Achilles' Verse Ein Herz für Mona
Die deutsche Sprache hat ja nicht für jede Gelegenheit das treffende Wort. Welches Wortpaar zum Beispiel entspricht dem Duo hungrig/satt? Durstig und ... ? Eben. Wie also heißt ein Läufer, der am Start noch eine Familienflasche Isotonisches in den Verdauungstrakt gepresst hat? Hydriert? Abgefüllt? Neunmalkluge schlagen "sitt" vor.
Für Mona fehlt auch das passende Wort. Wann immer sich meiner Gattin die Gelegenheit bietet, mir etwas zu schenken, scheitert sie kläglich, vor allem bei Läufer-Accessoires: Strunz-Bücher, Zauber-Schnürsenkel, Hüftflaschenhalter Marke Bernhardiner in meinen Schubladen stapelt sich der Sperrmüll von morgen. Es gibt Falschfahrer, Falschparker und Falschschenker. Mein Mönchen ist ein besonders notorischer Fall, nicht erst seit der streichwurstfarbenen Fleece-Weste, in der ich aussehe wie ein entlaufener Neandertaler. Ich will endlich ein cooles Läufergeschenk, so wie ein Überraschungsei: was zum Spielen, was zum Wohlfühlen, was zum Angeben .
Bislang habe ich Geschenkgelegenheiten dem Zufall überlassen. Großer Fehler. Denn die Läufer-Geschenke meiner Frau führten immer zu Psychostress. Ich muss zwanghaft begeistert sein, sie merkt an meiner Kunstfreude natürlich, dass sie wieder daneben gelegen hat, umso eifriger muss ich beteuern, dass ich mich noch viel mehr freue, nur eben diese emotionale Blockade habe, die mir verbietet, völlig euphorisch zu werden. Sie glaubt mir nicht. Und deswegen muss ich zum Beleg meiner Freude das Geschenk demonstrativ benutzen.
Neulich zum Beispiel bekam ich einen Massage-Igel, so ein Plastikvieh mit weichen Stacheln, mit dem man angeblich den nahenden Muskelkater aus den Schenkeln rubbeln kann. Hatte ihr Klaus-Heinrich geraten, mein zukünftiger Ex-Laufpartner. Ich kann mir sein fieses Grinsen schon vorstellen, als er Mona einredete, dass jeder Profi-Läufer so einen Gummifreund hat. Vor dem Fernseher habe ich das Ding ein paar Mal über meine Oberschenkel gerollt. Mona guckte skeptisch und erteilte Anweisungen: "Länger! Härter! Ruhiger."
Der Igel hat inzwischen einen schwarzgrünen Pelz zwischen den Stacheln, der nicht mehr wegzukriegen ist. Mona hat ihm schon zwei Freifahrten in der Spülmaschine spendiert. Meinen Muskelkater habe ich immer noch. Ich bin wirklich kein Freund von Gutscheinen. Aber mit einem Voucher für neue Laufschuhe wäre ich glücklich wie seit Jahren nicht mehr.
Für dieses Weihnachtsfest werde ich Monas Präsent-Terror kühn durchkreuzen. Ich halte es einfach wie sie: Es gibt einen Wunschzettel, und der wird akribisch abgearbeitet. Besser noch: Ich male verschieden große Herzen an die Seite: Kleines Herz kleine Liebe. Großes Herz die einzig wahre große echte ewige Liebe. Sie kann dann ganz frei entscheiden, was ich ihr wert bin.
Ein extragroßes Herz bekäme zum Beispiel ein Startplatz beim Nordpol-Marathon. 12.000 Euro sollte unsere Liebe schon wert sein. Dafür darf ich dann mit Schneeschuhen laufen, durch 100 Sorten Weiß. Der Sieger braucht über dreieinhalb Stunden, Kenianer sind weit und breit nicht zu sehen. Beeilung ist gefordert, denn schon bald dürfte es matschig werden im ehemaligen Eis. Eine Nummer kleiner wäre der Baikalsee-Marathon (Anreise mit der Transsibirischen Eisenbahn) oder für Frostbeulen ein Startplatzpaket für vier Wüsten-Marathons (Atacama, Sahara, Gobi, Antarktis). Brandenburg würde sich in der Liste auch gut machen. Wer nicht viel Zeit hat, versucht sich beim Darmstädter Knastmarathon, Hofkoller inklusive.
Ein mittleres Herz würde sich Mona mit dem Blue Belt verdienen. Den Gurt kann man diskret unterm Laufhemd tragen. Der Neopren-Freund steigert die Körperwärme genau in der Problemzone um fünf Grad und lässt Fettdepots einfach wegschmurgeln. Die Harten nehmen gleich den Pocketflammenwerfer für Crème brulée. Ein kleines Herz immerhin könnte sich die Gattin mit Finishershirts von Ebay verdienen: Ironman Hawaii ist für unter 20 Euro zu haben. Wehe, Mona hält sich nicht an meine Liste und schenkt mir mindestens das Outdoor-Handy Sonim. Dann kontere ich mit dem pinkfarbenen Sportkostüm Modell "New Romantic" mit Wuschelstirnband oder dem schwarzen Trainingsanzug mit S/M-Schnürung.
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