Achilles' Ferse: Der Mythos Leistungsdiagnostik - DER SPIEGEL
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Achilles' Ferse Der Mythos Leistungsdiagnostik

Der Frühling zwitschert, das Läuferherz pocht. Auch schnell genug? Oder gar zu flott? Zeit für ein Leistungsdiagnostik-Spezial: Soll der Hobby-Läufer für viel Geld aufs Laufband und sich zur Laktatmessung das Ohr zerpieken lassen? Doc Dimeo weiß Rat.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Lieber Achim, Servus Klemmbrett-Jens, werter Herr Doktor,
nach einem zehnmonatigen Von-0-auf-42-Projekt bin ich in Frankfurt 2005 meinen ersten Marathon gelaufen. Und die Faszination hat mich, wie die anderen der Gruppe übrigens auch, nicht mehr losgelassen. So starten wir in diesem Jahr in Stockholm und Berlin und trainieren fleißig weiter. Unterstützt wurde und wird die Laufgruppe mittels Leistungsdiagnostik durch Laktattests. Leider zeigte sich, abweichend von der Standardliteratur (Manfred Steffny und anderen), dass das Tempo an der individuellen anaeroben Schwelle (IANS) bei keinem der Anfänger, außer bei einem mit zehn Jahren Erfahrung, zu halten war. Vielmehr ergab sich ein Durchschnitts-Marathon-Endzeit-Tempo von etwa 80 bis 85 Prozent der IANS-Leistung (Freie Freiburg Schwelle). Gibt es dazu Untersuchungen oder verlässliche Angaben, so dass wir in Stockholm dann eine passende Zeitvorgabe haben?
Ich denke so etwa an 85 bis 87 Prozent des IANS-Tempos?Gruß, Harry

Lieber Harry,
im Bezug auf die Marathongeschwindigkeit hat Herr Steffny, wie so häufig, Recht. Die individuelle anaerobe Schwelle (IANS) gibt die Marathongeschwindigkeit bei gut trainierten und erfahrenen Marathonis wieder. Bei wenig trainierten und unerfahrenen Läufern ist die Aussagekraft stark eingeschränkt. Ihre Erfahrungen bestätigen diesen Punkt und zeigen, dass eine Leistungsdiagnostik nicht so einfach ist und mehr als die banale Laktatmessung beinhaltet. Für die Bestimmung der Laufgeschwindigkeit beim Marathon benutzen deswegen Uni-Institute eine veränderte Gleichung, die von Kai Röcker aus Freiburg, selber ein Langstreckenläufer, entwickelt wurde. Dabei werden auch Faktoren wie Alter, Trainingsjahre und Anzahl der absolvierten Marathons berücksichtigt. Dadurch erhöht sich die Aussagekraft der anaeroben Schwelle erheblich.
Mit bestem Gruß, Dr. Fernando Dimeo

Lieber Doc Dimeo,
immer wieder ist bei Ihnen von Leistungsdiagnostik die Rede. Ist das nicht ein bisschen übertrieben für einen Hobby-Sportler? Mit einer Pulsuhr und ein bisschen Übung habe ich meine wichtigsten Werte doch auch ermittelt. Was soll der Aufwand mit dem Laufband-Test?
Herzlichen Gruß, Ihr Erik

Lieber Erik,
Einspruch! Es ist der technikverliebte Achim, der jeder/jedem eine Leistungsdiagnostik empfiehlt. Möglicherweise hofft er dabei, von der Charité Rabatt bei der eigenen Leistungsdiagnostik zu bekommen. Aussichtslos. Aber zurück zum Thema: Die Leistungsdiagnostik oder der Laktattest ist eine medizinische Untersuchung genau so wie eine Röntgenaufnahme oder eine Magenspiegelung. Der Arzt greift auf sie zurück, um Informationen zu gewinnen. Manchmal ist dieser Test sehr sinnvoll (Beispiel: vor einem Marathonlauf für eine Prognose der Endzeit und dadurch eine Bestimmung des optimalen Renntempos), manchmal ist ihr Wert fraglich (Beispiel: Bestimmung des optimalen "Fettverbrennungspulses"), manchmal ist die Untersuchung eher überflüssig (Beispiel: Tests in regelmäßigen Abständen, um Trainingsfortschritte zu dokumentieren).

Nur wenn die Sportler selber wissen, welche Informationen sie benötigen und was sie damit anfangen werden, macht der Test Sinn. Den Laktattest darf man nicht mit dem Belastungs-EKG verwechseln. Diese Untersuchung ist eher ratsam, denn sie ermöglicht die frühzeitige Erkennung von Herzdurchblutungsstörungen und Bluthochdruck unter Belastung. Sie ist vor allem für Menschen sinnvoll, die ein erhöhtes Risiko für Herzkreislaufstörungen haben wie Männer ab 40, Frauen ab 50, ehemalige Raucher, Übergewichtige, Herzkranke in der Familie.
Mit bestem Gruß, Dr. Fernando Dimeo

Liebes Achilles-Team, sehr geehrter Doktor,
ich habe dieses und voriges Jahr eine Leistungdiagnostik bei einem privaten Institut in Hamburg machen lassen. Dabei stellte sich heraus, dass meine Werte, vor allem die maximale Sauerstoffaufnahme, in den vergangenen Monaten deutlich schlechter geworden sind. Dabei habe ich mein Training deutlich gesteigert, sowohl Tempo als auch Ausdauer. Kann es sein, dass sich die Maschinen oder Computer verrechnen? Und wie kann ich mich davor schützen?
Besten Gruß von der Elbe, Heike

Liebe Heike,
bei allen medizinischen Messungen zeigen die Werte Schwankungen. Bei der Bestimmung der maximalen Sauerstoffaufnahme (VO2max) sind Veränderungen von plus oder minus fünf Prozent häufig. Eine Abnahme der VO2max in diesem Bereich ist deswegen nichts Schlimmes und auf den gewöhnlichen Messfehler zurückzuführen. Dass die Messwerte bei einer Leistungsdiagnostik überhaupt nicht stimmen, ist zwar selten, aber ich kann die Hand nur für die Uni-Institute ins Feuer legen. Die wichtigste Frage ist: Hat sich Ihre sportliche Leistung in diesen Monaten insgesamt auch verschlechtert oder gilt das nur für Ihre Werte auf dem Laufband? Die Trainingsdaten haben meistens mehr Aussagekraft als die Laborwerte. Wenn Sie sich sowohl objektiv (Laufband) als auch subjektiv (Training) verschlechtert haben, muss man nach den Ursachen des Problems suchen. Vielleicht war die Kombination von mehr Tempo und Ausdauer zu viel des Guten und Sie sind übertrainiert, vielleicht sind Sie durch das vermehrte Training in einen Eisenmangel gerutscht, vielleicht hatten Sie über den Winter einen Infekt und haben sich noch nicht vollständig erholt. Vielleicht liegt auch alles nur daran, dass Sie bei der Leistungsdiagnostik einen schlechten Tag hatten.
Mit bestem Gruß, Dr. Fernando Dimeo