Achilles' Verse: Achtung, Schnupfen! - DER SPIEGEL
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Achilles' Verse Achtung, Schnupfen!

Kleiner Nieser oder ein richtiger Schnupfen? Laufen oder doch lieber pausieren? Die falsche Entscheidung kann fatale Folgen haben. Achim hat jedoch die Lösung: Er wappnet sich mit mentalen Vitaminen und schwitzt die Viren einfach aus.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Pfnnü. Ach du Schreck. Was war das? Ein Nieser? Klang fast so. Aber nur ein kleiner. Wahrscheinlich Hausstaub. Oder Trainings-Allergie. Einmal niesen ist völlig okay, das bedeutet noch gar nichts. Routine-Reinigung der Flimmerhärchen in der Nase. Solange es bei dem einen Mal bleibt. Der Läufer, zumal wenn er sich im knallharten Wintertraining befindet, muss bei jedem Nieser entscheiden: Kündigt sich da eine ernste Erkältung an? Dann müsste man den Trainingsplan sofort missachten, Honigmilch hinabwürgen und Schonung einlegen. Lieber vier Tage nicht laufen als den Schnief verschleppen und danach drei Wochen am Stock gehen.

Was aber ist, wenn es nur eine läppische Nasenreizung ist, die im aggressiven Klima der Großstadt praktisch täglich vorkommt? Soll ich wegen ein bisschen Kribbeln die gewissenhafte Erfüllung meines Trainingsplans gefährden? Wer läuft, der ist froh, wenn es nur kribbelt, und nicht hämmert, sägt, sticht oder dröhnt. Und ich bin sowieso schon so viele lange Läufe im Rückstand, die zusammen mehrere Marathons ergeben würden. Training also schwänzen? Niemals. Schon gar nicht sechs Wochen vor dem Berliner Halbmarathon. Es sind die Wochen der verschärften Übungseinheiten. Die Regel gilt: Quäle nie ein Bein zum Scherz.

Es kribbelt schon wieder in der Nase. Verdammt. Einmal Niesen ist kein Mal Niesen. Aber ein zweiter Nieser erhöht die Wahrscheinlichkeit einer Erkältung signifikant. Also darf ich eben einfach nicht niesen. Dann bin ich auch nicht erkältet. Wenn es unerträglich kribbelt, kann man die Nase auch mit Daumen und Zeigefinger zusammenpressen und so den Naseninhalt zusammenkleben, um das Vestibulum zu verstopfen, bis der Niesreiz aufgibt. Es ist ein ausdauernder Kampf. Erst wird die Nase blau, dann der ganze Schädel. Und der Niesreiz ist trotzdem noch da. Pfüüüt - leise, zartfeucht und langanhaltend pfeift es durch meine Finger.

Das war nun wirklich kein Nieser. Es darf einfach keiner gewesen sein. Denn zweimal Niesen ist kurz vor krank. Aber dreimal ist praktisch Tuberkulose. Und dann geht das Gezocke los: Soll man diese klitzekleine flüchtige Unpässlichkeit mit einem zackigen Training verjagen? Angeblich soll ja die erhöhte Körpertemperatur des Läufers die schwächeren Viren schon mal gleich erledigen. Was aber, wenn die Nieserei einen ausgewachsenen Infekt ankündigt? Dann kann jeder Schritt zu viel und vor allem zu schnell die ohnehin fragile Frühjahrsform ruinieren. Ich fühle meine Stirn. Heiß ist sie nicht, allenfalls von gesunder Wärme.

Ich starre die einsame Apfelsine im Obstkorb in der Küche an. Stärke mich, oh Schrumpel-Südfrucht, sende mir deine Energie. Ich ziehe das große Messer mit dem Wellenschliff aus der Schublade. Mir geht es schon viel besser. Einfach eine Orange anglotzen und schon strömen die Mentalvitamine. Und jetzt noch richtige dazu. Schnippschnapp, ist die Apfelsine in mundgerechte Viertel zerlegt. Wie bei Kilometer 35.

Der Saft tropft vom Kinn, als Mona in die Küche kommt. "Du klingst komisch", hatte Mona schon gestern gesagt, "kriegst du eine Erkältung?" Ich hatte nur wortlos das Plastikröhrchen geschwenkt und gesagt: "Nur der Magnesiumstaub." Jetzt fingerte Mona in ihrem gigantischen Pillenkarton herum. "Hier, du Superläufer", sagt sie und wirft mir eine silberne Packung hin, wie immer leider nur legal: Zink und Vitamin C. Nebenwirkungen? Keine, außer etwas Flugrost, wenn man im Regen läuft.

Eine Handvoll Wunderpillen später fühle ich mich stark, komplett vitaminisiert und metallmäßig aufgerüstet. Nie wieder werde ich niesen. Wenn nur dieses Kribbeln in der Nase nicht wäre. Es ist bestimmt psychosomatisch, eigentlich gar nicht da, sondern eingebildet. Ich werde jetzt laufen gehen, und zwar volle Pulle, mit maximaler Hitzeentwicklung. Entweder die Viren oder ich.

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