Achilles' Verse Gruß vom Grottenolm
Sonntägliche Breitensportwettbewerbe ersetzen durchaus den Kirchgang. Denn sie sind von biblischer Dramatik: Es geht um Neid, Hass und Missgunst, bisweilen aber auch um Demut und Mitgefühl. Nehmen wir zum Beispiel den "Berlinman" vom vergangenen Sonntag, als fast 1000 Triathleten ihre rasierten Extremitäten zeigten, um sich dann in die grünalgendurchsetzte Entengrütze zu stürzen, unter der sich irgendwo das Wasser des Wannsees verbergen soll.
Das Diskriminierende: Um 8 Uhr starteten die richtigen Sportler, also jene, die mal eben einen halben Ironman absolvierten und mithin vier bis sieben Stunden unterwegs waren. Um 9.30 Uhr, als der letzte Halbdistanzler von der Bugwelle des begleitenden DLRG-Boots an den Strand getrieben worden war, durften die anderen los. Die Schlechten. Gurken. Nichtskönner. Volkstriathleten. Der Jedermenschler. Der ausdauersportliche Grottenolm hat gerade einmal ein Achtel des Ironman durchzustehen: 700 Meter Schwimmen, 20 Kilometer Radfahren und 5 Kilometer Laufen. Zu wenig, um Gehässigkeiten über Schlecht-, aber immerhin Langschwimmer zu verlieren, auch wenn sie sich von der Strömung über die Strecke treiben lassen.
In einem Anfall maßloser Selbstüberschätzung hatte ich mich im Februar für die Mitteldistanz angemeldet, zu jener Zeit des Jahres also, wenn die Pläne groß, die kommenden Trainingswochen zahlreich und die Wettkämpfe weit weg sind. In der Woche vor dem Start habe ich dann sicherheitshalber auf die Olm-Strecke umgebucht. Mona hat gar nichts mehr gesagt, nicht mal "Aha", sondern einfach nur demütigend eine Augenbraue gelupft. Jaja, schon gut. Schweige einfach still, Gattin, es ist für uns beide erholsamer. Außerdem habe ich für die ruinierte Form in diesem Jahr wirklich eine Reihe von Bomben-Entschuldigungen, die diese ganzen versingleten Studenten, Lehrer, Öffentlichendienstler und Immobiliengewinnler auf der Mitteldistanz kaum toppen können. Ich habe das größte Trainingshindernis aller Zeiten: eine Familie, und davon nicht zu knapp.
Da ist ein Kleinkind, das seinen zärtlichen Vater braucht, ein großes Kind, das einen knallharten Vokabel-Abfrager schätzt, eine Frau, die einen stummen Einkaufstütenträger herumzukommandieren beliebt (was zwar auch Ausdauertraining ist, aber für den Wettkampf nicht taugt). Übrigens ist da auch noch eine selbständige Erwerbsarbeit, die weder Wochenenden kennt noch Trainingszeiten.
Machen wir uns nichts vor: Die Familie ist des Ausdauersportlers Untergang, Frau von der Leyen. Setzt man für eine ordentliche Trainingswoche sieben Stunden Fleißarbeit auf Tartan, Asphalt, Waldweg und in der Entengrütze an, dann kommen wir inklusive Aufwärmen, Umziehen, Duschen, An- und Abfahrt sowie Materialpflege locker auf das Doppelte. Noch gar nicht eingerechnet sind Fachsimpeln, Klamottenkaufen, Stretching und Arztbesuche, 14 Stunden die Woche, das sind zwei Stunden am Tag.
Wer aber um 7 Uhr aufsteht, die Kinder versorgt, das Tagwerk beginnt, den Nachwuchs am Nachmittag zur rhythmischen Sportgymnastik fährt oder zum Flötenkreis, ist bei Einbruch der Dunkelheit immer noch gefesselt durch Elternabend oder den Pilates-Kurs der Ehefrau. Wo findet man da ein Zeitfenster für die Leibesübung? Am Wochenende? Von wegen. Hochzeiten, Familienfeiern oder, schlimmer noch, Besuch von Monas Cousinen. Schafft man es, sich unauffällig zwei Stunden zu verkrümeln, wird der Resttag zur Hölle. Man will den trainingsmüden Körper in die Badewanne gleiten lassen, doch stattdessen ist gediegenes Teegespräch mit Hiltrud gefragt.
Das Bad ist von ihrem Mann blockiert, der Magengrimmen hat, wahrscheinlich von Monas Kuchen. Hat man tatsächlich mal am Wochenende Zeit, kommen garantiert die Viren zum Ausbruch, die die bezaubernden Kleinen aus der verlausten Kinderaufbewahrung einschleusen. Was die Biester höchstens 48 Stunden lahm legt, streckt die Eltern für zwei Wochen aufs Lager.
Insofern wird es Zeit für eine völlig neue Wertung. Weg mit den diskriminierenden Altersklassen, wo man bereits in der Spätpubertät als Senior gehandelt wird, her mit gesellschaftspolitischen Leistungsklassen. Pro Kind gibt es eine Zehn-Minuten-Gutschrift, pro Frau auch. Für Kleinkinder noch mal fünf Minuten extra. Für Freiberufler auch. Auf einen Schlag wäre ich eine halbe Stunde schneller. Und es gäbe endlich einen vernünftigen Grund, Kinder aufzuziehen.