Achilles' Verse Alter Schwede
Der Weg zum Glück führt über die Bundesstraße 45, Ausfahrt Brålanda und weitere acht Kilometer nach Årbol. Von dort geht es in den Wald, wo Wind und Wölfe um die Wette heulen. Willkommen zu "Westschwedens härtestem Sprint-Triathlon", wie der Skiclub Granan die mörderische Prüfung nennt.
Mir war etwas mulmig zumute, als ich die im Internet angegebene Nummer vom SK Granan anrief, unmittelbar nach dem Verzehr von einem knappen Kilo schwedischen Bauchfleisches vom Grill, das ich mit geschmuggeltem Weizenbier heruntergespült hatte. Ich litt seit Wochen an einer Salatallergie, auch wenn Mona das nicht glaubte.
Aber Wohnmobilferien und asketisches Läuferleben schließen sich aus. Die Überdosis frischer Luft bewirkt permanente Schübe von Hunger, Durst, Müdigkeit, meist alles zusammen. Da helfen nur strikte Fleisch-Bier-Diät und harte Wettkämpfe.
Die Kontaktaufnahme zum Organisationskommitee gestaltete sich unerwartet kompliziert. Am Telefon war nicht der erwartete Jonas, sondern dessen Sohn, der berichtete, dass der Vater im Urlaub weile. Vielleicht wisse Anders mehr. Immerhin war die Frau von Anders da, die den Weg zum Start aber nicht genau kannte: "Von Brålanda Richtung Stigen und dann auf der Hälfte ungefähr nach Bollungens Badestelle erkundigen." Meine Fragen nach Chip, Neopren-Anzug und Streckenverpflegung verhallten. Derlei Formalitäten könne man am Start klären, sagte Frau Anders.
Was hatte ich getan? Warum wollte ich mich mit Vertretern eines Naturvolks messen, Nachfahren unverwüstlicher Goten, die mit Eishockeyschläger in der Linken und Motorsäge in der Rechten zur Welt kamen. Beim Wasa-Lauf wetzten sie mal eben 90 Kilometer auf Skiern. Als mich hinter Årbol eine Böe fast vom Rad wehte, dachte ich ans Umkehren. Aber ich war zu schwach. Also gut: Waterloo in Bollungen.
Dort, in der Startzone, schlug mir aufreizende Gemächlichkeit entgegen. Die Wechselzone bestand aus 20 Metern Gerüststange. Mein Rad war das zweite. Die fünf Damen bei der Einschreibung musterten mich wie ein Alien. Das war also der Verrückte, der neulich bei der Frau von Anders angerufen hatte. Ich inspizierte das Ufer: eine zehn Meter breite Schneise im Schilf. Uff, das würde brutales Gedränge geben. Ein Angler fragt, was denn hier heute los sei. 750 Meter Schwimmen, 20 Kilometer Rad, fünf Kilometer Laufen mehr wusste ich auch nicht.
Eine Viertelstunde vor dem Start steht ein Kleinlaster voll Räder in der Wechselzone, darunter ein Peugeot "Tourmalet" von etwa 1982. Chips zur Zeitmessung gibt es nicht, stattdessen Frauen mit Stoppuhren. Neo ist verboten, es sei zu warm, sagt Christer aus Trollhättan. Er ist in meiner Altersklasse, auch wenn er zehn Jahre jünger und 15 Kilogramm leichter aussieht. Der Eiswind kommt direkt aus Lappland.
Die Wellen sind meterhoch, die Radstrecke bergig wie die Königsetappe der Tour. Der Laufweg führt erst einmal einen Kilometer stracks bergauf. Christer ist nicht zu sehen, sonst auch niemand. In der Gegend hier soll es vor Problembären nur so wimmeln. Verpflegungsstände sind daher unüblich. Klar, was soll man die Athleten mästen? Die locken nur wildes Getier an. Von Ferne ein Quäken aus dem Dickicht, das zu einem Orkan des Jubels anschwillt. "Tyskland!" dröhnt es aus zwei Dutzend Skiclub-Kehlen. Mitten im Unterholz hat der SK Granan sein Vereinsheim. Ein Zielband. Einen Elch-size-Grill. Und ich bin erstens Deutschland und zweitens nicht Letzter. Christer duscht schon.
Für die Siegerehrung hat der Club sogar ein amtliches dreistufiges Podest, Gold, Silber, Bronze. Die Klasse "Männer im Vorruhestandsalter" ist dran. Christer hat gewonnen. Aber ich bin Zweiter. Der dritte Platz auf dem Podest bleibt leer. Christer bekommt eine kleine kupferne Milchkanne als Pokal, ich zwei Pistazienschalen, zum yin- und yangmäßigen Zusammenschieben. Ich schüttele dem Sieger die Hand, immerhin hat er fünf Minuten Differenz rausgeholt. Tosender Applaus, der nicht enden will.
Dieser Tag ist der absolute Höhepunkt meiner Sportlerkarriere. Warum will Eurosport kein Interview? Ich bin Zweiter meiner Altersklasse geworden, Sechster der Gesamtwertung, bester deutscher und allerbester internationaler Teilnehmer, bei immerhin 14 Startern. "Du kommst doch nächstes Jahr wieder?", fragt Christer zum Abschied. Aber sicher. Und dann gehört die Milchkanne mir.