Achilles' Verse: Kampf ohne die Uhr - DER SPIEGEL
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Achilles' Verse Kampf ohne die Uhr

Der Braunschweiger Halbmarathon ist das Highlight schlechthin für jeden passionierten Läufer. Unser Achim will bei diesem Spektakel Geschichte schreiben. Doch kurz vor dem Startschuss der Schreck: Er hat die überlebenswichtige Pulsuhr vergessen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wäre Braunschweig eine Blume, dann eine Heckenrosenblüte: klein, eher unterkomplex, aber doch von einigem Charme. Vor der Eintracht regierten hier die Welfen, am letzen Sonntag aber die Läufer. Weil es im Umkreis von einer Mofastunde keinen vergleichbaren Events gibt, kommen sogar Sportsfreunde aus Gifhorn, Peine und Wolfsburg zum Braunschweiger Halbmarathon. Zwischen dem "Bücherwurm" und "Toms Sportshop" hängt der süße Dunst von Latschenkiefer und alter Socke. Hier tritt die Dame noch stark geschminkt an den Start. Ihr lila Leuchten wird nur vom Tattoo der zahlreichen Herrn in der Midlife-Crisis überstrahlt.

Afrikaner kennt man nur aus dem Bilderbuch. Zuschauer gibt es, außer Angehörigen, auch nicht viele. Braunschweig ist eine Wissenschaftsstadt. Deswegen übersetzt der Ureinwohner am Sonntagmorgen lieber Cicero ins Finnische anstatt auf der Straße herumzulungern. Ein Volkslauf ohne viel Zeugen also, dafür mit überschaubarer Leistungsspreizung, und die Strecke auch noch 400 Meter zu kurz - wie gemacht für einen Ausflug in die Provinz.

Doch oh Schreck. Ich kann nicht starten. Beim Umziehen stelle ich fest, dass die Pulsuhr zuhause liegt. Ich habe nur den Brustgurt eingepackt. Laufen ohne Überwachung? Geht gar nicht. Woher soll ich wissen, ob ich underpulsed oder overpaced bin? Ich muss meinen Kilometerschnitt minütlich prüfen. Den Mitläufern zeigen, dass ich mir einen sündteueren Polar-Wecker leisten kann, auch wenn ich bis heute nur ein Zwölftel seiner Funktionen begriffen hätte, die sich walleibige Ingenieure in einer Kathedrale aus Pizza-Kartons ausgedacht haben müssen. Andererseits: Kann man seinen Lauf schwänzen, nur weil die Uhr fehlt? Die Laufgruppe wird wiehern vor Schadenfreude. Ich muss es wagen: Wetzen ohne Display. Das letzte große Abenteuer des Ausdauersports.

Einsamkeit. Alle fummeln an ihren Weckern herum. Es piept. Einer hat seine Hand schützend um die Uhr gekrampft. Keiner der Umstehenden soll seinen Puls sehen. Nur ich werde die nächsten zwei Stunden auf meinen Körper hören müssen. Aber kann ich ihn überhaupt verstehen? Viel zu lange haben wir uns angeschwiegen.

Start. Die ersten paar hundert Meter winkle ich gewohnheitsmäßig den Unterarm an, starre aber nur auf ein nacktes Handgelenk. Wo seid ihr, geliebte Zahlen? Wie geht es mir? Ich weiß es nicht. Erste Übung für den uhrenlosen Läufer: Wie lang ist ein Kilometer? Ohne den zwölfsekündlichen Kontrollblick auf den Lebensmesser verändert er seine Länge plötzlich. Ich wette, dass das Schild für Kilometer drei hinter der nächsten Biegung kommt. Von wegen. Muß aber. Wir sind mindestens bei Kilometer 3,5. Tatsächlich. Schon kommt 4. Doll, mein feines Läufersensorium entdeckt sogar geklaute Kilometerschilder.

Wer nicht nach Zeit läuft, braucht eine Gruppe. Man sucht Anschluss an ein Häufchen, dass idealerweise aus zwei Sorten Läufern besteht: den Pacemakern, die ein gutes Tempo halten und den Luschen, die nach und nach abfallen. Das zieht und baut auf.

Ohne Uhr hat man viel mehr Zeit. Das ganze Kopfrechnen fällt weg. Plötzlich kann man was denken. Hmm, aber was? "Schöne Landschaft", zum Beispiel. Braunschweig ist ja weder lang noch breit, weshalb man nach zehn Minuten Trab auch schon einem Pferd gegenübersteht, das den Kopf aus der Wiese hebt. Ich könnte das Tier füttern. Plötzlich eine Brücke über jenes Gewässer, dem wir seit Ewigkeiten folgen. Wahrscheinlich die "Braun". Oder die "Schweig".

So denkt man vor sich hin und merkt kaum, dass Halbzeit ist. Was sagt der Körper eigentlich? Hallooo Beine, sprecht zu mir! Beschwer' Dich, Lunge, so wie sonst immer! Doch sie stampfen klaglos vor sich hin. Bin ich schneller oder langsamer ohne Uhr? Wir robben uns langsam nach vorn. Wenn vor uns ein Opfer zu erspähen ist, saugen wir uns mit unmerklicher Tempoverschärfung heran.

Mit Uhr würde das nie klappen. Ein Blick auf die Ziffern genügte, und mir wäre umgehend klar, dass die geringste Beschleunigung Puls, Zeitplan und allgemeines Befinden völlig durcheinanderbringen würde und überhaupt lebensgefährlich wäre. Die Uhr bildet den Körper ab, wie der Uhrenträger ihn empfinden will. Sie liefert Belege für alles, was man gerade will, vor allem aber nicht will, schneller werden zum Beispiel. Ohne Uhr läuft es sich freier, spielerischer. Na gut, es ist keine Bestzeit geworden. Aber es hat Spaß gemacht, mal wieder mit einem alten Bekannten namens Körper zu kommunizieren.

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