Achilles' Verse: Blutdoping im Kuhstall - DER SPIEGEL
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Achilles' Verse Blutdoping im Kuhstall

Diese verdammte Lungenentzündung: Achims geschickt eingefädeltes Trainingslager in den Bergen entwickelt sich wegen des Sportverbots zum Familienurlaub. Aber unser Wunderläufer hat eine Methode gefunden, wie er trotzdem etwas für die Kondition tun kann.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Spätestens nach dieser Tour de France hat auch der letzte Freizeitsportler kapiert: Wer wirklich was leisten will, braucht nicht nur Magnesium und Tempotraining, sondern vor allem rote Blutkörperchen, viele kleine Sauerstoff-Sherpas, die den sauren Muskel in Notzeiten noch ordentlich versorgen. Wenn wir Hobby-Läufer uns mit etwas auskennen, dann mit Notzeiten. Ich bin eine Trümmerfrau des Laufsports; mein Athletenleben ist eine einzige Notzeit. Wenn ich nicht gerade an Trainingsrückstand leide, bin ich verletzt oder krank, so wie jetzt gerade. Laienhafte Versuche, rote Blutkörperchen mit kontiniuierlichen Rotwein-Infusionen zu vermehren, waren unterhaltsam, brachten aber keinen dauerhaften Erfolg. Die durch Eisen-Pillen hervorgerufene Verstopfung ist nur mit schwerem Magnesium-Geschütz zu durchbrechen.

Illegales ist uns edlen Hobbyläufern natürlich zuwider, deshalb fragt man beim Doc allenfalls beiläufig und total scherzhaft, ob er nicht ein paar herrenlose Ampullen Epo irgendwo herumliegen hat, die man uneigennützig in Obhut nehmen würde, damit sie nicht in falsche Hände kommen, bevor sie schlecht werden. Insgeheim hofft man auf eine Antwort, die etwa lautet: "Klar, hier, habe zufällig eine Monatsration übrig, viel Spaß damit!" Hat aber noch nie geklappt.

Die zweite Saisonhälfte droht also ähnlich niederschmetternd zu werden wie die erste. Allein der sommerliche Familienurlaub böte die Chance zu geringfügiger Leistungsverbesserung, wenn da nicht diese verdammte Lungenentzündung wäre, die sich aus einer beharrlich verschleppten Bronchitis entwickelt hat. "In deinem Alter muss man aufpassen", hatte Mona in der ihr eigenen fürsorglichen Gehässigkeit gesagt. Statt einer Antwort entwichen mir nur hässliche Geräusche. Wenn ich nicht gerade meine hintersten Eingeweide aushuste, brauche ich Ohrstöpsel, um vom Rasseln in meinen Atemwegen keinen Gehörschaden davonzutragen.

Alle Versuche, meine Lunge fit zu reden, waren gescheitert. Ich war wieder mal am Ende. Gesundheit im Eimer, Form im Eimer, Laune im Eimer. Dabei habe ich alles diplomatische Geschick aufgewendet, um mir dieses Jahr wenigstens das Epo des kleinen Mannes zu verabreichen: einen Urlaub in den Bergen, ein geheimes Höhentrainingslager, von dem Mona natürlich nichts ahnte. Meine bezaubernde Gattin betrachtete die drei Wochen in Südtirol als Familienurlaub, ich wollte dagegen mein Blut tunen. Nun hatte ich den Salat. Eine verschwörerische Ärzte-Bande hatte mir die Flucht auf Laufschuhen oder Rennrad versagt. So musste ich nun tatsächlich 24 Stunden am Tag den großstädtischen Agrardepp geben, der sich von besserwisserischen Bälgern zurechtweisen lassen darf, dass Ponys keinen Kaffee mögen, den man dem Tier spaßeshalber morgens um kurz nach sechs hingehalten hatte, als sich Bauer, Metropolenkinder und zerknitterte Erziehungsberechtigte im Stall getroffen hatten.

Die gute Nachricht: Unser Quartier liegt auf 1000 Metern Höhe, ideal für legale Hämoglobinmast. Die schlechte: Meine misstrauische Frau überwacht akribisch, ob ich auch tatsächlich keinen Sport treibe. Neulich beim Wandern musste sie in die Büsche, weshalb ich ihr ausbüxen konnte. Ich habe es auf knapp 200 Meter Stechschritt bei etwa zwölf Prozent Steigung gebracht und war völlig am Ende, etwa so wie am Tag zuvor nach 37 Metern mattem Kraul. Lag es an der Höhe, meiner kaputten Lunge oder meinem katastrophalen Trainingszustand? Morgen werde ich mit dem Rennrad die Hofeinfahrt einmal hin- und zurückfahren. Eigentlich wollte ich mit meiner Hightech-Karre die lederbehosten Einheimischen beeindrucken. Stattdessen fragen sie mich, warum denn die tolle Rennmaschine schon seit zehn Tagen unbenutzt im Schuppen stehe.

Wenn der Auswurf keinerlei Höllenfärbung mehr habe, sondern klar sei, könne man wieder an Training denken, sagen die Experten. Die letzten Proben sahen schon ganz gut aus. Die Mengen werden auch geringer. In unserer letzten Ferienwoche werde ich wieder angreifen. Bis dahin hoffe ich, dass es der Produktion roter Blutkörperchen dient, wenn ich morgens im Kuhstall so lange wie irgend möglich die Luft anhalte.

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