Achilles' Verse Laufend Lügen
Es ist grausam. Meine Frau walkt jetzt schon fast zwei Monate. Zweimal die Woche gibt sie mich der Peinlichkeit preis, wenn sie ihre Stöcke aus dem Keller holt, durch den Hof und am ganzen Haus entlang zum Auto trägt und ungefähr eine Viertelstunde braucht, um die Dinger in den Kofferraum zu pressen. All unsere Nachbarn klammern sich prustend an die Gardinen, in deren Schutz sie das unwürdige Schauspiel beobachten. Mit ihren Gehhilfen unterm Arm und den Jane-Fonda-Wadenwärmern ruiniert Mona in Sekunden jene Athleten-Aura, die ich über Jahre zusammentrainiert habe.
Ich tue so, als wüsste ich gar nicht, was sie treibt. Rede mir ein, dass Frauen ihre Freiräume brauchen. Männer können alle betrügen. Nur sich selbst nicht. Die Wahrheit ist: Dauerpanik wütete. Neulich musste ich erleben, wie zwei Walker ihre Stockspitzen in die Tartanbahn des Mommsenstadions rammen wollten. Schade, dass der Platzwart kein Gewehr zur Hand hatte. Er beließ es beim Brüllen. Nicht auszudenken, wenn es Mona gewesen wäre.
Klemmbrett-Karraß denkt über ein Walker-Entwöhnungsprogramm nach. Kalter Entzug der Stöcke, drei Monate Easy-Slow-Jogg mit psychologischer Betreuung. Bevor ich Mona da anmelde, werde ich meine Qualitäten als einfühlsamer Ehemann ausspielen und sie aus eigener Kraft aus ihrer Hölle befreien - mit der Kraft der Liebe.
Der Freitagabend erschien mir günstig. Die Kinder schliefen, trainingsplanwidrig hatte ich die zweite Flasche Roten entkorkt; klebriger Cabernet Sauvignon geht bei Frauen immer. Ich robbte ans Sofa, auf dem die Gattin wie Kleopatra ruhte, in sämtlichen unserer Kissen und Decken.
"Schahatz", flötete ich und mühte ich um das Timbre der Synchronstimme von George Clooney.
"Was willst Du?", fragte sie barsch. Bei Problemfilmen auf 3Sat lässt sie sich nur ungern unterbrechen.
"Ooch, nichts", log ich, "ich dachte nur, wir könnten mal wieder zusammen rausgehen, an die frische Luft, nur wir beide, ganz allein."
Mona wendete ihre Augen tatsächlich vom Bildschirm ab und musterte mich misstrauisch. Sie ahnte, dass irgendwas hinter meiner Liebesattacke steckte. Sie wusste nur nicht was. Nach 14 Jahren Ehe hat man kaum noch Geheimnisse. Sie schwieg. Sie ließ mich kommen. Der entscheidende Moment, an dem ich alles versauen würde, wenn ich nur ein falsches Wort über das Walken verlöre.
"Du bist so fit geworden die vergangenen Wochen, ehrlich, das kann man sehen", flunkerte ich kühn, "willst Du jetzt nicht mal versuchen, ein paar Schritte richtig zu laufen." Mona holte schon Luft, um loszuschnauben, da peitschte ich die Süßholzraspel in den roten Bereich und zog mein Ass aus dem Ärmel.
"Ich schwöre, dass ich nichts Gemeines sage, Dich nicht dränge, dass Du allein Tempo und Zeit vorgibst. Ich fänd's einfach toll, wenn wir beide gemeinsam Sport machten." Es ist entwürdigend, wenn sich ein Mann derart verstellen muss. Aber eine Frau mit Walkingstöcken im Hausflur ist auf die Dauer noch erniedrigender.
Mona schwieg. Sie dachte nach. Ich wusste worüber. Natürlich wollte sie eines Tages richtig laufen, so wie jeder Walker. Sie hatte nur Angst, dass es wehtun könnte oder womöglich gar mit Schweißproduktion verbunden sei. Vor allem fürchtete sie meinen Spott, auch wenn sie es nie zugeben würde. Andererseits sah sie an mir, wie wunderbar ausgeglichen, ja glücklich ein Läufer sein kann, jedenfalls manchmal.
Mit ihren Schleichschwestern würde sie nie ans Laufen kommen. Die Walküren sahen die Samstage im Wald eher als Ersatz für die Endlostelefonate an, mit denen sie uns früher zur Weißglut getrieben hatten. Ist es Zufall, dass Walken in dem Moment aufkam, als fürs Telefon die Flatrate eingeführt wurde? Frauen suchen sich immer Freizeitbeschäftigungen, die garantiert nicht ökonomisch vernünftig sind.
Mona holte wieder Luft: "Na gut. Ein Versuch. Aber nur, wenn Du schwörst, dass Du nicht eine einzige blöde Bemerkung machst, kein Augenrollen oder Prusten, kein Vorneweglaufen, überhaupt nichts Diskriminierendes. Und dass Du aufhörst, wenn ich aufhören will, ohne Kommentar. Vor allem will ich nichts Ermunterndes hören." Sie erinnerte sich offenbar an meine einfühlsamen Motivationshilfen vom letzten Jahr. "Quäl' Dich doch nur mal ein ganz klein wenig", war der Zauberspruch gewesen, der unseren letzten gemeinsamen Lauf vor knapp zwölf Monaten schlagartig beendet hatte.
Ich hob meine Finger zum Himmel: "Ich schwöre." Mona kontrollierte, ob ich irgendwas gekreuzt hatte. Sie fand nichts. "Sonntagmorgen", sagte sie. "Ich freu mich, Du, echt." Das war die dritte Lüge innerhalb von fünf Minuten.
Am Donnerstag, 22. Februar, um 21 Uhr wird Achim Achilles im digitalen Paralleluniversum Second Life aus seinem Buch "Achilles Verse" lesen. Der Avatar unseres Meisterläufers heisst Achim Anatine. Wer noch keine Second-Life-Existenz hat, kann sich unter diesem Link kostenlos .