Achilles' Verse: Das ABC der Läufer-Ängste - DER SPIEGEL
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Achilles' Verse Das ABC der Läufer-Ängste

Laufen hat nichts mit Lachen zu tun. Sagen die Geliophobiker. Dafür viel zu viel mit Rotz und Schleim. Jammern die Blennophoben. Keine Gruppe ist von mehr Zwangsneurosen geplagt als die Läufer. Achim kennt sie alle.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Machen wir uns nichts vor. Das ewige Laufen-macht-gute-Laune-Gefasel ist eine Lüge. Die paar Glückshormone, die dem Läufer gelegentlich durchs Blut rauschen, werden von Unmengen zeitgleich ausgeschütteter Panik-Transmitter gekillt: Angst essen Endorphine auf.

Angst beim Aufstehen, ob der linke Fuß immer noch so weh tut beim ersten Auftreten des Tages und allen weiteren Schritten auch. Angst beim Besteigen der Waage, ob sie wieder nicht das Wunschgewicht zeigt. Angst beim Frühstück, dass der Nachbrenn-Effekt nicht mehr wirkt und sich die paar Krümel wieder tonnenschwer auf der Hüfte ablegen. Angst beim Treppensteigen, dass das Knacken im Knie durchs ganze Haus zu hören und bestimmt was Ernstes ist.

Und dann natürlich die Angst davor, beim Halbmarathon Anfang April wieder an den eigenen, ohnehin schon niedrigen Erwartungen zu scheitern. Die gute alte Phobie ist es, die die Läufergemeinde zusammenhält, die sie antreibt, die ihr Leben diktiert und jeden ihrer Gedanken. Höchste Zeit für ein kleines ABC der Läuferängste.

Asthenophobie: Angst vor Schwäche, insbesondere auf den letzten 39 Kilometern eines Marathons oder bei einsamen Läufen durch den Wald kurz vor Einsetzen der Dunkelheit. Was ist, wenn ich kollabiere und meine Frau gar nicht merkt, dass ich immer noch nicht zu Hause bin? Asthenophobiker sind hin- und hergerissen zwischen hartem Training, das Wettkampfschwäche vorbeugt und gar keinem Training, weil es ja schwächen könnte.

Blennophobie: Angst vor Schleim. Ganz schlecht beim Laufen. Denn außer Muskelkater erzeugt längeres Laufen gerade in den drei kühlen Jahreszeiten vor allem eines: Schleim. Und der will raus. Blennophobiker tragen große Mengen Papiertaschentücher bei sich und eine Wasserflasche, die nicht den Durst stillt, sondern das permanente Reinigungsbedürfnis befriedigt. Bei Wettbewerben starten sie ganz weit vorn und laufen immer an der Spitze vor lauter Angst, in die Rotzwolken des Feldes zu geraten.

Cainophobie: Angst vor Neuerungen. Hat man einmal den Schuh seines Vertrauens gefunden, will man ihn nie wieder hergeben und sei er noch so abgelatscht. Gilt auch für Hosen, Hemden, Socken und Trinkflaschen. Cainophobiker sind zu erkennen an grauen Baumwollbeutelhosen, Ballonseidenjacken in Mint und immer gleichem Tempo. Ärgste Umsatzbremse der Sportartikel- und Trainingsplanindustrie.

Dendrophobie: Angst vor Bäumen. Besonders unpraktisch bei Waldwettläufen wie dem Herrmann. Dendrophobiker sind häufig in Fußgängerzonen oder auf Rundkursen in Plattenbauvierteln zu finden. Gar nicht schön bei plötzlichem Blasendruck. Vorteil: Man trifft wenig Hunde.

Ecophobie: Angst vor dem Zuhause. Der Ecophobiker ist häufig mit einem lauffeindlichen Partner liiert, der das Leben im gemeinsamen Heim durch ständiges Mäkeln und Mosern unerträglich macht. Bleibt nur die Flucht auf ganz besonders lange Trainingsläufe oder zu Langstreckenwettbewerben wie den 100 Kilometern von Biel oder dem Mayors Midnight Sun Marathon in Anchorage/Alaska. Da erspart allein die Anreise dem Läufer schon mal eine knappe Woche daheim.

Frigophobie: Angst vor Kälte. Vor allem bei Frauen mit unterdurchschnittlichem Körperfettanteil verbreitet. Die notorisch gänsehäutigen Frigophobiker laufen auch im Hochsommer in Fleece-Jacke und Pudelmütze, von September bis April eher gar nicht und sind schon von weitem zu hören wegen ihres fortwährenden Zähneklapperns.

Geliophobie: Angst vor dem Lachen. Vor allem bei Teilnehmern von Profi-Lauftreffs verbreitet. Motto: Laufen hat nichts mit Lachen zu tun, sondern mit der leidensschweren Jagd nach Bestzeiten. Wer lacht, verschwendet Luft, der quält sich nicht genug. Geliophobiker sind überproportional häufig vertreten bei Herren in der Midlife Crisis, die mangelndem Lebenssinn mit verschärftem Galopp entkommen wollen.

Hamartophobie: Angst zu sündigen. Vor allem in der Marathonvorbereitung verbreitet. Hamartophobiker sind Sklaven ihrer Waage, die sie mindestens dreimal am Tag besteigen. Gerade Leistungsläufer gehen mit sich schärfer ins Gewicht als manch Essgestörte. Weil jedes zusätzliche Gramm die angepeilte Bestzeit gefährdet, terrorisiert der Hamartophobiker sich und leider auch seine Mitmenschen mit militärischen Nahrungsgewohnheiten und den neuesten Mythen aus der Diätforschung. Schon Knäckebrot ohne alles gilt als Verbrechen. Nur mit konsequenter Weißbier-Therapie zu heilen.

In der nächsten Woche Teil II des großen Läuferängste-ABC: Von Iatrophobie bis Rupophobie.

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