Achilles' Verse: Achims größter Erfolg - DER SPIEGEL
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Achilles' Verse Achims größter Erfolg

Kann es auch bei Internet-Bekanntschaften Hauptgewinne geben? Anscheinend schon. Erst war Achim Achilles zwar skeptisch, doch dann überzeugte seine online zusammengewürfelte Truppe bei der Team-Staffel in Berlin - und verhalf ihm zu seinem größten Erfolg. Ein erhabenes Gefühl.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Internet-Bekanntschaften sind wie Tombola-Lose: Alle versprechen den Hauptgewinn, aber die meisten sind doch nur Nieten. Monas Freundin Gabi zum Beispiel fahndet seit zwei Jahren im Netz nach ihrem Prinzen. Gefunden hat sie die erbärmlichsten Exemplare der Gattung Mann. "Die wollten alle bestimmt nur Sex, oder?", mutmaßte Mona besorgt. "Nicht mal das", gestand Gabi. Nun baggert sie wieder in den bewährten Berliner Revieren.

Vorn dabei: Achim wurde mit seinem Team 146. von fast 3600 Staffeln

Vorn dabei: Achim wurde mit seinem Team 146. von fast 3600 Staffeln

Foto: REUTERS

"Du läufst die Team-Staffel, weil du Wettbewerbe brauchst", befahl Klemmbrett-Karraß, der Coach mit den weltbesten Trainingsplänen . Ich zögerte. Wettkämpfe brauchte ich überhaupt nicht, schon gar nicht vor Zeugen, die womöglich Hundertstelsekunden mitstoppten. Schlechte Laune kann ich mir auch bei Tempoläufen besorgen. "Und mit wem?", fragte ich den Trainer der Schmerzen. "Ich suche dir Leute im Internet", schlug Klemmbrett vor. Au weia. Ich dachte an Gabi. Was ist, wenn sich schnelle Frauen melden? Oder dicke faltige Männer der Altersklasse M75, die trotzdem schneller sind als ich? "Ich bin nicht in Form", sagte ich. "Eben", entgegnete der Trainer. Als erfahrener Psychosomatiker verspürte ich spontane Wadenkrämpfe.

Bei einem Blick aus ihrem Dachfenster hätte die Kanzlerin vergangene Woche sofort die Bundeswehr gerufen. Was sich "Teamstaffel" nennt, ist ein Hunnen-Lager . Über 20.000 Unkultivierte campten direkt vor der Machtzentrale, stiegen ungeniert aus dem Büro-Anzug in ihre Läuferwäsche, grillten halbe Kühe und pullerten in die Sträucher. Jede Staffel bekam ein Picknick-Paket mit halbtrockenem Trollinger, außer einer Axt im Schädel der sicherste Weg zu anhaltendem Kopfschmerz. Klemmbrett-Karraß, als Ostler ein routinierter Dauer-Camper, hatte für die Truppe ein feines Fleckchen Rasen besetzt. Fehlten nur noch Jägerzaun und Gartenzwerge.

Die Internet-Kandidaten warteten schon: Lars, Peter, Reiner, Diana, ein zartes, schweigsames Persönchen und das Gegenteil davon, nämlich Achilles. Verstohlene Blicke auf die Waden. Naja. "Zielzeit unter zwei Stunden?", gab ich vorsichtig als Parole aus, was 24 Minuten pro Läufer bedeutete, für fünf Kilometer. "Logisch", grinsten die Jungs. Diana schluckte . Ich mühte mich um einen angstfreien Blick. Bei fünf Minuten pro Kilometer lag meine anaerobe Schwelle, unüberwindbarer als die Berliner Mauer je war.

Wie es sich für eine Zufalls-Staffel gehört, hatte keiner von uns die geringste Ahnung vom Ablauf. Fehler eins: kein Staffelholz. Dafür eine Luftpumpe in der Satteltasche. Fehler zwei: kein Erkennungszeichen. Die Konkurrenz war mit Flaggen, Luftballons, Paddeln angereist, um sich bei der Stabübergabe unter 1300 brüllenden Hektikern überhaupt zu finden. Unser Zeichen war, dass wir als einzige keines hatten. Die gute Nachricht: keine individuelle Zeitmessung, nur der Erste und Letzte mussten sich einen Chip ans Bein flanschen. Prima, so lässt sich die eigene Zeit schönrechnen.

Meine Internet-Lose erwiesen sich als Hauptgewinn. Schon nach knapp eineinhalb Stunden bekam ich die Luftpumpe. Um mich herum jede Menge Sportsfreunde, die auf ihren dritten Mann warteten. Wir hatten also eine Runde Vorsprung. Erstmals in meinem nutzlosen Läuferleben lief ich praktisch in der Spitze. Ein erhabenes Gefühl.

Die Taktik bei der Teamstaffel ist denkbar einfach. Auf den ersten 500 Metern, wo viele Zuschauer stehen, Vollgas und Kämpferblick. Nach der ersten Kurve, wenn es einsam wird, umgehender Kollaps, dann behutsame Regeneration beim Zickzack durch den Tiergarten. Trotzdem bleibt genug Überholmaterial. Faszinierend, dass einige Sportskameraden noch langsamer sind. Danke euch allen. Die Trottel, die die Kurven verpassen und einfach ins Unterholz rennen, bloß nicht auf ihren Fehler aufmerksam machen. Laufen ist eben auch ein Intelligenzsport. Und auf den letzten 500 Metern noch mal volle Pulle, weil dort wieder Millionen Menschen zugucken. 1 Stunde, 47 Minuten, irgendwas zeigt die Uhr im Ziel.

Die Rechnerei beginnt: Die ersten beide brauchten je 20 Minuten. Diana gesteht großherzig 24, Peter 22. Bleiben für mich 21. Sensationell. Nur mal angenommen, die anderen haben jeweils um eine halbe Minute geschwindelt, was menschlich völlig nachvollziehbar ist, dann wäre ich schon bei 19. Am Ende sind wir 146. von fast 3600 Staffeln, also unter den besten fünf Prozent, trotz Frau, Alter und Übergewicht. Mein größter Erfolg aller Zeiten. Ab sofort suche ich mir meine Partner nur noch online.

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