Achilles' Ferse: Kampf der Schwerkraft - DER SPIEGEL
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Achilles' Ferse Kampf der Schwerkraft

In den Bergen laufen ist anstrengend. Achim und Co. erklären uns, warum man trotzdem weniger Muskelbeschwerden hat und im freien Fall keine Energie verbraucht. Zudem beweist ein Leser, dass man auch nach einem Schlaganfall noch einen Marathon absolvieren kann.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hallo Achim,
ich weiß, Walker sind nicht unbedingt Deine Freunde, aber in Deiner menschlich ansprechenden Philosophie des Laufens steckt vielleicht auch ein Rat für mich. Bis 40 war ich (63) leidenschaftlicher Crossläufer, dann folgten 20 Jahre Nichtstun plus Gewichtszunahme, dann wieder gelaufen bis 1:55 Stunden beim Halbmarathon. Vor zwei Jahren erlitt ich bei Normalgewicht, lupenreinem Blutdruck und keinerlei sonstigen Beschwerden einen Schlaganfall mit Lähmung der rechten Seite (Arm und Bein). Ursache unbekannt.

Die Ärzte bestätigten mir eine überdurchschnittliche Fitness und Gesundheit, einzig Wirbelsäule und Kniegelenke weisen einen irreparablen höheren Verschleiß auf. Bei der Reha hat man mir die Stöcke in die Hand gedrückt und seitdem walke und nordic walke ich. Obwohl ich recht schnell unterwegs bin (Halbmarathon in 2:31 und Marathon in 5:31 Stunden), fühle ich mich zweitklassig, weil von Läufern belächelt. Was könnte man für die Psyche tun? Weiter machen, Psyche aufbauen oder gegen den Rat der Ärzte doch versuchen zu laufen?
Mit Grüßen und Begeisterung für Dein Buch, Siegward

Hallo Siegward,
Deine Geschichte nötigt Respekt ab. Was kann man gegen Dein schlechtes Gefühl tun? Suche nun nach den erfolgreichen Marathon-Walks nochmals andere Ärzte auf. Hole Dir weitere Meinungen und lass Dir Magnetresonanztomographie- und Röntgenbilder erklären. Finde einen laufbesessenen Doktor und mache einen Plan, wie Du ganz behutsam das Laufen wieder integrieren kannst. Vielleicht wird es kein Marathon mehr, aber 5 bis 8 Kilometer täglich locker durch den Wald joggen, das wäre doch schon was?
Alles Gute beim weiteren Nicht-Aufgeben! Jens Karraß

Lieber Siegward,
ich kann verstehen, dass Sie frustriert sind. Aber Hut ab: Trotz des Schlaganfalles sind Sie überdurchschnittlich fit, Sie können sogar einen Marathon beenden und das verdient Respekt. Ihr einziges Problem, wie ich es lese, ist Ihr Gefühl, zweitklassig zu sein. Sie sollten Sport für sich treiben, und nicht um Läufer, Freunde, Schwiegermutter oder Finanzberater zufrieden zu stellen. Wenn die Gelenke nicht mitmachen wollen, ist Walken eine sehr sinnvolle Alternative, um Herz und Kreislauf zu trainieren und Gewicht zu halten.
Mit besten Grüßen, Ihr Dr. Fernando Dimeo

Mann, Siegward,
die Läufer gucken Dich nur so dämlich an, weil Sie nicht wissen, was Du hinter Dir hast. Ohne Flachs: Schreib auf den Rücken Deines Laufhemdes: "Ohne den verdammten Schlaganfall würde ich jetzt auch laufen" oder so was. Du wirst sehen: Den meisten dummen Grinsern vergeht das Lachen und sie werden Dich beklatschen.
Großer Respekt, Dein Achim

Liebes Achilles-Team,
als Münchner nehme ich mir gelegentlich trainingsfrei und gehe stattdessen in den Bergen wandern. Interessehalber habe ich dabei neulich meine Puls-Uhr mitlaufen lassen. Auch bei zügigem Bergaufgehen ging der Puls kaum über 110-120 (176 Zentimeter, 83 Kilogramm, 47 Jahre alt). Beim Rückweg, also bergab, blieb der Puls konstant zwischen 60 und 70. Dabei ist der Abstieg, wie jeder Bergwanderer bestätigen kann, zumindest subjektiv genauso anstrengend wie der Aufstieg. Jetzt meine Frage: Wird beim Abstieg tatsächlich nur circa die Hälfte der Energie verbraucht, die man für den Aufstieg benötigt? Oder ist der Puls hier ein schlechter Indikator für den getätigten Energie-Einsatz?
Viele Grüße aus München, Rigas

Lieber Rigas,
Sie müssen zwischen der Anstrengung für Herz und Kreislauf und für die Muskulatur unterscheiden. Beim Laufen bergauf kämpfen Sie gegen die Schwerkraft, beim Laufen bergab werden sie von ihr eher nach unten gezogen. Deswegen sind die Muskelbeschwerden nach einem Berglauf deutlich geringer als nach einem Lauf auf der Ebene, wobei der erste viel anstrengender vorkommen kann. Wie viel Energie mehr oder weniger benötigt wird, hängt von der Steigung ab: bei einem Abstieg von 90 Grad (auch "freier Fall" genannt) ist der Energieaufwand gleich null, obwohl der Puls schreckbedingt bei über 200 liegen soll. Also kann man sich beim Laufen bergab nicht auf den Puls verlassen.
Mit besten Grüßen, Ihr Dr. Fernando Dimeo

Lesermail der Woche

Lieber Achim,
sogar ich habe hier in Moskau aus Mangel an anderen Sportmöglichkeiten mit dem kontinuierlichen und gemäßigten Laufen angefangen, obwohl ich ein überzeugter Gegner des ziellosen Runden-Schrubbens und Zeitnehmens bin. Ich muss aber gestehen, dass es meiner Kondition sehr gut tut. Eigentlich ist es erstaunlich, wie wenig die Menschen über ihren eigenen Körper wissen. Sonst wäre ihnen von vornherein klar, dass das Knie das unvollkommenste Gelenk in unserem Körper ist. Denk auch daran, dass bis zum zarten Alter von 10 Jahren das körperliche Vermögen über den Ehrgeiz siegt. Ein Kind macht einfach nicht weiter, wenn es erschöpft ist. Alles darüber hinaus wird es für den Körper gefährlich.
Liebe Grüße aus Moskau, Gerd-Uwe

Lieber Gerd-Uwe,
diese melancholisch-philosophische Grundstimmung der Russen ist einfach nur sehr schön.
Schluchz, Achim