Achilles' Verse Mit AC/DC ins Delirium
Am Sonntagmorgen hatte ich eine Erscheinung. Ich hatte den Wecker schon zum zweiten Mal mit der Faust zum Schweigen gebracht. Die Müdigkeit hielt mich in sonntäglicher Trance - Läufer-Delirium. Warum überhaupt sollte ich beim rbb-Drittelmarathon auf der Glienicker Brücke starten? Mein Bedarf an Demütigungen war gestillt, seit mich im Training ein 70-Jähriger überholt hatte.
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Foto: REUTERSWährend ich unter der Bettdecke meinen pochenden Hüftschmerzen nachspürte, sprach plötzlich meine Sonnenbrille zu mir. Sonnenbrillen sind die Goldkettchen des Läufers . Lästig und großmäulig und prollig, aber unentbehrlich.
"Mache alles anders bei diesem Rennen", knarzte sie von jener Kommode, die knapp zwei Tonnen Laufzubehör ein Zuhause gab. Meine Sonnenbrille sprach nicht oft. Eigentlich nie. Aber obwohl sie nur 19,50 Euro gekostet hatte, vertraute ich ihr.
"Wie meinst du das?", fragte ich. Sie antwortete nicht. Dafür Mona. "Was ist los?", knurrte meine Bessergattin aus den Kissen. "Nichts", sagte ich. Sollte ich meiner Frau von sprechenden Sonnenbrillen berichten?
Was meinte die Brille nur? Was kann man bei einem Rennen groß anders machen? An den Start gehen, losrennen, einbrechen, den ganzen Laufquatsch verfluchen, auf den drei Passagen mit Zuschauern um Restwürde ringen, dann kraftlos ins Ziel retten. Wie immer.
Aber meine Sonnenbrille hatte nicht ohne Grund zu mir gesprochen. Vielleicht war ich auserwählt für eine Spitzenleistung. Also machte ich alles anders.
Normalerweise komme ich möglichst spät zum Rennen, mache mittelmäßige Scherze, imitiere ein paar Stretches, gröle die Startsongs mit und wetze los, als sei das leibhaftige Klemmbrett hinter mir her. Das Gefühl, Hunderte untersetzte Brandenburger zu überholen, tut gut. Dafür habe ich nach zweieinhalb Kilometern keine Lust mehr.
Diesmal schalte ich schon 500 Meter vor dem Startgewirr auf Robocop-Modus. Kein Small Talk, dafür 30 Minuten einlaufen. Habe ich bislang vermieden. Warum schon vorm Wettbewerb kaputtmachen? Ich stopfte erstmals iPod-Stöpsel in die Ohren. Schallschutz gegen das ganze Gequatsche und Gejammer und Geächze und Gefurze. Leider hatte ich keine Zeit gehabt, spezielle Laufmucke zu suchen, sondern hatte Monas "Best of Trash" geladen. Als der Startschuss krachte, lief Coldplay. Exakt nicht mein Schrittrhythmus. Danach kam "Ich war noch niemals in New York". Ich stellte mich mental auf André Rieu ein.
Auch beim ersten Getränkestand folgte ich dem Rat der Großen Sonnenbrille. Anstatt mich mit den Verrückten um Wasserbecher zu prügeln, verlangsamte ich auf Schritttempo und nuckelte in aller Ruhe an der Pulle mit Achims Spezialmix (Rezept folgt), die ich bei mir getragen und gründlich durchgeschüttelt hatte. 20 Sekunden gehen. AC/DC gab mir "TNT" auf die Ohren. Erster Blick auf die Uhr: deutlich unter fünf Minuten. Normalerweise hätte ich diese Information als Nachweis meiner Großartigkeit abgespeichert und das Tempo deutlich reduziert. Diesmal nicht.
Vor mir läuft ein umfänglich rasierter Muskelmann in einem sehr körperbetonten Slip. Früher wäre ich zurückgefallen, mit der Entschuldigung, nicht ewig auf luftdicht verpacktes Fleisch gucken zu wollen. Diesmal überhole ich. Yes, I can.
Im Ohr wütet Abba. "Thank you for the music". Textsicherheit gibt Kraft. Mission Tunnelblick. Hat Triathlon-Olympiasieger Jan Frodeno auch gesagt . Einfach nach innen gucken, nichts mehr merken, auf Autopilot stellen. Das Training abrufen. Kleines Problem: Wie kann man Schwänzen abrufen?
Vorteil der Ohrstöpsel ist es, dass ich mich selbst nicht höre. An den erschrockenen Blicken der Überholten sehe ich, dass irgendwas an mir stört. Entweder ist die Musik zu laut, ich singe schräg mit oder röchele wie Reiner Calmund beim Trainieren. Normalerweise würde ich meine Atmung den Erwartungen der Mitlaufenden anpassen. Doch wer sich nicht hört, dem sind seine Geräusche egal. Ich lasse die Luft einfach raus und ein paar Speichelschaumflocken gleich dazu.
Zum Ende hin neige ich gemeinhin dazu, zurückzufallen. Ich möchte den anderen Sportsfreunden nicht wehtun. Dieses Mal doch. Ich ziehe an. Meine Wadenkrampfphobie ist mir egal. Sogar die Musik passt. Röyksopp: "Only this moment". Hat sich womöglich gar ein Endorphin in mein Blut geschmuggelt ? Beste Laune jedenfalls, ideal, um ein paar Mitläufer niederzuschlagen, die mich auf den letzten Metern überholen wollen. Wer Erfolg will, kennt keine Freunde.