Achilles' Verse: Rappeln im rechten Lappen - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Achilles' Verse Rappeln im rechten Lappen

Achim hustet immer noch. Und noch immer hat er Angst vorm Arzt. Aber Mona kennt keine Gnade, der behandelnde Mediziner auch nicht. "Drei Wochen Sportverbot", lautet dessen Vorgabe. Klar, dass unser Wunderläufer alles versucht, doch auf die Piste zu kommen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wer läuft, ist zu strahlender Gesundheit verdammt, zu makellos-muskulöser Silhouette und überdurchschnittlicher Leistungsfähigkeit in allen Lebenslagen. Würde man vom Laufen nicht gesund, schön und stark, gäbe es ja keinen Grund, mehrmals die Woche durch die Naherholungsgebiete zu hecheln. Nur unsere weithin sichtbare körperliche Perfektion lässt Lauf-Kritiker verstummen, Ehefrauen oder Walker oder walkende Ehefrauen zum Beispiel.

Eifriger Arzt: "Na, Superman, was gibt's?"

Eifriger Arzt: "Na, Superman, was gibt's?"

Foto: DPA

Seit mich dieser unerklärliche Husten quält, ist alle physische Überlegenheit leider dahin. "Früher hast du nie gehustet", sagt Mona. "Früher", das ist für Laufpartner die Chiffre für jene märchenhafte Zeit, als am Wochenende noch ausgeschlafen wurde, Vati sich um die Kinder kümmerte und nächtliches Hecheln mit Auswurf noch positiv besetzt waren.

Meine Frau hat mir einen Express-Termin beim Arzt gemacht, an diesem Morgen. "Du kannst den Termin absagen", rufe ich aus dem Badezimmer, "der Husten ist praktisch weg". Ich ersticke fast, weil ich mir ein Handtuch vor den Mund presse, damit Mona mein Würgen nicht hört. "In 20 Minuten bist du dran", erwidert meine Gattin ungerührt.

Dummerweise befällt mich ausgerechnet beim Betreten der Arztpraxis eine grausame Hustenattacke. Die Sprechstundenhilfe duckt sich hinter dem Tresen und weist mir mit dem Kuli ein Zimmerchen zu, das nicht das Wartezimmer ist. Die Quarantäne-Station. Offensichtlich stehe ich unter Tuberkulose-Verdacht. Oder die anderen Patienten sollen nicht verschreckt werden.

Aman, unser afghanischer Hausarzt, wird mir ein paar Rachenputzer Marke Kandahar verschreiben, und übermorgen laufe ich wieder. Vielleicht verschreibt er mir sogar ein Asthma-Spray, mit der Extraportion Speed. An mir liegt es jedenfalls nicht, dass unser Gesundheitssystem unfinanzierbar ist. Ich brauche keinen Arzt. Ich sitze nur um des häuslichen Friedens hier.

Aman stürmt herein. "Na, Superman", begrüßt er mich angemessen, "was gibt's?". Ich huste eine Antwort. "Oh, oh", sagt er. Was kann das bedeuten? Ist es ein entwarnendes "Oh, oh"? Oder eher ein besorgtes? "Freimachen!", befiehlt er. Der kalte Stahl des Stethoskops fährt über meinen Astralleib und lauscht meiner Athletenlunge. Wieder ein "Oh, oh". Nein, ich mache mir keine Sorgen.

"Einmal husten!", ordnet der Medizinmann an. Nichts leichter als das. Nur aufhören ist fast unmöglich. "Oh, oh", sagt der Medizinmann, "das klingt aber gar nicht gut. Da ist ein Rappeln im rechten Lappen, das macht mir Sorgen." Ohne meine akribisch vorbereiteten Erklärungsmodelle abzuwarten (Psychosomatik, Pollen oder Frauenhaarallergie), kommandiert Aman: "Sofort zum Röntgen."

In der Röntgenpraxis spult sich mein Läuferleben als Zehn-Sekunden-Film vor meinem inneren Auge ab. Die wenigen Triumphe. Die zahlreichen Niederlagen. Einsame Stunden im Wald. Fröhliches Frösteln in durchgeschwitzten Klamotten. Würde ich jeweils wieder vor der Wahl stehen, ob ich mit einer popeligen Erkältung nun trainieren sollte oder nicht?

"Oh, oh", sagt Aman erneut, als er die Röntgenbilder sieht. Ich huste fragend. "Beginnende Lungenentzündung", sagt der Arzt, verordnet umgehend Antibiotika in Elefantendosis und Sportverbot für mindestens drei Wochen. Im Hochsommer. Ich rufe Fernando an, in der Hoffnung, dass er das Urteil seines Kollegen korrigiert . Tut er auch. "Besser vier Wochen Pause". Ich war Opfer einer Medizinerverschwörung.

Mona trägt exakt den triumphierenden Blick, den ich erwartet hatte. "Immerhin habe ich uns den Urlaub gerettet", sagt sie. Hatte sie eben nicht, sie hatte die Ferien versaut. Sie weiß es nur nicht. Da hatte ich die Sippe nun unter Aufbietung aller Tricks vom Strand in die Berge gelockt, um mir ein hämoglobinreiches Höhentrainingslager zu erschleichen – und darf nun nicht mal walken. Es ist zum Verzweifeln.

"Wenigstens fünf Kilometer am Tag", flehe ich Fernando bei einem verzweifelten Bettelanruf an. Er verneint. "Drei?", feilsche ich. "Wenn du dich umbringen willst, meinetwegen", sagt er schließlich. Ich würge eine dieser Antibiotika-Torpedos hinunter. Mir ist schlecht. Was soll ich auf einem Bergbauernhof, wenn ich nicht laufen darf? Schmerzerfüllt jodeln?

Ich werde Mona mit den Kindern allein nach Tirol schicken und mich ins Krankenhaus einweisen lassen. Dort kann ich wenigstens heimlich im Treppenhaus trainieren.

Mehr lesen über

Verwandte Artikel