Absolute Profis - DER SPIEGEL
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BOXEN Absolute Profis

Die Bundesliga der Amateurboxer steht für den Niedergang der einst renommierten deutschen Faustkämpfer. *
• aus DER SPIEGEL 1/1988
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Klaus Niketta, 24, aus Berlin stand auf der Lohnliste des Getränkehändlers und Boxmäzens Egon Kaderka aus Ahlen in Ostwestfalen. Sein Einkommen bezifferten Kenner der Branche auf knapp 100 000 Mark jährlich.

Als Niketta im Sommer letzten Jahres Getränkekisten auf einen Lastwagen laden sollte, empörte er sich: »Was denkt ihr denn, wer ich bin?« Er sei »Boxer und kein Prolet«.

Dann packte der zweimalige deutsche Amateurboxmeister im Federgewicht die von Kaderka gestellten Möbel auf einen Anhänger und fuhr nach Leonberg. Dort unterschrieb er einen Vertrag beim Autohändler Siegfried Leyrer und dessen Boxklub BC Leonberg, kassierte schon mal 10 000 Mark Vorschuß und wartete mit Freundin im Hotel auf die Zuweisung von Wohnung und genehmem Arbeitsplatz.

Nach vier Wochen, die Möbel faulten auf dem undichten Anhänger, fühlte er sich im Schwabenland »nicht korrekt behandelt«. Niketta steckte angeblich die 10 000 Mark ein, rechnete alle Spesen ab, tankte sein Auto für 60 Mark voll, ließ sich auch noch diesen Betrag vom BC Leonberg erstatten - und fuhr nach Ahlen zurück. Dort holte er sich ein weiteres Mal Handgeld ab und boxt auch in der neuen Bundesliga-Saison für Kaderkas BSK Ahlen.

Jetzt sind Juristen darum bemüht, die verworrene Situation um Nikettas Vereinszugehörigkeit zu klären. Unabhängig davon kann der Irrweg des Boxers abermals als Paradefall einer Bundesliga gelten, die ebenso sinnlos wie skandalträchtig ist.

In Westeuropa leistet sich nur der Deutsche Amateur-Box-Verband (DABV) eine Mannschaftsmeisterschaft in Ligaform. Allein dadurch, so DABV-Vizepräsident Heinz Birkle, könne verhindert werden, daß die besten Amateure zu den Profis abwandern.

Tatsächlich gibt es für die Amateure in der Bundesliga so viel zu verdienen, daß der Profimanager Ottmar Graf sich resignierend aus dem Geschäft zurückzog. Was das Geld angehe, so Graf, seien »die Amateure in der Bundesrepublik die absoluten Profis«.

Bei den Profis erreicht mit Ausnahme von Rene Weller und vielleicht noch den beiden Rocchigiani-Brüdern keiner die Einkünfte der Boxamateure der Bundesliga. Stars wie der frühere Vizeeuropameister Markus Bott oder der siebenmalige Deutsche Meister Alexander Künzler erhalten neben Handgeldern von bis zu 50 000 Mark für eine Saison noch Spesen, Prämien pro Kampf bis zu 5000 Mark und als Dreingabe die Sporthilfe. Auf rund 100 000 Mark netto veranschlagte Birkle das Jahreseinkommen seiner Topleute.

Die haben denn nur ein müdes Lächeln für die Profis über, bei denen im vergangenen Jahr etwa Schwergewichtler Manfred Jassmann durch seine Kämpfe rund 70 000 Mark einnahm, andere im Rahmenprogramm pro Abend allenfalls 500 Mark kassierten.

Die Methode, den Profis den Nachwuchs zu entziehen, funktioniert so perfekt, daß nicht einmal die zynische Prognose des 1986 verstorbenen Box-Präsidenten Theo »Goldfinger« Wittenbrink eintraf: Wenn es in Deutschland erst mal genug Arbeitslose geben würde, werde es auch mit dem Profiboxen wieder aufwärtsgehen.

Was genau zum Beispiel beim Meister Ahlen zu verdienen ist, mochte Barbesitzer

Kaderka ("Andere Männer halten sich Frauen, ich mir Boxer") nicht verraten, »weil ja auch das Finanzamt Zeitung liest«. Mit der Versicherung, Niketta erhalte nur eine monatliche Aufwandsentschädigung von 430 Mark, mochte sich der Fiskus nicht begnügen. Kaderkas Box-Bücher wurden zur Prüfung der Finanzlage beschlagnahmt.

Doch in den Büchern steht mitunter nicht einmal die halbe Wahrheit. So erklärte jetzt Horst Gauß, Manager des CSC Frankfurt, treuherzig: »Jeder Boxer steht bei uns im Angestelltenverhältnis, bekommt pro Kampf 600 Mark, alles läuft über eine Lohnsteuerkarte.« Aber eben doch nicht alles. Die Top-Leute werden von Box-Paten, von Sponsoren, bezahlt. Und da verfährt Gauß nach dem Motto der Branche: »Was so an Handgeldern fließt, ist nicht unsere Sache.«

So kehrte Markus Bott, der vor einem Jahr von Leonberg nach Landshut gewechselt war, jetzt auch deshalb ins Musterländle zurück, weil als besondere Gratifikation ein Werbevertrag mit einer Fertighausfirma winkte. Die will ihm beim Bau eines Eigenheims rund 30 000 Mark Rabatt einräumen. Daher fiel ihm auch ein Verzicht auf eine geplante Profikarriere leicht, was wiederum den Profimanager Ebby Thust letztlich freute. Er sei froh, daß »der trainingsfaule, rauchende Bott nicht bei uns unterschrieben hat«. Und Thust weiter: »Er hat uns ausgelacht, als wir ihm 20 000 Mark Handgeld und 3000 Mark Monatsgehalt geboten haben.«

Die Fleischtöpfe der Bundesliga haben die Amateure längst satt gemacht. Sie haben ihr Auskommen, auch ohne sich quälen zu müssen. Längst haben die deutschen Faustkämpfer ihr einst hohes Ansehen verspielt, in der jüngsten Weltrangliste des Internationalen Amateur-Box-Verbandes tauchen nur noch Alexander Künzler und Markus Bott auf. Ein absoluter Tiefpunkt war die Europameisterschaft 1987 in Turin, wo die Bundesdeutschen ohne Medaille blieben.

Siet Einführung der Liga im Jahr 1971 importierten die Klubs immer wieder Ausländer, vor allem aus Kenia, Uganda und der Türkei. Das schnelle Geld lockt inzwischen auch Boxer aus dem Ostblock wie den Olympiadritten Mirko Puzovic (Jugoslawien) oder gleich drei international erfahrene Rumänen, die jetzt in Ahlen anheuerten. Dem holländischen Vizeweltmeister Arnold Vanderlijde geht's in Leonberg so gut, daß er »noch mindestens zwei Jahre« Amateur bleiben will.

Pro Wettkampf ist der Einsatz von zwei Ausländern erlaubt, doch die meisten der sechs Klubs haben gleich drei unter Vertrag, um für die Besetzung der neun Klassen taktisches Spielmaterial zu haben. Unter den harten Schlägen der kampfstarken Ausländer in der Bundesliga, so Bundestrainer Helmut Ranze, seien schon viele deutsche Talente zerbrochen.

Vizepräsident Birkle, der mächtige Mann im deutschen Amateurboxsport, will die Regelung dennoch beibehalten. Dabei machte er selbst unangenehme Erfahrungen. Als Birkle vor elf Jahren noch als Ringrichter amtierte, schickte der Keniate David Attan erst ihn und dann seinen Gegner über die Zeit in den Ringstaub.

Vor allem mit den Gastarbeitern im Ring wird getrickst. Einreise- und Aufenthaltsdaten werden schon mal manipuliert, um die Startberechtigung zu erhalten. Besonders raffiniert, behauptet die Konkurrenz, seien die Ahlener vorgegangen. Sie hätten zum Wiegen anstelle des türkischen Federgewichtlers Talat Cihangir dessen leichteren Bruder Suat geschickt. Tatsächlich wog Talat Cihangir nach seinem Sieg über den Leverkusener Boris Metz im November 1986 beim Nachwiegen plötzlich sechs Kilo mehr als kurz vor dem Kampf - doch restlos aufgeklärt wurde die Sache nicht.

Finanzielle Belastungen, Steuerfahndungen und einstweilige Verfügungen nach Tricksereien ließen die Klubs reihenweise k.o. gehen. Frühere Topvereine wie etwa Hertha BSC, BC Essen-Steele oder Bavaria Landshut, das nach einem Kampfabbruch in Leonberg 16 000 Mark Schadensersatz zahlen sollte, aber nicht wollte, verschwanden aus dem Bundesliga-Ring.

Hilfe dient sich den Klubs immer häufiger aus dem Rotlicht-Bezirk an. Weil das Profiboxen in Deutschland praktisch tot ist, nehmen sich Halb- und Unterwelt mit ihren locker sitzenden Schwarzgeldern verstärkt Amateuren an.

Der neue Trend macht die sich prügelnden Wohlstandskinder des deutschen Sports immer anspruchsvoller. Als die komplette deutsche Olympiamannschaft 1984 von Los Angeles aus einen Abstecher ins Spielerparadies Las Vegas unternahm, hatten die Boxbrüder Stefan und Helmut Gertel schon nach einer Stunde alle Nuggets im Casino verspielt und mußten von Birkle freigehalten werden.

Bott und Künzler beispielsweise lehnten es ab, wie vom DABV gewünscht, wenigstens den Hauptschulabschluß nachzuholen. Niketta brach eine Banklehre einen Monat vor der Prüfung ab, weil er sich mit seinem Ausbilder nicht mehr verstand, in einem anschließend vom Berliner Senat vermittelten Job beim Statistischen Landesamt ließ er sich, als ihm »das Zahlentippen zu blöd war«, eine Sehnenscheidenentzündung attestieren, trat aber gleichwohl am nächsten Tag zu einem Kampf an.

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