Achilles' Verse Der Feind in meinem Bett
Auweia. Es ist wieder so weit. Mona hat pünktlich ihren alljanuärlichen Sporttick bekommen, aus einer Panik. "Waas?", schrie meine Gattin letzten Sonntagabend, als sie mit Hilfe eines Kalenders versuchte, Ordnung in ihr Leben zu bringen, "in zehn Wochen sind ja schon Osterferien". Diesen Schrei stößt sie jedes Jahr um diese Zeit aus. Meine Frau ist Quartalsquartalsläuferin. Sie läuft ungefähr ein Viertel vom Quartal, also ungefähr drei Wochen am Stück, bis die Ferien anfangen, sie keine Lust mehr hat oder "verletzt" ist.
Frauen sind ja gerne verletzt, bevorzugt am Knie. Das erscheint ihnen offenbar am glaubwürdigsten, weil Fußballer auch immer am Knie verletzt sind. Was Männern ihrem Lieblingskicker glauben, werden sie bei ihrer Frau nicht hinterfragen, so lautet das weibliche Kalkül. Vielleicht sind sie aber auch nur deswegen so gern verletzt, weil sie dann in den Genuss von Mitleid und ein paar sportmedizinisch fragwürdigen Anwendungen kommen: Fango zum Beispiel oder die zärtlichen Hände des gutgebauten kurdischen Masseurs, und alles auf Rezept.
"Sybille nimmt mich mit zum Walken", verkündete Mona. Ich fühlte mich wie beim Tempotraining: Mir blieb die Luft weg. "Das ist besser zur Fettverbrennung", dozierte meine Frau mit dem selbstbewussten Halbwissen der "Brigitte"-Leserin. "Wenn Walken mehr Fett verbrennen würde als Laufen, dann müssten Läufer dick und Walker dünn sein", entgegnete ich. "Die Dicken fangen doch erst an", erklärte Mona. "Dann habe ich noch nie einen fortgeschrittenen Walker gesehen", murmelte ich. Ich gab auf.
Keine inhaltlichen Debatten mit Frauen. Entweder bestehen sie bockig auf ihrem Halbwissen oder sie fangen an zu weinen. Als Mann ist man immer der Bösewicht, vor allem, wenn man folgerichtig argumentiert. Wenn Nichtstun wie Walken Fett verbrennt, dann müsste es im Grunewald riechen wie in der Frittenbude hinterm Bahnhof, weil soviel Talg schmurgelt. Es riecht aber bestenfalls nach Altschweiß, der sich seit Monaten tief in Walkerfalten festgefressen hat.
Im Gewühl meines Schreibtisches fahnde ich nach einem Beitrag aus der Läuferfachzeitschrift "Bild". Meine männliche Intuition sagte mir schon vor Wochen, dass ich diesen wegweisenden Beitrag würde einsetzen können im Geschlechterkampf . Ah, da war er ja, unter den Schuhprospekten und der Angebotsliste für Läufer-Pharmazeutika vom Online-Versand. Der Blick fällt sofort auf ein Horror-Foto: eine Wade, quer zur Laufrichtung durchbohrt von einem spitzen Ast, Durchmesser drei Zentimeter. Waltraud Gendorf (55), Walkerin aus Recklinghausen, hatte ihn sich bei der Ausübung ihres Zeitvertreibs geradewegs ins Bein gerammt.
Wenn man sich in Zeitlupe bewegt, reagiert man offenbar auch nicht schneller, wenn sich ein Ast aufstellt. Immerhin gab es 500 Euro für das Leserfoto. Mona beeindruckte die Aufnahme von Walktraud nicht unbedingt. Sie würde wieder in ihren Jane-Fonda-Stulpen losstapfen, in denen fühlte sie sich sicher.
Ich zog einen zweiten Artikel hervor, der ihr garantiert mehr Angst machen würde. Fakt ist: Auch beim Walken kann man sich tückische Blessuren zuziehen, wie die medizinische Hochschule Hannover herausgefunden hat. Die häufigste und gravierendste Verletzung des Schleichsportlers ist der "Walker-Daumen", was übrigens nicht vom Nasebohren unterwegs kommt. Stürzt der Walker (wegen Entkräftung, Müdigkeit, Koordinationsproblemen, Underberg im Trinkgürtel, Blödheit), dann hängen die Hände noch in den Schlaufen der Stöcke. Der Schwerkraft des herabfallenden Körpers kann der gefesselte Daumen aber nicht standhalten. Also bricht er. Oder das Seitenband wird überdehnt. Auf jeden Fall muss der Finger für zwei Wochen geschient werden. Wie schrecklich: 14 Tage, das bedeutet mindestens dreieinviertel Kilometer Trainingsrückstand für den Walker.
Mona hatte ein Fleece angelegt, das wir früher mal für den Fall einer neuen Eiszeit angeschafft hatten. "Ich gehe jetzt", verkündete sie. "Lauf lieber", murmelte ich und bemerkte laut: "Wenigstens hast Du keine Stöcke." Die Gattin grinste triumphierend. "Habe ich doch", jubilierte sie, "unten im Keller versteckt, da wo Du immer die Laufklamotten bunkerst, die Du Dir heimlich kaufst". Verzweiflung. Eine walkende Ehefrau, das ist so peinlich wie ein betrunkener Ehemann. Ich werde eine Selbsthilfegruppe gründen.