Achilles' Ferse: Lieben, Leben, Laufen - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Achilles' Ferse Lieben, Leben, Laufen

Gewöhnlich ist Achim Achilles ein harter Hund. Aber wir wissen ja, dass diese diejenigen mit dem größten Herz sind, es aber nicht zeigen wollen. Passend zum zweiten Weihnachtstag Läuferbekenntnisse, die zu Herzen gehen – auch und vor allem unserem Wunderläufer.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Liebes Achilles-Team,
vor zwei Jahren habe ich (weiblich, 42 Jahre alt) mit dem Laufen angefangen. Es war der Todestag meines geliebten Vaters. Er starb plötzlich, direkt vor einer Arztpraxis, er litt nur an einer verschleppten Bronchitis. Meine bis dahin recht heile Welt hatte einen immensen Knacks bekommen. 40 Jahre lang kam ich gut ohne Laufen aus, besuchte nur ein Fitness-Studio und ging reiten. Aber ab diesem Moment hatte ich das Bedürfnis zu laufen. Vielleicht wegzulaufen. Anfangs quälte ich mich mühselig über die unglaubliche Distanz von zwei Kilometern. Egal wie anstrengend mein Lauf war, das unsagbar gute Gefühl danach habe ich mir bis heute bewahren können.

Ich laufe seitdem drei bis vier Mal pro Woche, egal bei welchem Wetter, egal wo ich bin. Vielleicht ist es die rhythmische Bewegung, diese Monotonie der langen Läufe oder das Ausgepowertsein nach schnellen Runden, die mir das Gefühl der Ruhe und Zufriedenheit geben. Das Laufen hat mich definitiv davor bewahrt, einen Psychiater aufzusuchen und Antidepressiva zu schlucken. Ich bin dadurch eindeutig belastbarer geworden, habe gelernt durchzuhalten und weiß heute, dass ich Dinge schaffen kann, von denen ich vorher nur geträumt habe.

Das Laufen hat noch einen anderen positiven Aspekt: Seit sieben Jahren leide ich unter der Krankheit Fibromyalgie, Muskelrheuma mit multiplem Glieder- und Gelenkbefall. Seit ich laufe, bin ich kaum noch behandlungsbedürftig, die regelmäßige Bewegung tut einfach nur gut. Dies möchte ich mal allen sagen, die das Laufen nur als langweilige Schinderei um der Figur willen ansehen. Manchmal geht es erst mit Rosen zum Friedhof, anschließend zum Laufen. Kummer und Stress abschütteln!
Herzliche Grüße, Stefanie

Hallo Laufkollege,
ich habe mich als eigene Form meiner Midlife-Crisis Ende 2003 entschlossen, statt Marathon im Fernsehen zu sehen es einmal selber zu versuchen. Also mit 50 nach 30 Jahren ohne längere Läufe 42 Kilometer packen zu wollen. Glücklicherweise habe ich kurz nach der Entscheidung eine Trainerin gefunden, die mir Übergewichtigem (125 Kilogramm bei 1,92 Meter Größe) erst einmal etwas Kraft und viel Walking verordnet hat, abwechselnd mit Radfahren. Im April 2004 durfte ich in Hamburg zum ersten Mal draußen im Stadion für eine Stunde das Laufen probieren. Seitdem stelle ich fest, dass zumindest die Strecken von zehn bis 20 Kilometern richtig Spaß machen.

Zeitweise hatte ich sogar richtige Glücksmomente, da ich mich und das Laufen beim Laufen total vergessen konnte und quasi super meditieren konnte. Bis ich im Meditationstran eine Kurve ignorierte und in den Graben lief und etwas verschlammt und nass wurde. Seitdem laufe ich wieder bewusster, und die Glückgefühle sind nicht mehr so stark. Nur noch das Gefühl nach dem Lauf ist noch da, so richtig durchgepustet, frisch und gut drauf zu sein. Wie es sich für einen alternden Mann gehört, ist es für mich mittlerweile ein Genuss, mich noch bewegen zu können - und das besser als je zuvor in meinem Leben, denn in der Schulzeit habe ich jede Strecke über einen Kilometer gehasst.

Mein erster Marathon in Köln war toll: die Atmosphäre, das Publikum, die Masse an Läufern, das Laufen wie unter Hypnose, da ich der Star war - Ulrich, du schaffst es! Der Muskelkater danach war verkraftbar. Ich träume davon, an eine Zeit von vier Stunden heran zu kommen. Manchmal frage ich mich zwar, ob es nicht vernünftiger wäre, wenn ich nur noch maximal Halbmarathon liefe. Aber wenn ich so die 70-Jährigen sehe, die mich stehen lassen, dann sage ich mir, mach weiter, zeig es ihnen irgendwann, so ein Lahmarsch bist du doch auch wieder nicht.
Gruß, Ulrich

Lieber Achim,
auch ich habe lange Zeit - zu lange, denke ich heute - keinen Sport gemacht. Auch ich bin - zu sehr, weiß ich heute - körperlich auseinandergegangen. Auch ich habe - endlich - den Anfang gewagt und gewonnen! Nach Jahren beziehungsweise Jahrzehnten der Sportabstinenz (ich hatte schon in der Schule immer eine Ausrede) habe ich vor ein paar Jahren mit "Fitness für die Frau" im hiesigen Sportverein angefangen. Das war ein guter Einstieg, weil ich anfangs genauso gekeucht habe wie die 60- und 70-Jährigen. Aber die 20-jährige Mollige hat sich noch mehr geplagt, wie die immer geschwitzt hat!

Tja, dann ging alles Schritt für Schritt, bergauf und bergab. Ich habe mit dem Rauchen aufgehört – eine super Ausrede, um ein bisschen zuzunehmen. Auf meinen beruflichen Reisen schlemmte ich mich durch Europa und bergauf ging es mit den Kilos. Aus dem bisschen Laufen wurde Walken, wegen der Gelenke. Aber ich war kein Ärgernis im Wald, ehrlich nicht! Meinen Mann und mich trennten immer 20 Kilogramm, nicht zu viel, wenn man unsere Größenunterschiede betrachtet. Irgendwann kam ich seinem Gewicht gefährlich nahe, nur noch sechs Kilogramm trennten uns. Er hatte ab- und ich zugenommen. Wie gemein!

Der Leidensdruck wuchs. Ich startete eine neue Strategie: Weight Watchers (etwas für Schwache, da zählte ich mich vorsichtshalber dazu) und Laufen. Meine Bilanz nach einem halben Jahr: 16 Kilogramm weniger und das Laufen macht langsam richtig Spaß. Die anderen Weight Watcher schauen neidisch, wenn ich mal wieder rasend schnell einen Stern für drei Kilogramm minus bekomme. Natürlich merken viele andere Dicke gar nicht, wenn man abgenommen hat, vor allem die, die das schon lange versuchen, und viele finden Laufen ungesund, vor allem die, die den Fahrstuhl nehmen.
Grüße, Natalie

Liebe Leute,
vielen Dank für die wunderbaren Geschichten. Ihr seid großartig.
Herzlich, Achim