Achilles' Verse: Dinner im Trainingsanzug - DER SPIEGEL
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Achilles' Verse Dinner im Trainingsanzug

Streit im Hause Achilles: Das Ehepaar ist zum Dinner eingeladen. Während Mona ihren Achim in feinen Zwirn zwängen will, hat dieser ganz andere Pläne. Er möchte im Trainingsanzug antanzen. Der passt schließlich zu jeder Gelegenheit.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Läuferkörper ist ja ein sensibles Hochleistungsmessgerät. Nach exakt 72 Minuten und 14 Sekunden meldet er seinem Besitzer: Hunger! Durst! Schenkelschmerz! Keine Lust mehr! Dummerweise hat Mona mich an diesem Samstagabend zu einem Läufer-Dinner zwangsverpflichtet. Ich hätte lieber auf dem Sofa gelegen, Rocky I geguckt und die Klemmbrett-Karraß-Diät  versucht. Immer wenn eine dieser Fressattacken kommt - und sie kommen dauernd - dann empfiehlt unser Trainer grüne Bohnen aus dem Glas, in beliebiger Menge. Spätestens nach dem dritten Glas gibt der Hunger auf, der Magen weint und der Lauf am nächsten Morgen wird zum flotten Slalom durch das Unterholz, weil die Bohnen an die frische Luft drängen. Perfektes Gewichtsmanagement: Jeder dieser Video- und Bohnenabende bringt locker ein Pfund minus.

Stattdessen gibt es heute vier Gänge, gleichbedeutend mit einem guten Kilo plus. Also muss ich mich um unmenschliche 33 Minuten über meine magische Lust- und Schmerzschwelle quälen. Per Kalorienrechner hatte ich ermittelt, dass 105 Minuten Lauf um die 1600 Kalorien vernichten, also jene Menge, die ich heute Abend aufnehmen würde, sofern ich bei Wein, Käse und Dessert ausnahmsweise meiner angeborenen Zurückhaltung gehorchte.

Die brutale Trainingsstrecke hatte mich für den Rest des Samstags ans Sofa gefesselt, nur unterbrochen von gelegentlichen Pirschgängen in die Küche. Wo früher mein Bauch war, klaffte ein gieriges schwarzes Loch, das unentwegt Fett und Zucker aufsog, ohne je gefüllt zu sein. Mitten in der "Sportschau" begann Mona zu quengeln. "Zieh' dich endlich an", befahl meine Gattin, "wir müssen gleich los." Sie war seit Stunden damit beschäftigt, sich aufzurüschen. Ich nahm den Nutella-Löffel aus dem Mund. "Wofür? Es ist doch ein Läufer-Dinner", klagte ich. Läufer liegen modisch noch hinter Fußballern. In Berlin ist es ohnehin unmöglich, irgendwo underdressed einzulaufen. Mit einem Trainingsanzug ist man immer und überall richtig gekleidet.

Ich suchte gerade in der Sockenschublade nach dem am wenigsten grauen weißen Paar, als Mona auf Style-Patrouille kam. Sie kreischte leise, als sie mich sah. "Du willst doch nicht etwa so losgehen?" Vielleicht hatte sie Recht. Ich werde nicht die blaue Trainingshose, sondern doch die flotten schwarzen Dreiviertel-Tights anziehen, um meine sexy Waden angemessen zu präsentieren. "Zieh' sofort den stinkenden Plastikmüll aus", befahl meine Kaschmir-Frau. "Das Zeug ist teurer als dein Designer-Plunder", sagte ich beleidigt. "Aber man sieht's nicht", entgegnete Mona. "Ich kann ja künftig die Preisschilder dranlassen", bot ich an.

Mona wühlte durch die Schränke und förderte Cordhose und Streifenhemd zutage. "Toll", sagte ich, "jetzt brauche ich nur noch deine Wanderstöcke aus dem Keller, um mich zum Gespött zu machen." Zäh handelte ich Mona Jeans und ein giftgrünes Finisher-T-Shirt vom ersten Hamburg-Cityman ab. "Ein textiles Stück Sportgeschichte", erklärte ich und interpretierte Monas Schweigen als Zustimmung.

Was bringt man mit, wenn man bei Läufern zum Essen eingeladen ist? Eine Dose Basica? Oder eine Familienpackung Diclofenac? Ich entschied mich für Wein und den Kartentext: "Für die Extraportion roter Blutkörperchen". Mona strich mein T-Shirt glatt als wir klingelten. Sybille öffnete und fiel meiner Frau um den Hals. Ich musste mich mit ein paar spitzen Fingern begnügen, die mir zum Händedruck hingehalten wurden.

Sybille blickte auf mein Leibchen und schnupperte. "Ist gut gelüftet", erklärte ich. Mike und Thomas waren schon da. Beide trugen Streifenhemd, Cordhose und einen Eimer Caipirinha in der Hand. Natürlich nahm ich auch einen. Das waren schon mal die ersten 300 Kalorien oder umgerechnet 20 Minuten Lauf. Mike malte mit dem Finger das Streckenprofil des Swiss Alpin Marathons in die Luft. "Naja, 78 Kilometer halt", sagte er lässig.

Thomas, der Mops, ließ sich zu einem unterwürfig bewundernden "Uiii" hinreißen. "Die dünne Luft hat zum Glück weniger Widerstand", scherzte ich. Die beiden Spaßbremsen schwiegen. "Heute gibt's Sarah Wiener", verkündete Sybille. Erbarmen. Das war doch diese Tante aus Österreich, deren halbgare Fischteile nie jemand kosten mag bei Kerners Kochshow. Ich füllte die Weingläser. Mein Kalorienkonto war schon vor dem ersten Bissen schwer unter Druck.

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