Achilles' Verse Klappergestelle auf Luftpolstersohlen
Tapfere Läufer: Marathon als Herausforderung
Foto: REUTERSMan erkennt sie sofort an ihren schweren Schritten. Sie sehen ausgemergelt aus. Das nasse Hemd klatscht auf ihren knochigen Rücken. Ihre Finger krampfen sich um eine Trinkflasche. "Wie lange noch, Sportsfreund?", fragt man besorgt. "70 Minuten", röcheln sie kraftlos. Man möchte ihnen ein Käsebrot geben, in der Schnabeltasse eingeweicht. Und ein kühles Bier. Oder gleich den Krankenwagen bestellen. In den vergangenen Wochen war der Berliner Grunewald randvoll mit diesen wankenden Gestalten: latschendes Leiden, Klappergestelle auf Luftpolstersohlen.
In der ersten September-Hälfte ist das Oberammergau der Läufer in Berlin. Festspiele des öffentlich zelebrierten Martyriums, Schweiß am Körper, Blut im Schuh, Schmerz im Schädel. Wer den Marathon bestehen will, der muss vorher lange Läufe machen, mindestens drei, besser sechs, über 30 Kilometer, besser mehr. Der Läuferleib will schon mal eingestimmt werden auf die 42 Kilometer am kommenden Sonntag (24. September) in
Berlin. Das geht nur über stundenlange Qual. Und je langsamer einer ist, desto länger sollte er vorher laufen. Gerecht ist das nicht.
Mancher Kamerad hält sich viereinhalb Stunden auf den Beinen, wird am Schluss sogar von Walkern überholt und fällt daheim in einen von Krämpfen durchschüttelten Tiefschlaf. Die verständige Partnerin bringt noch Salben und kühle Getränke. Die nach vielen Marathons genervte Gattin dagegen dreht die Augen himmelwärts und verabredet sich schon Wochen vorher mit ihren Freundinnen oder normalen Männern, weil sie das Gejammer jenes humpelnden Wracks nicht mehr ertragen kann, das mal ein stolzer Herr war.
Machen wir uns nichts vor: Der Weg zum Marathon führt nur über zahllose ruinierte Wochenenden. Das ganze süßliche Geseier von der "Faszination Marathon" glaubt nur, wer an chronischem Endorphin-Überschuss leidet oder Autismus für völlig normal hält. Der große Rest unterwirft sich dem Gruppendruck und läuft einfach mit, weil sich das so gehört.
Es erfordert gewaltige menschliche Größe, die beim Lauftreff etwa 17 Mal gestellte Frage "Läufst Du Berlin mit?" mit einem souveränen "Nöö" zu beantworten, ohne irgendeine entschuldigende Erklärung anzufügen. Zumal beim folgenden Läufchen das schlechte Gewissen noch dutzendfach aktiviert wird. Denn der Anblick von Heerscharen taumelnder Langläufer aktiviert beim Marathon-Verweigerer nach einer kurzen Phase der Freude ("Prima, dass ich nicht eine dieser Gruselgestalten bin") umgehend auch das schlechte Gewissen: "Was bin ich doch für ein erbarmungswürdiges Weichei, dass ich einfach den Marathon schwänze."
Hand aufs Herz: Spätestens vier Wochen vor dem Marathon fühlt man sich als Nichtmitläufer ausgestoßen. Die anderen tauschen sich mit ekliger Lässigkeit über ihr Laufpensum ("Elf Stunden in fünf Tagen") aus, um gleich darauf die Killerfrage abzufeuern: "Und, Achim, was hast Du die Woche so gemacht?" - "Ooch", sage ich, um Zeit zu gewinnen und in Gedanken die besten Trendverletzungen durchzugehen, die ich schon länger nicht mehr gehabt habe. Mir fällt so schnell keine ein. Ich war die vergangenen Tage zweimal eine Stunde laufen, einmal sogar ziemlich schnell. Das ist völlig okay, aber eben keine Marathonvorbereitung. "Hatte viel zu tun diese Woche", entgegne ich also etwas unoriginell. Gemeines Grienen. Wer hat das nicht.
Ich schweige still. Man kann ja sagen, was man will und schraubt sich doch nur immer weiter in die Uschi-Ecke. Die Herrschaften Marathon-Läufer plaudern munter weiter. Jeder hat neulich irgendeine Studie gelesen und streut sein Halbwissen nun ungefragt aus. Der neueste Trend: Morgens laufen mit ziemlich viel Frühstück, weil sonst die Trainingserfolge der Vortage übermäßig angeknabbert werden. Oder so ähnlich. Sagt Mark Verstegen, der Konditionstrainer der deutschen Fußball-Nationalspieler.
Die Fernuniversität Boston soll ermittelt haben, dass Auf-der-Stelle-Laufen-an-der-Ampel Unmengen roter Blutkörperchen in den Fußsohlen vernichtet. Das kostet bestimmt drei Sekunden auf 100 Kilometer. Und so geht es in einem fort, den ganzen lieben Lauf lang. Die Marathon-Verrückten, die mal angenehme Zeitgenossen waren, sinnen über Spezialmischungen für die Trinkflasche und überlegen, ob der Asphalt bei großer Hitze nicht weich wird. Nicht zu vergessen die Birne. Wird Zeit, dass die Marathon-Saison endlich vorbeigeht. Am schönsten sind doch die wettbewerbsfreien Wintermonate, wenn man jedes Jahr aufs Neue eine völlig überraschende Erfahrung macht: Laufen kann tatsächlich Spaß bereiten.