Achilles' Verse: Kämpfer aus Westfalen - DER SPIEGEL
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Achilles' Verse Kämpfer aus Westfalen

Worauf hat sich Achim da bloß eingelassen? Bei einem Besuch in Westfalen bittet ihn sein alter Kumpel Dirk, ein paar Runden mit der Laufgruppe zu drehen. Was Achim nicht weiß: Westfalen sind ganz gefährliche Typen. Die wollen ihn bestimmt fertigmachen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Lippstadt wird unterschätzt. Wir arroganten Großstädter glauben ja immer, dass es Ortschaften wie Emsdetten, Bielefeld, Bad Salzuflen oder eben Lippstadt eigentlich gar nicht gibt, sondern dass sie nur erfunden wurden, damit die Landkarten nicht so leer aussehen.

Verschlägt es einen aber aus beruflichen Gründen tatsächlich mal in diese Gegenden, stellt man fest: Es gibt diese Dörfer wirklich. Und Menschen leben auch dort. Vor allem laufen sie alle wie die Verrückten. Klar. Was soll man in Lippstadt auch anderes machen? Statistisch gesehen ist Lippstadt die Laufhauptstadt der Welt. Gibt man bei Google "Lippstadt" und "Laufen" ein, kommen 179.000 Treffer, "Mexiko City" und "Laufen" bringen es nur auf 30.000.

Mein alter Kumpel Dirk lebt schon seit Jahren im westfälischen Randgebiet. Bis Lippstadt hat er es aber nicht gebracht, sondern nur bis Bad Westernkotten, zwischen Rüben und Karotten, wie der Volksreim besagt. Westfalen über 40 sind entweder Trinker, Läufer oder beides. Dirk ist Läufer. Er hatte durch Zufall von meinem Besuch erfahren und schickte sofort eine E-Mail: Ob ich nicht Samstagmorgen mit seiner Laufgruppe ein Stündchen die Feldwege der näheren Umgebung erkunden wolle. "Vielleicht ...", antwortete ich abwehrend, was Dirk umgehend als Zusage verstand. "Prima", mailte Dirk, "ich hol' dich um 7.30 Uhr an deinem Hotel ab." Ich ging von einem Tippfehler aus. Mit den westfälischen Wurstgriffeln haut man ja schon mal auf die "7", wenn man eigentlich die "9" treffen will.

Leider war es kein Fehler. Dirk stand tatsächlich im Lippstädter Morgendunkel vor der Tür. Wir gähnten uns aufmunternd an. Langsam rollten wir aus der Stadt. Aus den Vorortpuffs torkelten die letzten Freier an die frische Luft. Was hatte ich getan? War es schlau, sich einer wildfremden Laufgruppe anzuschließen? Was waren das für Leute? Wahrscheinlich lauter Renngräten, die eine Marathonzeit von über drei Stunden für Willensschwäche hielten. "Wir laufen eine Stunde oder etwas mehr", hatte Dirk gesagt. Schön und gut, aber er hatte mir die entsprechenden Kilometer verschwiegen. Was ist, wenn ich in ein Rudel gedrungener westfälischer Kampfdackel gerate, die vier Minuten 15 Sekunden auf den Kilometer laufen und sich dabei noch locker unterhalten? Sie würden mir einfach davonrennen. Und ich? Allein und verloren zwischen Rübenäckern.

Ich werde mein Handy unauffällig einstecken. Dann könnte Mona den ADAC-Rettungshubschrauber alarmieren. Ich erzählte Dirk sicherheitshalber noch von allen Verletzungen, Fieberschüben und Motivationsproblemen, die sich in den letzten Tagen schlagartig bei mir aufgetürmt hatten. Er lächelte verständnisvoll. Lächelnde Westfalen sind gefährlich. Denn in Wahrheit denken sie: "Red' du nur. Entschieden wird auf'm Platz. Und da machen wir dich kalt."

Ortseinfahrt Bad Westernkotten, auch bekannt als das "Florida des Ruhrgebiets". Hier quillt seit Jahrhunderten salzhaltiges Wasser aus der Erde, das im Kurpark über beeindruckende Salinen in die Luft befördert wird und quasi Nordseeklima erzeugt. Röchelnde Bergmänner haben hier zum ersten Mal in ihrem Leben gute Luft geatmet.

Es ist wie in "Herr der Ringe". Im Halbdunkel kommen aus allen Richtungen seltsame Gestalten in den Kurpark geströmt. Sie tragen atmungsaktive Kampfanzüge, weder iPod noch Flasche, dafür martialischen Siegermut im Blick. Es werden immer mehr. Offenbar gehört die halbe Einwohnerschaft zum Lauftreff.

Verstohlener Blick auf die anwesenden Waden. Naja. Schon strammere gesehen. Aber auch schon wesentlich schwammigere. Wenig Worte, los geht's zur Aufwärmrunde. Erträgliches Tempo. Dann Gymnastikkreis. Ein sehr gutes Zeichen. Hardcore-Renner turnen nicht. Endlich wird es ernst. Dirk übernimmt die Führung. Frauen sind auch dabei. Es geht hinter malerischen Einfamilienhäusern entlang Richtung Rübenacker. Wind pfeift, Achilles ächzt, Ureinwohner plaudert, bevorzugt über die geplanten Wettkämpfe dieses Jahres: Nordschleife Nürburgring, Münster-Marathon, Paderborn, New York, natürlich den Hermannslauf. Und schon ist die knappe Stunde um. Im Ziel gibt es O-Saft und Croissants, um die fast entleerten Glykogenspeicher schnellstmöglich wieder aufzufüllen. Wer hätte das gedacht: Mann kann ein Überraschungstraining in der Provinz tatsächlich überleben.

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