Achilles' Verse Furchtbares Fasten
Der Sellerie ist im Gefrierfach festgefroren. Gut so. Je kälter, je besser. Sellerie hat negative Kalorien, weil man beim Kauen mehr Energie verbraucht, als im Sellerie steckt. Lagert man das Zeug im Drei-Sterne-Fach, ist es eiskalt und der Körper braucht zusätzliche Energie, um das Knollengemüse auf Körpertemperatur zu bringen. Doppelt negative Kalorien und trotzdem was zu essen.
Freikörperfan: Kräftiges Kerlchen, fast gefastet
Foto: APObwohl: Selleriekauen ist nicht wirklich Essen, sondern eher eine Beschäftigung, die so ekelhaft ist, dass sie vom Bierdurst ablenkt. Warum zum Teufel habe ich mich auf diese "7 Wochen ohne" eingelassen, mitten in einer Phase härtesten Trainings .
Wer läuft, verbrennt Kalorien. Wer viel läuft, hat permanent Hunger. Und wer viel läuft und kein Bier trinkt, weil er an Aschermittwoch ein Gelübde abgelegt hat, der darbt fürchterlich. So wie ich. Kein Bier, kein Rotwein, überhaupt keine abendlichen Stimmungsaufheller.
Es ist noch nicht einmal die Hälfte der Zeit vergangen. Tage ohne Bier dauern eben doppelt so lange. Ich gucke im Kühlschrank nach, ob das Bier noch da ist. Vielleicht muss ich es trinken, weil es kurz vor dem Verfallsdatum ist. Nur weil man Enthaltsamkeit geschworen hat, muss man nicht gleich Lebensmittel verderben lassen. Mist: 09/09 lautet das Haltbarkeitsdatum.
Wie werde ich nur den Selleriegeschmack los? Könnte meine Einlegesohlen kauen. Oder meinen Kopf gegen die Wand hauen, das bringt 150 Kalorien pro Stunde. Nächstes Jahr werde ich auf Austern verzichten, die mag ich eh nicht. Die Kunst besteht darin, auf Dinge zu verzichten, die nach Askese klingen, aber es nicht wirklich sind.
Trainingsplanfasten ist zum Beispiel eine wunderbare Sache: Jede Saison aufs Neue war ich abhängig von Klemmbretts Anweisungen Sklavisch habe ich die Vorgaben zu erfüllen versucht. Ich war abhängig. Der Verzicht auf einen Trainingsplan fällt leichter als der auf Bier. Und sinnvoll ist er auch. Die Verbissenheit der letzten Jahre hat zu wenig Erfolgen, aber viel schlechter Laune geführt. Immer war ich langsamer, als der Plan befahl.
Deswegen wird diese Saison alles anders gemacht. Letztes Jahr viermal die Woche strikt nach Plan. Die Bilanz: Hüftkneifen, dauernde Erkältung und statt eines Denkapparates eine Stoppuhr im Schädel. Dies Jahr dreimal die Woche nach Lust. Gern mal schnell zwischendurch oder lang, selten beides. Auf jeden Fall kein Wettbewerbsstress. Wäre Buddha gelaufen, hätte er gepredigt: Genieße jeden Meter und höre auf, dich mit Leuten zu messen, die sowieso schneller sind als du.
Wettbewerbe sind psychologische Vollbremsungen im Läuferleben: Alle Konzentration auf diesen einen Moment, wieder unter den Erwartungen bleiben, lange Wochen die Lust verlieren. Trainieren nur für sich, ohne Bestzeit-Gegeiere, das ist die wahre Kunst. Sagen jedenfalls alle, die keine Chance mehr auf neue Bestzeiten sehen. Na und? Gehe ich eben auf die Nordic-Walking-Ranch . Endlich ein Leben in Zeitlupe.
Jedenfalls werde ich dieses Jahr erstmals den Berliner Halbmarathon schwänzen. Vor lauter Glück, überlebt zu haben, habe ich jedes Jahr danach das Training praktisch eingestellt. Der Spannungsbogen für den Rest der Saison war schon bei ihrem Start zerstört.
Deswegen dieses Jahr das komplette Gegenteil: Mit größter Selbstdisziplin für keinen einzigen Wettbewerb angemeldet, außer den Volkstriathlon natürlich und den Stör-Lauf und den Velothon und die 25 Kilometer von Berlin und den Allgäu-Marathon und den Avon-Frauenlauf, wenn Mona mir eine Startnummer besorgt.
Einfach auch mal was Überraschendes machen, raus aus der Routine, weg mit dem Erwartungsdruck. Es lebe die situative Wettbewerbsteilnahme: Freitag gut fühlen, Sonntag rennen. Oder auch nicht.
Dann ist garantiert auch der Heuschnupfen wieder weg, der mich jedes Frühjahr quält. Es schmeckt schon wieder metallisch im Hals. Weil es Rotwein nicht sein kann, sind es wohl die Frühblüher. Drei Jahre lang dachte ich, es sei ein Infekt. Jetzt weiß ich: Pollen-Alarm. Vor allem nachts. Literweise hat Mona mir die Hustensaftreste der Kinder in den Hals geleert. Vergeblich.
Mein Nachbar Klaus-Heinrich sagt, es läge am Kopfkissen. Die Pollen krallen sich tagsüber in den Haaren fest und legen sich dann mit aufs Kissen. Und der Zinken taucht immer rein ins Allergen. Wird höchste Zeit fürs Pollen-Fasten.