Achilles' Ferse Wurstpellen im Wattenmeer
Wattenmeer: Knietiefe Priele als Bauchklatscher-Falle
Foto: Carsten Rehder/ picture-alliance/ dpaWenn es vorm Startschuss zum Nordseelauf auf Neuwerk regnet, drängeln sich alle Starter in der Scheune von Bauer Fock. Bleibt es trocken, verteilen sich die gut 800 Teilnehmer auf der kleinen Insel. Neuwerk stellt besondere Anforderungen an den Langmut der Läufer. Neben dem Fockschen Hof bildet der Leuchtturm das zweite Highlight der Insel, weiterhin tummeln sich reichlich Schafe und Pferde auf dem Eiland. Alle Bewohner Neuwerks unterstützen das Rennen. Die große Gästeschar wird mit Kübeln voller Nudeln verköstigt und mit leckerem Kuchen bei Laune gehalten.
Dennoch wurde die Zeit von der Ankunft auf der Insel am Morgen bis zum Startschuss am Abend recht lang. Ich verbrachte die meiste Zeit des Tages auf einer Bank, in der Mitte der Meute sitzend, um zusammen mit einigen Läuferkollegen die Sportbekleidung des Tages zu wählen.
In der Kategorie Trainingsanzüge überzeugte ein ballonseidenes Modell aus den frühen Achtzigern in einem harmonischen Farbenspiel von Türkis, Mauve und Eierschalenweiß. Die T-Shirt-Wertung gewann ein Baumwolllappen vom Berlin-Marathon unbekannten Datums in der Kultfarbe Leberwurstgrau. Den Ehrenpreis der Jury erhielt ein Teilnehmer in einer Radfahrhose mit integrierten Hosenträgern. Diese war farblich in Schwarz gehalten, doch durch die hautenge Passform wurde auch hier dem Sommertrend "Leberwurst" Rechnung getragen.
Trecker fürs Gepäck, angemessene Kleidung
Das Organisatorenteam nahm seine Sache ernst. Alle halbe Stunde wurde daran erinnert, dass bis 16 Uhr alle Taschen in den bereitgestellten Wagen verladen sein müssen, da das Gepäck andernfalls durch das Watt getragen werden müsste. Um Punkt 16.20 Uhr brachen die Trecker gen Festland auf. Ein Teilnehmer schaffte es noch, seine Tasche auf den bereits fahrenden Trecker zu werfen.
Die Insel Neuwerk gehört zum Stadtteil Hamburg Mitte, auch wenn sie von Hamburg gut 150 Kilometer entfernt liegt. Um dem maritimen Flair des Laufs Rechnung zu tragen, entschied ich mich für ein Laufshirt von "Pirate" mit passendem Piratenkopftuch. Um Viertel vor fünf starteten die Walker und die langsamen Läufer. Eine halbe Stunde später krachte der Startschuss für die weiteren 500 Läufer über das Meer.
Wo man noch Stinker sein darf
Etwa 400 Meter nach dem Startbogen war das Watt erreicht. Auf den ersten hundert Metern versuchte jeder noch instinktiv Pfützen auszuweichen. War diese Hemmschwelle überschritten, begann der Spaß. Es quatschte und glitschte, dass es eine wahre Wonne war. Ab und an durchzogen knietiefe Priele das Watt. Es fand sich immer ein Zeitgenosse, der einen solchen Priel unterschätzte und zur Freude aller einen unfreiwilligen Bauchklatscher ablieferte. Ein frischer Geruch nach fauligem Watt umwehte die Läufer, so dass etwaige humane Ausdünstungen jeder Art elegant überdeckt wurden.
Hier im Watt darf der Läufer noch Stinker sein, ohne dass es seine Mitmenschen stört. Hatte man sich an den rutschigen Boden gewöhnt, ließ es sich recht anständig laufen. Das Ausbalancieren des Körpers auf dem welligen Untergrund und die notwendige hohe Konzentration zehrten an den Kräften. Auch mental galt es Haltung zu bewahren, denn das Ziel im 12,6 Kilometer entfernten Cuxhaven war bereits kurz nach dem Start zu sehen. Wie an der Perlenschnur aufgereiht, zogen sich die Läufer durchs Watt.
Hein-Peter greift an
Ich ging das Rennen locker an und wartete auf die Nummer 126, Hein-Peter aus Buxtehude. In Otterndorf hatte ich ihm 30 Sekunden eingeschenkt und mir meinen 28. Platz in der Gesamtwertung zurückgeholt. Mit einem Schnitt von gut unter fünf Minuten auf den Kilometer, erwartete ich den Angriff.
Ab Kilometer neun hatte ich langsam keine Lust mehr. Es war kalt und nass und es roch nicht gut. Ich wollte eine warme Dusche, ein Bier und am Besten eine Currywurst. Ungefähr zwei Kilometer vor dem Ziel kam Hein-Peter und startete seinen Angriff. Ich erhöhte ebenfalls meine Schlagzahl und blieb in Sichtweite. Der letzte Kilometer verlief, parallel zum Start, in knöcheltiefem Wasser, unter dem sich fiesester Schlick verbarg. Nun kämpften alle an ihren Grenzen. Es war ein Schnaufen und Gurgeln, ein Schmatzen und Stöhnen, nur gut, dass die Zuschauer noch weit weg waren. Die letzten 20 (gefühlt 100) Meter über den Sandstrand, die Betonschuhe ließen sich kaum noch bewegen. Mit letzter Kraft durch den Zielbogen, nur aus der Ferne hörte ich meinen Namen. Geschafft.
Sportlernahrung und Läuferlatein
Direkt hinter Hein-Peter stand ich hechelnd in Cuxhaven. Wir klatschen uns ab und waren froh, dass es vorbei war. Das glücklichere Ende lag bei mir. Ich hatte 21 Sekunden gerettet. Die Endzeit war 1:01:15 Stunden für 12,6 Kilometer, ein Schnitt von 4:51 Minuten. Eigentlich hatte ich alle Läufe unter einer Stunde beenden wollen, aber das war nun egal.
Dem Genuss einer kalten Dusche setzte ich mich nur kurz aus. Dafür belohnten wir uns alle mit ein paar Bier, Fischbrötchen oder Pommes. Wildes Läuferlatein waberte durch die Luft, überall leuchteten glückliche Gesichter. Wir verabredeten uns alle für das nächste Jahr - dann würden wir aber mal richtig angreifen.
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