Achilles' Verse: "Los, Flipper!" - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Achilles' Verse "Los, Flipper!"

Auf dem Weg zu seinem Stahlkörper quält sich Achim Achilles weiter im Schwimmbecken. Und seine Trainerin bleibt gnadenlos. Trotz perfekter Ausrüstung fühlt sich Achim weiterhin noch nicht als Delfin - eher wie ein gestrandeter Wal.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Langsam hat sich Mona an den Gymnastikball gewöhnt, der seit Wochen durch unsere Wohnung rollt. Eine Ehefrau muss entscheiden, ob sie einen Mann mit Körperspannung will oder ein durchgestyltes Heim. Inzwischen amüsierte sie sich sogar darüber, dass ich jeden "Tatort" lang versuchte, bäuchlings auf dem Ball zu liegen und Hände wie Füße vom Parkett zu heben. Neulich habe ich dabei den Blumenstrauß vom Tisch gefegt. Ich mag Tulpen eh nicht. Und der Boden wurde endlich mal wieder gewischt. Außerdem kam Mona zu neuem Floralkapital.

Schwimmen, rhythmische Sportgymnastik, Walken und Hunde waren für mich seit jeher Dinge, ohne die es sich gut leben ließ. Seitdem ich allerdings Privatstunden bei Heike nehme, ist alles anders: Ich fühle mich wie im Delfinarium. Meine Trainerin steht mit der Trillerpfeife am Beckenrand und Flipper muss Kunststücke machen. Demnächst wird sie Heringschwänze zur Belohnung bereithalten, wenn ich durch einen brennenden Reifen gesprungen bin.

Zum Glück guckt keiner. Denn als erste Maßnahme hat Heike mir eine Nasenklammer verpasst. Was dem Walker sein Stock, ist dem Schwimmer die Nasenklammer - Ausweis allgemeiner Lebensuntüchtigkeit. Andererseits: Wer vom Himmel mit auffällig großen Nasenlöchern beschenkt worden ist, reduziert mit der Klammer die Wahrscheinlichkeit unerwünschten Wassereinbruchs. Womöglich birgt die Rüsselklemme auch noch eine erotische Komponente: Sauerstoffmangel wird ja in manchen Kreisen gern mal als Freudenbeschleuniger genommen.

Heike steht am Rand, dreht den Kopf und macht Geräusche. "Wuuusch", sagt sie oder "Pfnnüüüh" - was klingt wie das gesamte Tierpersonal bei "Urmel aus dem Eis", soll mir die hohe Kunst des Luftholens erklären. Bislang dachte ich immer: Kopf zur Seite und einsaugen was geht. Nichts da.

Ein weiterer völlig unterschätzter Vorteil des Schwimmens: endlich wieder eine Chance, noch mehr Ausrüstung in der Wohnung zu verteilen. Anfänger glauben ja, man käme mit Badehose und Schwimmbrille aus. Völlig falsch: Paddel in zwei Größen, Bademützen in drei Farben, eine Styroporplatte für die Schenkel, die im Baumarkt ein paar Cent kostet, im Sportfachhandel dagegen ein Vermögen. Und natürlich der Gymnastikball für die Körperspannung.

Ach ja, die Heike. Sie hat die vertraute Strenge Monas, wenn sie mal wieder skeptisch durch ihre kleine Brille späht. Denn irgendwas mache ich immer falsch, in dieser Beziehung ist Verlass auf mich. Ungefähr 80 Prozent der Verrenkungen, die ich bislang beim Schwimmen anstellte, hatten eins gemeinsam: Sie behinderten den Vortrieb. Die restlichen 20 waren dafür umso anstrengender.

Faszinierend, was man beim Schwimmen alles falsch machen kann. Systematisch hat Heike meine bisherigen Bewegungen dekonstruiert, so radikal, als würde ich beim Laufen von Füße auf Hände umstellen. Hand, Kopf, Hüfte, Ellenbogen, alles muss neu gehalten werden. Nächste Stunde werde ich wahrscheinlich noch die Lage meiner Milz ändern dürfen.

Hassübung ist der Kraulbeinschlag. Faszinierend, wie man sich binnen Sekunden zu völliger Erschöpfung peitschen kann ohne wirklich messbar vorwärts zu gelangen. "Beinebeinebeine", sagt Heike immer. Ich japse. Die Beine beim Kraulen hatte ich weniger als Schwanzflosse eingesetzt, sondern eher als Rettungsfloß. Bis Heike kam. "Los, Flipper!", sagt sie manchmal. Will sie mich veräppeln? Ich fühle mich jedenfalls eher wie einer dieser Wale, die am Strand herumzappeln, weil sie sich verschwommen haben.

Immerhin: Die Erfolge regelmäßigen Kraulens sind immens. Zum ersten Mal in meinem Leben kann ich meine Schultern sehen. Mein Gang ist majestätisch geworden, soweit das bei Westfalen möglich ist. "Da ist ein unsichtbares Band an deinem Solar Plexus, das Dich nach vorn zieht", sagt Heike immer. Beim Laufen bin ich zwar trotz neuer Siegerhaltung und exzellenter Trainingspläne  immer noch nicht schneller geworden. Dafür hat sich meine Laune noch nicht verschlechtert, so wie sonst noch in jedem April. Denn dank der "Mission Flipper" habe ich bislang noch an keinem einzigen Wettbewerb teilgenommen: Wettlauf-Abstinenz ist ein garantierter Launeheber. Als nächstes werde ich mir ein Lauftechniktraining angedeihen lassen. Klemmbrett-Karrass kann sich schon mal auf eine Lebensaufgabe einstellen. Es lebe der Neuanfang.

Mehr lesen über