Achilles' Ferse: Läuferwahn, lass nach! - DER SPIEGEL
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Achilles' Ferse Läuferwahn, lass nach!

Normalerweise sind Doc Dimeo und Laufcoach Karraß ja sehr verträgliche Zeitgenossen. Doch heute können die beiden nicht an sich halten. Wer seine Gesundheit riskiert oder dubiose Behauptungen aufstellt, muss mit einer harschen Reaktion zurechtkommen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Liebes Achilles-Team,
ich habe vor anderthalb Wochen beim Triathlon einen (mit einem Ermüdungsbruch zusammehängenden) Wadenbeinbruch erlitten, bin die letzten vier Kilometer ins Ziel gehopst und habe mit 48:52 Minuten noch die 25. beste Laufzeit von 60 Staffeln gerettet. Schon nach zwei Tagen Humpeln auf dem verletzten Bein gelang es dem dritten befragten Arzt, per Röntgenbild festzustellen, dass es wohl nichts Muskuläres sei. Jetzt soll ich vier bis sechs Wochen einen vollwertigen Gips tragen und frage mich, ob das sein muss. Ab wann ist ein Gehgips oder ein abnehmbarer Stütz- oder Plastikverband die bessere, weil Muskelabbau eindämmende Alternative?
Gipsmüde, Euer Frank

Lieber Frank,
Sie hatten einen Ermüdungsbruch, haben sich bei Fortsetzung der Belastungen ein Bein gebrochen und nun fragen Sie, wie Sie auf den Gips verzichten können. So viel Unvernunft auf einmal ist wirklich nicht mehr gesund. Eine zu frühe Belastung des Knochens wird im besten Fall zu einer Verlängerung der für die Heilung notwendige Zeit, im schlimmsten Fall zu einer instabilen und unvollständigen Knochenbildung führen. Es ist viel einfacher, die Muskulatur nach einer vier bis sechswöchigen Pause wieder aufzubauen, als nach einer Operation wegen der Bildung einer Pseudo-Arthrose. Folgen Sie deswegen dem Rat Ihres Arztes und seien Sie geduldig: Alles Andere wird nur zu weiteren Problemen führen.
Mit besten Grüßen, Ihr Dr. med. Fernando Dimeo

Lieber Frank,
das klingt wirklich ein bisschen nach übertriebenem Einsatz. So heldenhaft die Ziel-Humpel-Story in Kreisen fortgeschrittenen Läuferwahns auch klingen mag – aber es könnte auch sein, dass die Sportkarriere alsbald wegen richtig ekliger Probleme ganz beendet ist. Sei vernünftig und mach einmal ein paar Wochen den Achim.
Gute Besserung, Achim

Hallo Achilles,
nachdem mir Klemmbrett-Karraß im Mai bescheinigt hat, dass ich einen Marathon in 3:00 Stunden schaffen sollte, wenn ich nicht an jedem Getränkestand eine Pause machen würde, kann ich nun stolz vermelden, dass ich zumindest schon mal die 3:46 Stunden beim Schlösser-Marathon in Potsdam geschafft habe. Soweit so gut. Meine nächste sportliche Herausforderung war der Triathlon in Roth. Dort ist auf der Marathonstrecke alle zwei Kilometer ein Verpflegungsstand aufgebaut, und entgegen dem Rat vom Klemmbrett-Karraß habe ich anfänglich jede Verpflegungsstation heimgesucht. Nach Kilometer 15 hat mein Magen fürchterlich rumort und mein Bauch erstarrte zu einem Sixpack der allerfeinsten Sorte. Ab da habe ich kein Toilettenhäuschen mehr ausgelassen. Da es ein warmer und sehr sonniger Tag war und man auf den 226 Kilometern so einiges an Mineralien verliert, habe ich mich mit jeder Menge Isogetränke vollgepumpt. Das war wahrscheinlich nicht so clever. Wie lautet die richtige Ernährungsstrategie für solch lange Rennen?
Danke für Eure Antwort, Johannes

P.S.: Lieber Achim, auf der Fahrt nach Roth habe ich mir Dein Hörbuch angehört, was mir mein Chef als kleine Motivation geschenkt hatte. Ist wirklich klasse!

Lieber Johannes,
ich habe natürlich sofort nachgeschaut, was ich Dir angeblich geraten haben soll und füge es unten gleich noch mal mit an, weil ich denke, dass reduzierte Wahrnehmung ein Phänomen ist, dass auch andere Läufer zuweilen befällt. Gratulieren kann ich Dir sehr zur Verbesserung von 4:10 auf 3:46 Stunden. Das habe ich Dir damals geraten: "Deine Zehn-Kilometer- und Halbmarathon-Bestzeit passen überhaupt nicht zu Deiner Marathonzeit. Deine physische Kapazität liegt mit diesen beiden Bestzeiten mindestens bei einem Marathon von um die 3:00 Stunden. Wo kommt die Extra-Stunde her? Vom Stau beim Massenstart oder von der guten Bananenversorgung unterwegs? Keine Frage: Du musst Tempo trainieren, auch wenn Du Dich auf einen Marathon vorbereitest. Baue das Training behutsam innerhalb von 16 Wochen vor dem Marathon-Termin auf." Und hast du das alles so gemacht?
Grüße, Jens Karraß

Lieber Johannes,
da hast Du dem Klemmbrett aber an seine Trainer-Ehre gefasst. Aus eigener Erfahrung kann ich Dir sagen, dass seine Pläne meistens dann nicht funktionieren, wenn sich der Trainierende nicht daran hält. Zu Deinen inneren Tumulten: Jeder Magen ist anders, erst recht beim Triathlon-Marathon. Meiner neigt auch eher zu Nervosität. Vor allem konzentrierte Iso-Klebe ist für manche Eingeweide zuviel. Fakt ist, dass der Körper auf sehr langen Strecken vor allem Wasser braucht und Natrium (vulgo: Salz), dazu natürlich Kohlenhydrate als Brennstoff. Der ganze Rest ist auch wichtig, aber erst einmal zu vernachlässigen. Wie Du Wasser, Salz und Brennstoff in Dein System bekommst ohne dass der Magen es gleich wieder loswerden will, ist Ergebnis Deiner eigenen Studien. Ich habe von Leuten gehört, die sich beim Triathlon ausschließlich von Power-Riegeln ernähren, aber auch von Strategen, die unterwegs auf eine türblattdicke Stulle mit einem Pfund Griebenschmalz drauf schwören. Hallo, Ihr da draußen, bitte mailt Eure Nahrungsgewohnheiten im langen Wettkampf: Gibt es Athleten, die sich vorm Endspurt ein Mettbrötchen reinpfeifen?
Besten Gruß, Achim

P.S.: Lieber Johannes, schön, dass Dir das Hörbuch gefällt. Das liegt maßgeblich an der brillanten Leseleistung von Heikko Deutschmann, der nach seiner Karriere als Kettenraucher nun tatsächlich rauchfrei und immer schneller durch Berlin wetzt.