Achilles' Verse Das Läufermärchen vom Hermann
Was ist das für ein Gespenst, das da erbärmlich ächzend und in Zeitlupe rückwärts die Treppen zu Gleis zwei erklimmt? Voller Schrecken nehmen die Besucher des charmanten Bielefelder Hauptbahnhofs ihre Bierdosen von den Lippen. Der ICE nach Berlin kommt in 17 Minuten. Schafft es die Gestalt bis dahin, sich die letzten sieben Stufen am Geländer empor zu ziehen?
So fertig war ich, das wankende Elend, und so glücklich. Der Held Achilles hatte die Schlacht im Teutoburger Wald nachgespielt und gewonnen. 31 Kilometer schweres Geläuf, zusammen mit 7000 anderen Verrückten, die von über 100 Bussen an Hermanns backsteinernen Sockel geschafft worden waren, um nach Bielefeld zu wetzen.
Der Hermannslauf - ein Läufermärchen. Zu wenig Training, unbekannte Strecke, phlegmatische Ostwestfalen und noch mehr aufgekratzte Ostwestfalinnen, die am Straßenrand hemmungslos die besten Songs von Ballermann-König Micki Krause zum Besten gaben.
Echtes krummbeiniges Läufer-Flair, kaum Clowns, die ab Kilometer vier gehen und sich die restlichen fünf Stunden auf der Strecke mit Handy-Fotos, ipod-Hören, Essen und Trinken vertreiben. Es gibt kein Preisgeld, keine gefegte Strecke. Bei Kilometer 26 schenkten Anwohner Bier aus. Stattdessen ehrlicher Breitensport.
Ja, der Hermann lief prächtig. Die Sonne schien, der Wind kühlte, das Walker-Pack heißt hier wahrheitsgemäß Wanderer und wird kurz nach Mitternacht losgeschickt, in der Hoffnung, ein paar wilde Tiere machen sich über sie her. Ist ja genug dran. Sogar die Medaille ist hübsch und kein Dutzendmüll wie beim Berlin-Marathon. Ein Volkslauf der Herzen bei berechenbaren Schmerzen.
Nur die Gutmenschen sind hier so beharrlich wie überall anders auch. Hinten auf dem Rücken tragen sie ein Schild, das besagt, dass sie für Amnesty International laufen. Vier Sicherheitsnadeln und ein Stück Pappe, das ist das billigste Engagement, das es gibt. Und das widersprüchlichste. Denn vorn tragen die selben Menschen- und Sportsfreunde den Schriftzug "Hermannslauf". Hermann alias Arminius aber sorgte vor 2000 Jahren für ein blutiges Gemetzel am Rande der heutigen Laufstrecke, als seine Cherusker drei römische Legionen abstachen. Vorne Massaker, hinten Menschenrechte - so flexibel ist manch Läuferhirn. Zum Glück sind es nicht viele.
Völlig unerwartet geriet der harte Hermann zum fast perfekten Rennen. Wie konnte das passieren? Ganz einfach: Nackte Panik. Schon Monate vor dem Start gab es mehr Warnungen als wöchentliche Trainingskilometer, so eindringlich, dass der Hügellosigkeit gewohnte Hauptstädter sich voller Ehrfurcht die ganze Nacht vor dem Start hin und her wälzte: Angstträume von Dings-Treppen und Bums-Bergen, Kopfsteinpflaster, Sand, Schlaglöcher und peitschendes Geäst.
Erstmals entwickelte ich nicht nur eine ausgefeilte Renntaktik, sondern hielt mich auch daran. Erstens: dieser Hermann ist kein Wettbewerb, sondern der erste lange Lauf des Jahres. Keinen Druck aufkommen lassen. Die ersten 10 Kilometer muss man als lockeres Einlaufen betrachten, die zweiten 20 als entspanntes Austrudeln. Es kostet Selbstbeherrschung, allerlei fragwürdige Gestalten an sich vorbeiziehen zu lassen. Egal. Geduld. Die sieht man noch vorm Ziel fast alle wieder, meist torkelnd. Der Kraft-Ökonom hingegen dreht dann noch mal richtig auf.
Wichtigste Regel: an Steigungen gehen. Früher hätte ich vom Start weg jeden Sprintwettbewerb mit den Jungspunden ausgetragen, wer eher oben ist. Die Weisheit des gereiften Seniorenläufers sagt: schneller oben heißt früher kaputt heißt später im Ziel. Zumal durchtriebene einheimische Zuschauer auf jeder Kuppe rufen: "Jetzt geht's nur noch bergab!" Was aber zum ersten Mal 350 Meter vor dem Ziel stimmt.
Das Schöne: Hier gibt es keine einsamen Depri-Kilometer wie beim Marathon, stattdessen grandiose Blicke vom Rücken des Teutos auf psychedelisch gelbe Rapsfelder, die LSD-mäßig kontrastieren mit den quietsch-orangen Laufhemden aus der 2003er-Kollektion, die der Ostwestfale konsequent trägt.
Es sind eben reizende Sportkameraden, die kurz hinter Oerlinghausen eben mal abbiegen zum Reihenhaus, um eine betagte Lady zu herzen. "Mutter", erklärt er seinem Kumpel, als er ihn wieder eingeholt hat, "wollte mir doch glatt ein Käsebrot machen." Wenig später knutscht der andere im Vorbeilaufen eine Blonde am Straßenrand und erklärt: "Das war Ina, meine Ex-Affäre". Beim Hermann zählen noch menschliche Werte.