Achilles' Ferse: Alles kein Beinbruch - DER SPIEGEL
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Achilles' Ferse Alles kein Beinbruch

Für echte Läufer ist es das Schlimmste. Sie können wegen einer Verletzung nicht trainieren. Damit es nach überstandener Blessur kein weiteres Drama gibt, ist jedoch vieles zu beachten. Achim Achilles und seine Mitstreiter raten vor allem zu einem - Geduld.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?
Wunschziel: Starke Beine, kräftiger Schritt

Wunschziel: Starke Beine, kräftiger Schritt

Foto: AP

Lieber Herr Achilles,
ich bin nun 62 Jahre alt (1,91 Meter, 81 Kilogramm), habe hohes Cholesterin, Ruhepuls 80 und eine kreatürliche Abneigung gegen jede unnötige Bewegung. Alle meine sportlichen (auch Marathon-)Kumpels aus Schul- und Studienzeit sind schon gestorben, operiert und/oder liegen als Kartoffel auf dem Sofa. Reicht es, weiterhin nur meinen Hund laufen zu lassen oder soll ich selbst auch noch damit anfangen, damit Cholesterin und Puls runtergehen, meine Frau mich nicht wieder erkennt und die Rentenversicherung sich ärgert?
Schöne Grüße aus La Palma, Herbert
Lieber La-Palma-Herbert,
Du bist hoch aufgeschossen, muskulös und hast eine tolle Frau. Mit 62 Jahren solltest Du noch nicht an Radieschen von unten denken. Dass Du bis hierher mit Bewegungsabneigung gekommen bist, sollte Dich nicht abhalten, noch 25 Jahre draufzupacken - und zwar gesund und mit Deiner tollen Frau. Ohne Sport sehe ich da aber auch nur eine 50:50-Chance. Also sei nicht lahm, jage Deinen Hund, nimm Deine Frau mit und fange an mit - Achim, weggucken! - Nordic Walking. Ich habe einen Pensionär  (64 Jahre) von null auf Halbmarathon in 1:53 Stunden gebracht und nun will er in New York im November den Marathon bezwingen. Sein erster. Und schon heute, acht Wochen vorher freut er sich wie ein Kind! Es ist nie zu spät!
Dein Jens Karraß

Lieber Herbert,
es ist in der Tat so: Regelmäßige körperliche Aktivität hat eine günstige Auswirkung auf Lebensqualität und -dauer und reduziert deutlich das Risiko chronischer Erkrankungen. Diese Tatsache ist durch zahlreiche Studien belegt. Aber es gibt kaum eine Untersuchung, die irgendeinen positiven Effekt von regelmäßigem Sport belegt. Also: Wer sich viel bewegt, braucht nicht zu turnen. Die Fachorganisationen empfehlen trotzdem regelmäßigen Sport, damit die Menschen sich überhaupt körperlich betätigen. Aber es herrscht mittlerweile Konsens darüber, dass ein aktiver Lebensstil völlig ausreichend ist, um die Gesundheit zu erhalten. "Aktiver Lebensstil" bedeutet in diesem Fall sich mit dem Fahrrad oder zu Fuß fort zu bewegen, die Treppe anstatt des Fahrstuhls zu benutzen und die Freizeit in der frischen Luft und nicht vor der Glotze zu verbringen. Aber wer beim Alltag alle Möglichkeiten verpasst, sich körperlich zu betätigen, ist dazu verdammt, sich mindestens dreimal pro Woche die Turnschuhe anzuziehen und 30 bis 40 Minuten Sport zu treiben.
Mit besten Grüßen, Ihr Dr. med. Fernando Dimeo

Lieber Herbert,
mache doch einfach nur, wozu Du Lust hast. Das wollen die meisten und trauen sich die wenigsten. Es soll Religionen neben dem Marathon-Glauben geben.
Neidvoll, Achim

Hallo Achim,
ich muss mal meinen Frust loswerden - und vielleicht hat der Doc Dimeo ja auch noch was Aufbauendes für mich: Gerade als ich mir vorgenommen habe, mit langen Läufen für die Marathonvorbereitung zu beginnen, habe ich noch schnell einen Ausflug zum Skaten gemacht und mir glatt eine "Weber-B-Fraktur" zugezogen. Denkbar ungünstig der Zeitpunkt - ich weiß. Aber hättest Du nicht schon längst mal vorm Skaten warnen können? In deinem Buch "Achilles' Verse", das mir wenigstens an einigen der letzten Tage was zum Lachen gab, habe ich keine entsprechenden Hinweise gefunden - aber wäre ja eh zu spät gewesen. Inzwischen sind seit dem Unglück sechs Wochen vergangen und die Krücken stehen Gott sei Dank schon wieder in der Ecke. Zum ersten Termin der Krankengymnastik (KG) bin ich mit dem Fahrrad vorgefahren, aber mit der Beweglichkeit des Fußes ist es noch nicht wieder sonderlich gut bestellt. Bei der KG hieß es, ich solle in Heimarbeit üben, den Fuß zu strecken, zu drehen und heranzuziehen - gibt es sonst noch was, was mich schneller wieder auf die Laufstrecke bringt? Ich habe mal locker die Teilnahme am Frühstückslauf des Berlin-Marathons anvisiert - ist das realistisch? Auch wenn ich meinen neunten Marathon auf eine andere Veranstaltung verschieben muss, werde ich an der Strecke mitfiebern.
Viele Grüße, Gudrun

Liebe Gudrun,
nach einer Knochenfraktur ist die Belastbarkeit des Beines deutlich eingeschränkt. Die Immobilisierung bewirkt einen drastischen Abbau von Muskeln, Sehnen und Bändern. Dadurch entsteht ein Kraftdefizit, das Sie durch systematische Krankengymnastik korrigieren müssen. Das machen Sie gerade. Aber das ist nur ein Teil des Problems: Die feine Koordination und die Motorik sind in der Regel auch stark betroffen, so dass nach einer langen Pause das Laufen häufig richtig neu gelernt werden muss. Wenn Sie das Lauftraining viel zu plötzlich und ohne ausreichenden Aufbau wieder aufnehmen, ist eine Überbelastung der Muskulatur und der Gelenke sehr wahrscheinlich. Dadurch werden weitere Beschwerden entstehen, die Sie eventuell zu einer erneuten Pause zwingen. Die Antwort auf die Frage, ob Sie in vier Wochen im Stande sind, mehrere Kilometer ohne Pause zu laufen, grenzt für mich an Hellseherei, denn ich weiß extrem wenig über Sie. Wie schnell man sich nach einer Pause erholt, ist sehr unterschiedlich und hängt von Faktoren wie Alter, vorherigem Training und Veranlagung ab. Im Zweifel gilt immer: extreme Vorsicht.
Mit besten Grüßen, Ihr Dr. med. Fernando Dimeo