Achilles' Verse: Nervtötende Marathon-Schnorrer - DER SPIEGEL
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Achilles' Verse Nervtötende Marathon-Schnorrer

Wahre Freundschaft gibt es ja nur unter Läufern. Doch in punkto Zuneigung kann man es auch übertreiben. Unser Achim kennt einige Zeitgenossen, die sich als wahre Blutsauger erweisen können. Vor allem bei Marathons kommen die Plagegeister hervor.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Endlich. Heute Morgen ist Bretti abgehauen. Ich habe ihn zum Bahnhof gebracht und bis zur Abfahrt gewartet, um sicher zu gehen, dass er auch wirklich die Stadt verlässt. Schlimmer als der Berlin-Marathon sind nur die Mitläufer von auswärts, die sich bei Bewohnern der Hauptstadt ungeniert einnisten. Mit Bretti hatte ich kurz nach dem Krieg in einer Studenten-WG gewohnt, vielleicht sechs Wochen lang. Dann war er ausgezogen, um in einer Land-Kommune zu meditieren. Leider ist er bis heute auf dem übersinnlichen Trip. Marathon sei ein wunderbarer Weg der Selbstfindung, sagte Bretti im Frühjahr am Telefon. Weiß der Teufel, wie er meine Telefonnummer herausgefunden hatte.

Aktiver beim Marathon: Himmlische Ruhe, aber nur vor dem Start

Aktiver beim Marathon: Himmlische Ruhe, aber nur vor dem Start

Foto: DPA

Wie jeder routinierte Übernachtungserschleicher hatte er sich wortreich nach meinem werten Befinden, nach Frau und Kindern, vor allem aber nach unserer Wohnungsgröße erkundigt, bis er mit der Sprache herausrückte. "Habt Ihr Ende September zum Marathon ein Eckchen frei bei Euch? Bloß keine Mühe. Ich habe Schlafsack und Isomatte dabei." Mir fiel keine Ausrede ein, zumal ich dummerweise kurz zuvor mit unserer geräumigen Altbauwohnung angegeben hatte, um elegant auf unseren gesellschaftlichen Status hinzuweisen. Außerdem war Bretti ein sympathischer Nichtsnutz, dem man gerne half, dachte ich wenigstens.

"Bretti kommt", sagte ich zu Mona. Sie guckte angeekelt. Meine Schnuckelfrau hatte mir strikt verboten, auch nur noch einen einzigen Marathonläufer zu beherbergen. Vergangenes Jahr war sie nachts auf dem Weg zum Klo im Flur über zwei Hobby-Athleten aus dem Ostwestfälischen gestolpert, die ich heimlich in die Wohnung gelotst hatte. Was blieb mir übrig? In Kinder- und Arbeitszimmer pressten schnarchende Marathonis bereits Hüftknochen an Knochenhintern, während die Kinder uns im Ehebett traten.

Schwer zu sagen, was Mona am meisten stört. Dünstende Klamotten, die Schneisen, die die Sportsfreunde durch den Kühlschrank fressen oder aber die Extrawünsche, die sie unentwegt , auf sportlich locker natürlich. "Du, mach dir keine Mühe", heißt der Satzanfang, der signalisiert, dass man sich umgehend Mühe machen muss und "ganz schnell" die Chiffre für anhaltende Komplikationen.

"Du, Achim, mach dir keine Mühe, aber kann ich ganz schnell meine Socken mit in eure Waschmaschine schmeißen?", fragte der eine. "Du mach dir keine Mühe, aber kannst du mir dein Auto leihen. Wir wollen ganz schnell noch fünfmal 1000 Meter im Stadion machen", bettelt der andere. "Du mach dir keine Mühe, aber hast du mal ganz schnell ein dünnes Laufhemd?", verlangt der Dritte.

Natürlich macht es mir Mühe, meiner Gattin ganz schnell zu erklären, wieso sich ein Paar fremder Pilzsocken in ihren Dessous verhakt hat, weshalb sie heute ausnahmsweise die Kinder mit der U-Bahn zum Sport bringen wird und warum ein Wildfremder das teure Trikot trägt, das sie mir neulich geschenkt hat.

Bretti war noch schlimmer. Mit der Ausrede, er bekäme in U-Bahnen Angstzustände, brachte er mich dazu, ihn zur Startnummernausgabe zu fahren, wo er sich Geld von mir lieh, um ganz schnell einen Karton Powergel sowie einen Windstopper zu erwerben. Danach fuhren wir ins Stadion, wo er sein Abschlusstraining absolvierte, dass vor allem aus Meditationsübungen im Stehen bestand. Er laufe die Strecke in Gedanken ab, erklärte er.

Bretti betrachtete Duschen als unökologische Wasserverschwendung. Deswegen hätte er mich um halb sechs am Renn-Sonntag gar nicht wecken müssen; das Brennen, das sein Geruch in den Augen verursachte, machte jeden Schlaf unmöglich. "Habt Ihr Brötchen?", fragte Bretti. "Ich gehe ja schon", murrte ich. Bretti verschlang vier Semmeln, die er fingerdick mit seinem linksdrehenden Eso-Honig beschmiert hatte. "Würdest du mich zum Start fahren?", wimmerte er. "Alles gesperrt", log ich und drückte ihm Monas Radschlüssel in die Hand.

Kurz nach elf, als Haile Gebrselassie gerade mit neuem Weltrekord durchs Ziel gestürmt war, klingelte das Telefon. Bretti hatte sich bei Kilometer 15 das Handy eines Zuschauers geliehen. Die anstrengende Anfahrt mit dem Rad habe ihn völlig fertig gemacht, erklärte er mir vorwurfsvoll. Ob ich ihn ganz schnell abholen könne. Klar, Bretti, keine Mühe.

Es war eh alles egal. Mona hatte schon seit Freitag jegliche Kommunikation eingestellt. Den Rest des Sonntags trank Bretti sich durch meine Rotweinvorräte, den Montag schlief er durch, um abends zu verkünden, dass er noch ein paar Tage zu bleiben gedenke. Monas Blick bewirkte einen radikalen Meinungsumschwung. Beim nächsten Marathon fahren wir in Urlaub.

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