Achilles' Verse: Powerwalk zur Pizzabude - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Achilles' Verse Powerwalk zur Pizzabude

Hermann, der Strandsoldat vs. Hertha, die Haubentaucherin: Im Urlaub auf der Nordseeinsel betreibt Achim Achilles Feldstudien - und amüsiert sich über den Bewegungswahn seiner Mitsommerfrischler. Voll ausgerüstet kämpfen Golf-Günther und Radel-Rudi gegen Truthahnhals und Wackelwampe.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Früher haben wir über ausländische Mitbürger geschmunzelt, die in den Sommerferien auf dem Dachgepäckträger ihren Hausstand gen Heimat gekarrt haben. Heute dagegen scheint sich das Sozialprestige bewegungswütiger Deutscher auch im Urlaub anhand der Tonnage mitgeführter Sportgeräte zu bemessen.

Sportwahn im Urlaub: Warum nicht die Disziplinen kombinieren?

Sportwahn im Urlaub: Warum nicht die Disziplinen kombinieren?

Foto: STRINGER SHANGHAI/ REUTERS

Einer von den drei Ferien-Containern, die Mona "Koffer" nennt, beherbergt ausschließlich ihr Bewegungsinstrumentarium, darunter Handschuhe, Fußgewichte, Nasenklammer und Schwimmring, die sie unbedingt zum Aqua-Jogging braucht. Zum Glück hat meine Gattin wenigstens ihre Hanteln dem heimischen Flugrost überlassen. Mit Laufschuhen, -socken, -hose, einem lustigen Hemdchen  und meinem ambitionierten Trainingsplan  verspüre ich ein massives Ausstattungsproblem.

Am Anleger stelle ich fest, wie gut ich es doch habe mit meinem Mönchen und ihrem kleinen Gepäck. Andere Familien schleppen ihren halben Hausstand auf die Fähre nach Wangerooge: Surfbretter, Skimbretter, Kitesurfbretter, Golfstöcke, Walkstöcke, Stockbretter und Brettstöcke und obendrauf noch ein paar Rennräder. Sollten wir wegen der tonnenweise mitgeführten Boccia-Kugeln untergehen und erst in Hunderten von Jahren geborgen werden, werden sich die Archäologen fragen, welcher Sekte diese Bekloppten angehörten, die ihr Schiff versenkten mit all diesem nutzlosen Ballast.

Keine Nordseeinsel kann auch nur annähernd so viel Sport vertragen wie hier angeblich getrieben werden soll. Was das ganze Jahr über nicht gelang, soll ausgerechnet in zwei Wochen zwischen Eisdiele und Pizzabude gelingen: der Feldzug gegen Truthahnhals, Beulenschenkel und Wackelwampe.

Zur Ferienzeit tritt der Deutsche zu seinen beiden stärksten Disziplinen an, die beide nicht viel mit Bewegung zu tun haben: gefühlter und gezeigter Sport, bisweilen sogar gleichzeitig ausgeübt. Hier die peinlichsten Exemplare:

Günther, der Golfer: Wenn es ein paar Quadratmeter auf der Welt gibt, die für Golf nicht geeignet sind, dann Wangerooge. Nur auf dem kleinen Flugplatz darf man Bälle schlagen, sofern der Tower grünes Licht gibt. Unser Günther hat dennoch seine geräumige Golftasche dabei, mit 18 Schlägern aus mundgeblasenem Platin, vor allem, um sie zwei Wochen lang jedem dekorativ in den Weg zu stellen.

Rudi, der Radler: Auf etwa 16 Inselkilometern reicht ein Hollandrad. Aber Rudi will zeigen, was das Jahr über im Keller vergammelt. Also wird die Karbon-Karre mit Messerspeichen und Triathlonlenker zweimal in 14 Tagen im Regenerationsmodus über die Pflasterwege bewegt.

Hertha, die Haubentaucherin: Trippelt morgens mit Blümchenbademütze Richtung Nordsee, kommt aber nur bis zum ersten Priel, wo sie sich einmal für genau dreieinhalb Sekunden ins Wasser hockt. Dann trippelt sie wieder zurück.

Bernd, der Brötchen-Läufer: Legt Laptop-große GPS-Uhr, Brustgurt, Kniebandage, Schirmmütze, Silbersocken und Getränkegurt an, um die mörderischen 1,4 Kilometer zum Bäcker zu bewältigen. Stärkt sich auf halber Strecke mit einem mit Aminosäure versetztem Energieriegel. Verlängert die Laufzeit, indem er auf dem Rückweg den Sportteil der Tageszeitung besonders gründlich liest. Verfällt erst im Sichtfeld seiner Strandpension wieder in Trab.

Wanda, die Walkerin: Wartet exakt den Moment ab, da die meisten Menschen am Strand sind. Wünscht sich insgeheim Fanfarenmusik zum wuchtigen Stockeinsatz. Hat nach hundert Metern Quallen, Werder-Fahnen und Frittentüten aufgespießt, kehrt nach sieben Minuten entkräftet um.

Hermann, der Strandsoldat: Marschiert zur besten Frühstückszeit für alle Miturlauber sichtbar im Stechschritt und barfuß durch den Sand, bevorzugt in Badehose bei Ostwind der Stärke elf. Abschließendes Stärkungsbad und Abfrottieren mit Schmirgelpapier. Gattin Emmy folgt in gemessenem Abstand und boxt wie ein Duracell-Hase Löcher in die Luft.

Manni, der Marathon-Trainierer: Von der Gattin zu familiärer "quality time" verdonnert, kann deswegen nur morgens um fünf oder abends nach zehn Uhr trainieren, also unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Trifft etwa ein halbes Dutzend Schicksalsgenossen.

Spacko, die Sportskanone: Trägt sohlenlose Wurstschuhe aus dem Formel-1-Bedarf, Schalke-Trikot, Wolfs-Tattoo und beginnt den Liegetag in der Strandburg mit dreiminütigem Schippen zur weiteren Erhöhung des Westwalls. Sportliche Großtat: Bänderdehnung nach drei Minuten Strandfußball.

Manni Messner: Das Schönste am Urlaub war der ausgiebige Vorbereitungsbesuch beim Outdoor-Ausrüster: marschiert mit Bergstiefeln, vierlagiger Goretex-Jacke und Tropenhelm durch den Sand. Führt im Rucksack sicherheitshalber noch Dörrfleisch, Sauerstoffflasche und 50 Meter Seil mit.

Verwandte Artikel