Achilles' Verse: Quickstep im Dixi-Land - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Achilles' Verse Quickstep im Dixi-Land

Reizmagen, Nervosität, schnell verwertbare Energie-Riegel - fast jeder Läufer muss deswegen unmittelbar vor einem wichtigen Lauf nochmal aufs Klo. Doch die weit verbreitete Dixi-Variante hat ihre Tücken.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Fred Edwards muss ein Läufer gewesen sein. Und wie jeder Sportskamerad war er mit einem Reizmagen gestraft. Eines Tages hatte er offenbar genug davon, sich in lichten Grünanlagen zu entleeren und dabei in die Spuren seiner Mitläufer zu treten. Also brachte er das Dixi-Klo aus den USA nach Deutschland.

Aber war das wirklich eine Erleichterung für Deutschlands Läufer? Eher ein Training für andere Muskelgruppen. Denn seither steht die Generation Dixi in langen Reihen vor den zwei, drei Häuschen. Und mancher, der herauskommt, stellt sich gleich hinten wieder an. Da trippeln sie dann, beugen sich vornüber, wenden die Augen flehentlich zum Himmel und versuchen vergeblich, an etwas völlig Anderes zu denken.

Kurz vor dem Start sind Läufers Eingeweide ja besonders sensibel. Die Aufregung und das hochdosierte Magnesium entwickeln zusammen mit dem Carbo-Power-Trinkfrühstück eine Art Gastro-TNT, das auf sofortige Zündung drängt.

Hinzu kommt der Domino-Effekt. Wer die Horden hüpfenden Elends von Ferne sieht, verspürt spontanen Druck und reiht sich ein. Schadet ja nichts, noch mal ein paar Gramm abzuwerfen. Dann muss man auch unterwegs nicht. Also kollektiver Quickstep im Dixi-Land. Dabei war ich gerade erst.

Die Viertelstunde vergeht wie im Flug. Der Typ vor mir stöhnt, die Frau hinter mir betet, der Kerl links in der Nachbarschlange hat eine anhaltende Gänsehaut, der rechts nervöse Schnapp-Atmung. Endlich vorn. Freier Blick auf drei braune Plastiktüren. Welche öffnet sich zuerst? Vor allem: Hinter welcher gibt es Überlebenschancen? Gerade bewegt sich die rechte Tür, da stürzt sich eine magere Frau in meine Arme. "Bitte", heult sie, "bitte bitte, darf ich vor?" Sie guckt wie Bambi mit Steckschuss.

"Auf gar keinen Fall", meutert mein Kopf. "Ja, aber selbstverständlich." säuselt mein Mund. "Shit", heult mein Bauch. Ich drehe mich lieber nicht um. Die Blicke derer, die hinter mir warten, brennen in meinem Nacken. Sie verachten mich für meine Schwäche, dass ich auf diesen billigen Trick hereingefallen bin. Hätte von Mona sein können.

Endlich ist es so weit. Das mittlere Mobilklo ist meines. Vielleicht ist es sauberer als die beiden äußeren, weil man sich in der Mitte beobachteter fühlt. Außerdem wird man von zwei Seiten abgehört. Wohin mit der Laufjacke? Dixis haben einen Haken zu wenig und ein Dach zu viel. Wären die Dinger oben offen, wäre die Luft besser, der Regen würde mal hin und wieder was wegschwemmen und man könnte die Jacke oben über den Rand werfen, eine der wenigen Regionen, in denen man die Ursprungsfarbe des Plastiks erkennt. Außerdem fühlte man sich in einem Cabrio-Dixi nicht so klaustrophobisch. Was wohl Ottfried Fischer in so einem Häuschen macht? Vielleicht kann man ihm Arm- und Beinlöcher reinschneiden, wenn er schon nicht mehr rauskommt.

Der erfahrene Dixi-User vermeidet ja penibel den Kontakt von Haut und Plastik. Er nutzt diesen unwirtlichen Ort eher wie eine französischen Autobahntoilette. Deswegen finden sich auch die Sohlenabdrücke aller namhaften Sportschuhhersteller dort, wo einst die Brille angebracht war. Manche waren nicht sehr treffsicher. Aber alle hatten einen extrem nervösen Magen.

Mir ist schlecht. Ich reduziere mich auf das Nötigste. Die letzten drei Blätter Papier kleben eh auf dem Boden. Ostzonen-Mandy mit ihren zwölf Zentimeter hohen Buffalo-Sohlen hätte hier einen deutlichen Standort-Vorteil. Von links kommen merkwürdige Geräusche, zu denen ich mir beim besten Willen keine adäquate Tätigkeit ausdenken möchte. Es ist nicht leicht, mit der Jacke im Mund zu atmen.

Im letzten Moment fällt mir ein, den Riegel vorzulegen. Nicht auszudenken, wenn ein Neunmalkluger die Tür aufreißt, weil draußen "grün" ist. Tolle Vorstellung: Da thront man gerade mit den Füßen auf der Brille – und die ganze Meute guckt zu. Wie soll man sich jemals wieder über andere beklagen, wenn man selbst in flagranti erwischt wird?

Das Urinal ist seltsam geformt und etwas zu hoch. Eile ist gefragt. Nichts ist peinlicher, als wenn man vor die Tür tritt und einer sagt: "Na endlich, was haben Sie denn so lange gemacht?" Ich drehe mich um und will mir die Hände waschen. Komisch. Auf der anderen Seite ist noch ein Urinal. War das erste wohl das Handwaschbecken. Egal, Wasser ist eh alle. Höchste Zeit für Vorwärtsverteidigung. Ich öffne die Tür und raune meinem heranstürmenden Nachfolger zu: "Unmöglich, wie sich manche Sportsfreunde benehmen."

Mehr lesen über