Deutsch-Türkische Welten Kurz vor dem Durchbruch
Würde ich einen Film über meine Beziehung zum türkischen Kino drehen, wäre die Eröffnungsszene klar:
Zwei Jungen toben durch die Gassen eines türkischen Dorfes. Sie wollen mit Freunden ins Kino. Sie sind noch viel zu jung für den Film. Aber mit Hilfe der anderen mogeln sie sich an der Kasse vorbei. Stolz sitzen sie schließlich unter all den älteren Zuschauern. Vor allem der Jüngere der beiden ist fasziniert von dem Spektakel auf der Leinwand. Er bekommt vor Staunen den Mund nicht zu.
Das Geschehen ist nicht erfunden. Der Kleinere, das bin ich, der ältere ist mein Bruder. Das Dorf liegt in der Nähe von Istanbul und ist die Heimat meiner Mutter. Dort verbrachten wir Hamburger Jungs mit unseren Eltern die Sommerferien. Wir sollten unser Türkisch aufbessern und den Kontakt zur Verwandtschaft pflegen. Damals hatten meine Eltern noch die Hoffnung, in absehbarer Zeit mit uns wieder in ihrem Land zu leben. Dass sie ihre Rückkehrpläne aufgeben sollten, ahnten sie nicht. Und ich ahnte nicht, dass an jenem Abend des Jahres 1981 meine Liebe zum türkischen Kino beginnen sollte eine bis heute sehr innige Beziehung.
An den Titel des Films erinnere ich mich zwar nicht mehr, aber den Hauptdarsteller habe ich nicht vergessen: Ferdi Tayfur, einer der großen Stars jener Zeit, Sänger, Schauspieler, Frauenschwarm und Kassenmagnet der Yesilçam-Filme, die das Bild vom türkischen Kino bis heute prägen. Der Name leitet sich ab von dem "Grüne Tanne"-Viertel in Istanbul, in dem sie, gleichsam am Fließband, produziert wurden.
Die Handlungsmuster waren entsprechend schlicht: Entweder kam ein Mädchen vom Lande in die Stadt und wurde in böse Intrigen verwickelt, oder ein armes Mädchen verliebte sich in einen reichen Mann, der schon Familie hatte; in jedem Fall ging es um Herz und Schmerz, und es wurde voll auf die Tränendrüse gedrückt. Bei Abenteuer- und Kriminalfilmen hingegen zählte nur Action, strömte Blut aus allen Poren. Ich erinnere mich noch, dass die Brutalität mich anfangs sehr erschreckt hat. Mit meinem Vater hatte ich vorher in Hamburg nur Disney-Filme in der Sonntagsmatinee gesehen.
Mehr als die austauschbaren Inhalte der Filme ist mir ihre schreckliche technische Qualität in Erinnerung. Die Farben waren zu grell, der Ton war völlig übersteuert. Und in historischen Filmen konnte man zuweilen am Himmel Flugzeuge sehen. Aber das war den Zuschauern egal, auch mir. Kino in der Türkei war besonders in jener Zeit eine Art Ritual. Für türkische Familien, auch für die ärmeren, war der Kinobesuch einmal in der Woche ein fester Bestandteil ihres Lebens, weshalb die Produzenten bei vielen Filmen auf die Familientauglichkeit achteten. Ins Kino zu gehen hieß Freunde treffen. Das Foyer glich einem Marktsaal, die Pausen waren eine Mischung aus Stehempfang und Party. Das Zusammensitzen im Zuschauerraum war eine kollektive Angelegenheit, auch weil die Säle, anders als heute, immer voll waren. Das alles hatte nichts entrückt Cineastisches. Es war lebendig, voll ansteckender Unbefangenheit.
Auf Video waren die Yesilçam-Streifen von denen die türkische Filmindustrie in ihrer Hoch-Zeit bis zu 400 Werke im Jahr herstellte und dadurch nach Bollywood und Hollywood zu einer der größten der Welt aufstieg schon nicht mehr so packend. Dennoch trafen sich meine Eltern mit ihren Freunden regelmäßig in Hamburg vor dem Fernsehgerät, um sie zu sehen. Ihnen brachten Stars wie Tayfur oder Orhan Gencebay ein Stück Heimat in die Fremde. Als ich den großen Gencebay, der damals so etwas wie ein Frank Sinatra der Türkei war, vor vier Jahren für meinen Film "Crossing the Bridge The Sound of Istanbul" gewinnen wollte, war ich vor Ehrfurcht total nervös und umso glücklicher, als er zusagte.
Ich selber habe den TV-Apparat daheim nur benutzt, um den europäischen Film kennenzulernen. Mit der Fernsehzeitschrift auf dem Boden habe ich den Videorecorder programmiert. Ich erinnere mich noch, mit acht oder neun Jahren "Mein Essen mit André" von Louis Malle gesehen zu haben. Wirklich verstanden habe ich den Film nicht, aber gefallen hat er mir sehr. So wurden die europäischen Filme meine Filme; die türkischen hingegen waren die meiner Eltern. Wohl auch deshalb habe ich die Filme schließlich abgelehnt.
Kein Thema ist mehr tabu
Erst als Erwachsener, der sich dann ernsthaft mit Film auseinandersetzte, habe ich Klassiker der türkischen Filmgeschichte entdeckt wie "Das Mädchen mit dem roten Halstuch" von Atif Yilmaz eine anrührende Lovestory mit exzellenten Schauspielern und einer hervorragenden Kameraführung. Beeindruckend geht der Film den Fragen nach: Was ist Liebe? Was ist Vaterschaft? Und wie weit dürfen wir wofür gehen? Obwohl diese Kostbarkeiten im öffentlichen Bewusstsein tief verschüttet sind unter der Lawine der populistischen Yesilçam-Filme, kann die türkische Cinematografie etliche solcher Schätze vorweisen. Damit solche Prachtstücke der Nachwelt nicht verlorengehen, wähle ich gerade für Martin Scorceses Welt-Film-Stiftung zehn türkische Werke aus, die technisch nachbearbeitet und dann neu präsentiert werden sollen.
So wie sich meine zweite Heimat Türkei in den vergangenen 10, 20 Jahren entwickelt hat und in vielen Bereichen europäisches Niveau vorweisen kann, sind auch dem türkischen Film große qualitative Sprünge gelungen. Der Umbruch kam mit dem Putsch von 1980. Zum einen drängten auf einmal US-Filme auf den türkischen Markt. Noch heute amüsieren sich meine Kollegen in Istanbul oder Ankara darüber, dass Washington angeblich die Generäle in Ankara erpresst hat: Entweder darf unsere Filmindustrie auf den türkischen Markt, oder eure Nüsse fliegen vom amerikanischen. Und weil es nicht nur Schrott war, der über den Großen Teich in die Türkei schwappte, lernten Regisseure und Produzenten viel durch die US-Filme. Einer wie Zeki Demirkubuz, einer der wirklich ganz großen Autorenfilmer, bekennt sich ganz offen zu seiner amerikanischen Prägung.
Zum anderen begann ein genereller gesellschaftspolitischer Emanzipationsprozess, pochten die Menschen verstärkt auf ihre Rechte. Das schlug sich auch in mutiger werdenden Filmen nieder. Langsam aber stetig überwanden die türkischen Filmemacher die lange Verbotstradition des Landes, in der die Zensur ihr größter Feind war: Alles was kritisch wirkte, galt den beinharten Kemalisten in den Schaltstellen gleich als Befleckung der nationalen Ehre.
Ein Film wie "Umut" ("Die Hoffnung") von Yilmaz Güney aus dem Jahr 1970 ging den politischen Erben des Staatsgründers und Reformers Mustafa Kemal Atatürk zu weit, weil er die Armut auf dem Lande zeigte. Die durfte es nicht geben. Also gab es auch den Film nicht, der sie zeigte. Güneys bei uns in Deutschland bekanntester Film "Yol" ("Der Weg"), 1982 gedreht, kam erst 1999 in die türkischen Kinos, 17 Jahre nachdem er in Cannes die Goldene Palme erhalten hatte. Die banalen Yesilçam-Filme, die übrigens alle im urbanen Milieu spielten, waren auch der Versuch, mit Herz, Schmerz und Action dem Zensor zu entgehen.
Heute steht der türkische Film kurz vor dem internationalen Durchbruch. Ehrungen türkischer Filmemacher in Cannes, wo in diesem Jahr Nuri Bilge Ceylan für "Üç Maymun" ("Three Monkeys") den Preis für die beste Regie erhielt, gelten nicht mehr als Sensation.
Die Themenvielfalt meiner türkischen Mitstreiter für ein Kino, das sich als visuelle Reflexion unserer Gesellschaft versteht und dennoch unterhalten will, ist enorm: Es gibt großartige Filme über junge Frauen, die gegen die Tradition aufbegehren, oder über Männer, die als ertappte Liebhaber Ehrenmord-Opfer werden; kein Thema ist mehr tabu. Doch leider werden diese Werke noch immer viel zu wenig beachtet.
Wenn dann aber über nationalistische Action-Filme wie "Tal der Wölfe Irak" mit Schaum vor dem Mund geschrieben wird, als stünden solche Machwerke für das ganze türkische Kino, dann könnte ich laut aufheulen. Das hat die türkische Film-Szene, das hat das Land nicht verdient.
Das ungeheure Talent der türkischen Filmemacher zeigt das Istanbuler Filmfestival jedes Jahr aufs Neue. Das türkische Arthouse-Kino ist inzwischen eines der spannendsten und wichtigsten überhaupt knapp 30 Jahre nach meinem Yesilçam-Erlebnis.
Die Schlussszene meines Films über das türkische Kino habe ich übrigens auch schon vor Augen: Sie zeigt ein älteres türkisches Ehepaar in dessen Hamburger Wohnung. Mit Bekannten sitzen die beiden vor dem Fernseher und schauen alte Streifen mit Ferdi Tayfur und Orhan Gencebay. Ein Mann, so um Mitte dreißig, begrüßt sie als Vater und Mutter, setzt sich zu ihnen. Er lehnt sich entspannt zurück und sieht lächelnd zum Bildschirm hinüber.
Ich genieße diese Stunden mit meinen Eltern sehr.