Achilles' Verse: Lächeln statt hecheln - DER SPIEGEL
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Achilles' Verse Lächeln statt hecheln

"Na, stirbst du schon, du dicke, lahme Ente", flüstert der Schweinehund dem keuchenden Jogger ins Ohr. Laufen ohne Leiden - geht das überhaupt? Deutschlands Wunderläufer Achim Achilles liefert die Antwort in seinem neuesten, taufrischen Buch.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Laufen ist Qual, egal, ob man läuft oder nicht. Die Wade reißt schon beim Schleifemachen. Und das ist erst der Anfang. Jeder Schritt ein Martyrium, oben, unten, überall. Wenn man nicht läuft, ist es noch schlimmer: Dann pocht das schlechte Gewissen. Wirklich wohl fühlt man sich allenfalls für wenige Minuten nach dem Laufen. Dann tut zwar alles weh. Aber das schlechte Gewissen pocht etwas leiser.

Reiner Calmunds Bauch: Wie ein verhängtes Kettenkarussell

Reiner Calmunds Bauch: Wie ein verhängtes Kettenkarussell

Foto: AP

Doch kaum tropft der Schweiß nicht mehr, geht das innere Psycho-Massaker wieder los. Anschwellendes Schweinehundgebrüll: "Letztes Jahr ging die Runde um den Schlachtensee aber noch bedeutend zügiger. Vor allem zweimal. Wenn schon nicht schnell, dann wenigstens nicht so kurz - hatten wir uns mal vorgenommen, oder? Und woher kommt dieses Knarzen eigentlich? Hüfte? Leiste? Leber? Kein Wunder, bei dem Lebenswandel. Aber immer große Fresse, von wegen Marathon. Und dann doch nur die Seniorenrunde im Schlurf-Modus. Das soll Laufen sein?

Die Spaziergänger grinsen ja schon. Die überlegen, ob Sie den Rettungswagen rufen. Kein Wunder, bei der lila Birne. Jupp Heynckes ist ein Albino dagegen. Und Reiner Calmund ein Strich. Auf den Reklamefotos liegt dieses elend teure Laufhemd ganz eng an. Warum weigert es sich bei mir? Ich sehe aus wie ein verhängtes Kettenkarussell, das in Zeitlupe durch den Wald wackelt. "Läufst du noch oder stirbst du schon, du dicke, lahme Ente?" Leider stimmt jedes Wort. Weghören geht nicht. Kommt ja von innen, und doch nicht zu überhören. Ich sehne einen Tinnitus herbei.

Laufen, das ist aber auch Hoffnung, zum Beispiel darauf, nach dem samstäglichen Gehechel durch den Grunewald nicht ganz so fertig zu sein wie beim letzten Mal. Oder einfach mal federn statt wie ein Brontosaurus auf den Boden zu platschen. Lächeln statt Hecheln. Vergeblich.

Die größte Illusion ist Gelassenheit: Einfach mal Bewegung genießen, frische Luft einsaugen, zwei Minuten lang nicht auf die Uhr gucken. Loslassen, empfiehlt die Vernunft. Geht nicht, antwortet der Läufer. Laufen verhält sich zur Gelassenheit wie Dieter Bohlen zu Thomas Anders - eine völlig zerrüttete Beziehung.

Wie würde der Dalai Lama wohl laufen? Erstmal lachen, als Grundhaltung. Hülfe ja schon eine Menge, wenn sich die notorisch maulende Läuferbande daran halten würde. Dann ganz langsam lostraben, locker und meditativ entschwebt. Kein Trainingsplan im Nacken, weder GPS, BMI noch VO2max. Laufen ohne Vorgabe, ohne Ziel, ohne Druck. Urlaub auf Luftpolstersohlen.

Schöne Idee, aber leider völlig unrealistisch. Wer läuft, will Qual und Zweck: Anerkennung, Abnehmen, Bestzeit rennen, von Kollegen bestaunt werden, Durchhalten. Wo kommen wir denn da hin, wenn Laufen auf einmal Spaß macht? Es ist die Angst, die uns treibt, nicht das Vergnügen.

Und so dreht sich der Läufer in einer endlosen Redundanzschleife der Dialektik: Hoffen und Bangen, Endorphinrausch und Suizidgedanken, Sucht und Unlust. Lachen und Leiden erzeugen ein stetes Feuerwerk der Emotionen, das uns mehr als ohnehin schon an uns zweifeln lässt.

Ein Mal, nur ein einziges Mal, wollen wir den großen Sieg, am liebsten über uns selbst. Aber die Anstrengung auf dem Weg dorthin umgehen wir mit allerlei Listen. Verträge mit uns selbst schließen wir nur, um sie alsbald frohgemut zu brechen. Natürlich könnten wir schneller sein und dünner. Aber jetzt gerade nicht. Nächste Woche vielleicht oder nächstes Jahr. Aber da klappt es wahrscheinlich auch nicht. Egal. Trotzdem laufen wir weiter. Damit wir weiter leiden können.

Lauf und Leid gehören zusammen wie Loki und Helmut - nicht immer pures Glück, aber immer noch besser als die meisten Alternativen.

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