Achilles' Verse Kindheitstrauma Weidezaun
800 Scheiben Salami oder 500 Schokoküsse oder 8 Päckchen ekliger, fetter Schmierbutter sind futsch, insgesamt stolze zwei Kilogramm, heldenhaft von den Hüften gerackert. Seit Monaten schleiche ich erstmals wieder auf Millimeter an Mona heran. Früher hat meine Frau immer mal wieder den Hüftspeckkontrollkniff angewendet. Aber sie will gerade nicht. Sie muss doch was merken.
Kuh an elektrischem Weidezaun: Unermesslichen Respekt
Foto: DPA"Fällt Dir nichts auf?", habe ich Sonntagmorgen nach einer scharfen Trainingseinheit gefragt, als mein elastisches Mikrofaserunterhemd über jenen Hohlraum spannt, wo früher eine Wampe war, jetzt aber nur noch ein klitzekleiner Restbauch. Sie guckt kurz und gelangweilt. "Warst Du beim Frisör?", fragt sie. Ich recke mich noch etwas mehr und gebe ihr sicherheitshalber einen Tipp: "Weiter unten." Sie betrachtet meine zartgliedrigen Füße und die athletischen Fesseln. "Die Socken haben ganz schön tief eingeschnitten", stellt sie fest. Vielen Dank für das Gespräch. Ich trolle mich ins Bad.
Seit fast drei Wochen absolviere ich ein brutalstmögliches Fitness-Programm: dreimal Laufen, zweimal Muskelzucht, vor allem Bauch und Rücken, die missachtetsten Körperteile jedes Läufers, mal abgesehen vom Hirn. Ich liege voll im Plan: ein halbes Kilo pro Woche, gern auch mehr. Langsam fürchte ich mich vor jeder Bö. Sie könnte mich kilometerweit übers Land wehen.
Nur Mona merkt nicht, dass ich statt drei sogar schon vier Pfund abgeworfen und zugleich unglaubliche Mengen Muskeln aufgebaut habe, an Stellen, die bei Läufern sonst nur bindegewebsschlaff herumlappen. Die Gegend unter dem Bizeps zum Beispiel ist die natürliche Heimstatt des baumelnden Hautbeutels. Aber nicht bei Achilles. Die gnadenlosen Stromstöße vom Bodytransformer pusten auch die hinterletzte Körperregion noch zum Stahlberg auf. Mal sehen, ob mein Onepack tatsächlich noch zum Sixpack zu verwandeln ist. Wenn es einer schafft, dann ein Trainingshelfer namens Strom. Ein satter elektrischer Schlag bringt noch jede Muskelfaser auf Trab.
Mein Verhältnis zur Elektrizität war einige Jahrzehnte lang eher gespannt. Die agrarische Verwandtschaft vom Geestrücken zum Beispiel hat mich vor knapp 40 Jahren tatsächlich zum Weidezaunspiel überredet. Der kleine Achilles kramte also seinen noch kleineren Achim aus der Lederhose mit den Hosenträgern und richtete ihn Richtung Weidezaun, so wie die Cousins es vormachten. Leider merkte der Stadtjunge nicht, dass die geschätzten Herrn Verwandten nur so taten, als schlügen sie Wasser ab. Man hätte was ahnen können, denn am Tag vorher hatten sie ihn auf ein Pony gesetzt, das nach einen Gertenhieb aufs Hinterteil eine knappe Stunde über die Wiesen sprintete, aber leider ohne Klein-Achim zurückkehrte. Als ich nach dem Weidezaun-Pinkeln wieder zu mir kam, war mein Respekt vor Elektrizität jedenfalls ins Unermessliche gestiegen.
Insofern war mir etwas mulmig, als eine kompakte Ost-Kraft, ich glaube, sie hieß Kathleen, mir vor zwei Wochen an fast allen empfindlichen Körperteilen elektrische Impulsgeber montierte. Vorher hatte sie Bauch, Beine, Po und den Rest mit Sprühwasser noch leitfähiger gemacht. Ich sah aus wie ein Mondfahrer ohne Anzug. Mit acht Steckern in der Hand wurde ich zum Foltergerät geführt. Kathleen schloss mich an und drehte an Rädchen. "Merkste was?", fragte sie. "Oyjoyjoy", antwortete ich. Eine Kompanie Feuerameisen war soeben über meinen Bauch marschiert, dann fiel sie über Rücken, Beine, Arme her. Ich war verspannt.
"Kommt alle vier Sekunden", lächelte Kathleen. "Oyjoyjoyjoy", wimmerte ich. "Muskeln anspannen!", befahl Kathleen. Vier Sekunden Ameisen, sechs Sekunden Ruhe, insgesamt 20 Minuten. Eine solche Behandlung soll zehn Besuche in der Muckibude ersetzen. Kein Wunder. Bei jedem Schlag sehe ich überall am Leib meine Muskeln unkontrolliert zucken. Ich schnupperte und bildete mir ein, ich würde angekokelt riechen. "Spätestens beim vierten Mal siehste was", hatte mein erster Trainer Erkan versprochen. "Garantiert." Drei Mal hatte ich schon. Ich war ungeduldig. Meine ersten neuen Muskeln seit etwa einem Vierteljahrhundert würden sich alsbald zeigen. Letzte Nacht träumte ich davon, wie ich zuhause mit der Zunge versuchte, in die Steckdosenlöcher zu gelangen, als zusätzliches Geheimtraining. Am Morgen rüffelte mich Mona. "Du hast im Schlaf dauernd 'Oyjoyjoy' gemacht", sagte sie, "hast Du schlecht geträumt?" Ich sagte lieber nichts. Frauen verstehen die Sprache der neuen Muskeln sowieso nicht.