presse generell gemeint, da gibt es eine sehr große Spannweite. Aber man erlebt Geschichten, wie ich bei der Rückreise von einem Europapokalspiel. Da hatte sich im Flugzeug ein Journalist neben mich gesetzt, während ich schlief, und ein gemeinsames Foto gemacht. Auch er hatte darauf die Augen zu. Und in seiner Zeitung wurde ein "Trauminterview" mit mir abgedruckt, das frei erfunden war. So weit, so gut, doch zwei Tage später wurden meine "Traumerzählungen" plötzlich als reale Aussagen behandelt.

SPIEGEL: Der türkische Fußball hat sich in den vergangenen zehn Jahren international deutlich verbessert, woran liegt das?

Daum: Die meisten Leute hierzulande wissen gar nicht, dass die Arbeitsbedingungen dort mitunter besser sind als bei uns. Von der Infrastruktur her hat ein Club wie Fenerbahçe Istanbul gegenüber unseren Vereinen einen deutlichen Vorsprung. Ansonsten gibt es gute Synergien zwischen den vielen Fußballtalenten und dem Know-how aus dem Ausland, das die Trainer mitbringen. Unser ehemaliger Nationaltrainer Jupp Derwall ist da sicherlich der große Pionier gewesen, als er in den achtziger Jahren erfolgreich bei Galatasaray Istanbul gearbeitet hat.

SPIEGEL: Warum sind in der Türkei gerade die deutschen Trainer so beliebt?

Daum: Da muss man in die Geschichte zurückschauen, die wissenschaftliche Zusammenarbeit zwischen Deutschland und der Türkei war immer sehr eng. Auch die politischen Verbindungen gehen lange zurück, im Ersten Weltkrieg kämpften beide Länder zusammen. Es spielt auch eine Rolle, dass in Deutschland die Hälfte aller Auslandstürken lebt. Und es gibt inzwischen eine erfolgreiche Tradition deutscher Trainer in der Türkei.

SPIEGEL: Erhofft man sich von denen auch in der Türkei das, was man im Fußball "deutsche Tugenden" nennt?

Daum: Ja, wir sollen für Disziplin sorgen und stehen dabei für absolute Zuverlässigkeit.

SPIEGEL: Der türkische Literatur-Nobelpreisträger Orhan Pamuk hat die Instrumentalisierung des Fußballs in seinem Land scharf kritisiert: "Fußball in der Türkei ist eine Maschine zur Produktion von Nationalismus, Fremdenhass und autoritärem Denken." Hat er recht?

Daum: Ich möchte ihm ungern widersprechen, aber ich habe das dort ganz anders erlebt. Ich bin als Ausländer herzlich aufgenommen worden. Ausländerfeindlichkeit habe ich keine erlebt. Ich sehe die Türkei sowieso als einen Schmelztiegel an der Grenze zwischen Asien und Europa.

SPIEGEL: Aber vor Meisterschaftsspielen wird die Nationalhymne gespielt.

Daum: Das soll einen nationalen Zusammenhalt signalisieren. So etwas wird natürlich gern als nationalistisch interpretiert. Aber das wird der Sache nicht gerecht.

SPIEGEL: Die Türkei ist Mitglied im europäischen Fußballverband Uefa, die türkischen Clubs haben sich gut etabliert. Hilft gerade der Fußball dem Land auf seinem Weg nach Europa?

Daum: Ja, aber die Türkei bewegt sich sowieso unaufhörlich gen Westen.



Das Interview führte SPIEGEL-Redakteur Christoph Biermann.

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