Achilles' Verse Der beste Tag des Jahres
Heute Morgen kam unser Nachbar Roland die Treppe hinab, begleitet von einem ergreifenden Stöhnen. Er ging nicht, sondern stützte und hangelte sich am Geländer entlang. "Soll ich dir was zum Abseilen bringen?", fragte ich in meiner einfühlsamen Art. Roland schnaubte verächtlich. Ich wusste schon, was los war. Der Herr Nachbar hatte mal wieder Sport gemacht, so wie vergangenes Jahr.
Da musste er auf dem Hinterteil alle 112 Treppenstufen aus seiner Dachgeschoss-Angeber-Single-Bude hinabrutschen. "Was ist denn diesmal passiert?" Als guter Nachbar weiß ich, dass Mitbewohner es schätzen, wenn man Interesse an ihren aktuellen Gebrechen zeigt. "Knie", japste Roland, "war gestern im Studio." Volltrottel, dachte ich und sagte: "Step-Aerobic!" in maximaler Diskreditierungsabsicht.
"Blödmann. Ich war 40 Minuten auf dem Laufband", prahlte Roland. "Schöne Sache zum Aufwärmen", antwortete ich, "aber, wie ist das mit dem Knie passiert?" Roland klammerte sich ans Geländer und ließ sich langsam auf dem Treppenabsatz nieder - nachdem ich ihm unsere fast neue Fußmatte untergeschoben hatte. Er ächzte: "Ganz blöde Sache habe mich in der Dusche auf die Schnauze gelegt." Ich musste grinsen: Wahrscheinlich waren seine sündteuren italienischen Designer-Badelatschen so glatt, dass er sich nicht mal nach der Seife bücken musste, damit es weh tat. Das kommt davon, wenn man Schwuletten statt Adiletten in der Brause trägt. Von den vielen dämlichen Sportunfällen, die die große weite Welt für uns bereithält, sind Stürze in der Dusche die schmerzhaftesten und überflüssigsten.
"Kaffee?", fragte ich. In der Zeit, die Roland bis zum nächsten Treppenabsatz brauchte, ist locker eine Kanne durchgelaufen. Roland drückte sich hoch. "Ich muss weiter. Termin beim Arzt", sagte er stöhnend. "Heute noch?", fragte ich. Roland zeigte mir seinen Indexfinger.
Der Dienstag nach Ostern ist der Tag des Sportmediziners. Nie sind die Praxen voller. Verdrehte Knie, gedehnte Bänder und akute Hüftsteife werden begleitet von mörderischem Muskelkater, brutalen Erschöpfungszuständen und einem geheimnisvollen Pochen im Meniskus.
Deutschland hat mal wieder Sport getrieben, überwiegend zum ersten Mal in diesem Jahr. Am traditionell totlangweiligen Ostermontag drängt es den bindegeweblich erschlafften Patriarchen zur kleinen Flucht vor der Familie, die aber nur gelingt, wenn er etwas ganz und gar Unangreifbares ankündigt. "Ich geh laufen", zum Beispiel. Die Kinder blicken von der PS3 auf und grienen, die Gattin guckt besorgt, der Chef jedoch ist entschlossen und kramt die Sportsachen aus den unergründlichen Tiefen des Schranks.
Heute muss es sein. Am Ostermontag werden all jene Vorhaben umgesetzt, die man Silvester, am Geburtstag und dem letzten zerkaterten Morgen gefasst hat, und vergangenes Jahr auch schon. Und schon drängeln sich auf ansonsten ruhigen Laufwegen Heerscharen zellulistischer Wohlstandbürger, deren schneeweiße Freizeitschuhe zusammen mit der kirschroten Birne an die japanische Flagge erinnern.
Die gute Nachricht: Sie verstopfen die Laufwege nur einmal im Jahr, denn schon am nächsten Tag kommen sie in die geschlossene sportmedizinische Therapie und epilieren sich mit Medi-Tape bis zum nächsten Osterfest. Die schlechte Nachricht: Bis endlich die Muskelfaser reißt, muss man sie 30 Minuten ertragen, wie sie mit beiden Händen Bäume abstützen. Oder soll das Stretching sein, was da in viel zu engen Hosen und peinlich bollerigen "University"-Sweatshirts dutzendfach am Wegesrand aufgeführt wird? Vielleicht wollen sie einfach nur nicht erkannt werden.
Wenn unsere Sport-Novizen nach zwölf Minuten frischer Luft und drei Minuten Baumhalten nun entspannt wieder zum Parkplatz trotten würden, wäre alles gut. Aber nein, sie müssen ja unbedingt noch laufen, also eher traben, in Wirklichkeit Spazierengehen mit verschärftem Schnaufen und langen Stehpausen. Ganz am Ende aber müssen sie natürlich doch noch zeigen, was sie drauf haben. Dann treten sie blitzartig an zum Sprint. Dies ist der geldwerte Moment, die Freude der verarmten Sportmedizin. Denn ruckartige Bewegungen sind ihre Körper nicht gewohnt. Also knackt und knirscht und kracht es von oben bis unten. Und irgendwas geht immer kaputt, spätestens beim Duschen. So wie bei Roland.
Wahre Läufer verbringen den Ostermontag auf dem Sofa. Oder im Café mit der Familie, bei einem Doppelzentner Frankfurter Kranz. Sie schonen sich für den besten Trainingstag des Jahres: Osterdienstag. Denn dann sind die ganzen Eintagssportler beim Arzt, und die Wege wieder frei.