Achilles' Verse: Po oder Contra - DER SPIEGEL
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Achilles' Verse Po oder Contra

Schlimm ist es, von magersüchtigen Extremsportlern ohne erkennbares Gesäß überholt zu werden, findet Achim Achilles. Der kennt auch die wahren Helden des Februars: Menschen, bei denen die Gelenke unter den zeltartigen Beinkleidern knacken.
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Diätfreudiger Calmund (m.): Ein Kilogramm weniger - ein halbes Prozent schneller

Diätfreudiger Calmund (m.): Ein Kilogramm weniger - ein halbes Prozent schneller

Foto: DPA

Von Wirtschaftskrise keine Spur. Überall Miese, nur meine Woche endet wieder im Kalorien-Plus. Der Rechner  schafft dramatische Gewissheit. Also gut: Das sonntägliche Mittagessen knicken, das Nickerchen auch, stattdessen raus ins Schneegestöber. Statt Glückshormonen ununterbrochen den Doofmanns-Song "Alleinallein" im Ohr. Egalegal.

75 Minuten müssen es sein, um das Konto zu nullen. Also freiwillig die große Runde durchs graue Industriegebiet ziehen. Alleinallein hat immerhin einen Vorteil, vor allem wenn die Schneeflocken ins Gesicht donnern: Ich bin ziemlich schnell, gefühlt jedenfalls. Kurz vorm Fliegen. Nur meiner Schwere ist zu verdanken, dass ich nicht gleich abhebe.

Plötzlich rhythmisches Hecheln im Nacken. Klingt eher nach Sport als nach Hund. Lieber nicht umdrehen, keine Schwäche zeigen. Ich bin nicht mehr alleinallein, sondern auf der Flucht. Aber nicht lange. Der Sportskamerad zieht vorbei, grüßt ekelhaft freundlich und rennt einfach locker weg. Natürlich könnte ich dran bleiben. Ich will aber nicht. Denn kaum hänge ich an seinen Hacken, wird er aufdrehen. Ich darf mir also aussuchen, ob ich jetzt oder gleich gedemütigt werde. Ich leide. Deklassiert ausgerechnet von diesem Wichtel, mindestens zehn Jahre älter, dafür zehn Kilo leichter. Bestimmt magersüchtig. Das Textil schlabbert um seine knochige Kehrseite. Keinen Hintern in der Hose, würde Mona sagen. Dafür leider schnell. Po oder Contra, das ist die Frage.

Leider beweist das laufende Skelett die alte Regel: Ein Kilogramm weniger macht ein knappes Prozent schneller. Bei 45 Minuten auf zehn Kilometer bedeuten runtergehungerte drei Kilo eine um zwei Minuten bessere Zeit, ganz ohne Training. Man kann sich Bestzeiten erhungern. Die ideale Strategie für die Wirtschaftskrise. Selbst Reiner Calmund hat schon 25 Kilo abgeworfen, seit das Untier Joey Kelly ihn trainiert . Man sieht's zwar nicht, aber die gesamtgesellschaftliche Symbolik ist klar: Schluss mit Wohlstandswampe; wir müssen den Gürtel enger schnallen. Walross Calli hat allerdings den Vorteil, dass man mit 150 Kilo Lebendgewicht schon im Alltag doppelt so viele Kalorien verbraucht wie ein Normalgewichtiger. Die Masse will halt bewegt werden. Muss der wulstige Leib allerdings auch nur annähernd auf Lauftempo beschleunigt werden, stoßen Physik und Ästhetik schnell an Grenzen. Freizeitsportler wie Calmund sind die wahren Helden der Laufstrecke: Jeder Schritt ein Martyrium, zeltartige Gewänder, die Gelenke krachen, auch wenn jede Nacktschnecke überholt. Dafür gibt es gehässige Blicke von den Routiniers.

Und wofür? Selbst wenn Calmund zwei Kilo im Monat schafft, braucht er zwei Jahre, um immer noch 20 Kilo Übergewicht mit sich herum zu schleppen. Keiner, der seit Jahren mit seiner Laufgruppe durch den Wald zuckelt, kann sich diese Ausdauerleistung vorstellen. Andererseits: Es ist auch über Jahre eine gewisse Ignoranz erforderlich, das Wanstwachsen nicht mitzubekommen. Jetzt ist Krise, und alles wird anders. Wir müssen uns gesundschrumpfen. Mitgliedschaften in Golfclubs und Fitnessclubs werden gekündigt, das Weightwatcher-Abo gestrichen. Ein paar olle Laufschuhe hat jeder hinten im Schrank, zur Not nehmen die Besserverdienenden von einst ihre blütenweissen Trendschlappen italienischer Herkunft.

Laufen kostet nichts, und jeder kann es - ein idealer Krisensport. Langstreckler sehen jetzt schon aus als wären sie auf dem Weg zur nächsten Suppenküche. Das Essen würden sie allerdings ablehnen. Könnte ja das Wettkampfgewicht ruinieren. Keine Frage: Es wird alsbald eng werden im Grunewald. Heerscharen neuer Läufer sind unterzubringen. Die Folgen der Krise strahlen bis auf den hintersten Waldweg.

Meine Psyche funktioniert leider völlig anders: Wenn die Krise wirklich in aller Härte kommt, dann muss ich jede Käserinde verschlingen, die irgendwo herrenlos herumliegt. Wer weiß, ob es nicht die letzte ist. So wächst der Druck, bald wieder raus zu müssen: Hit the road, Achim. Und dann überholt mich die nächste Gräte. Meine Tempohärte stagniert, aber die mentale Ausdauer ist sensationell.

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