Achilles' Verse: Renaissance des Stützstrumpfes - DER SPIEGEL
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Achilles' Verse Renaissance des Stützstrumpfes

Bislang hat Achim Achilles auf unter-stützende Strümpfe beim Laufen verzichtet. Doch beim Saisonabschluss beweist sein Dauerrivale, dass die Spezialsocken doch für bessere Zeiten gut sind. Immerhin hat unser Laufgott dadurch schon den ersten Weihnachtswunsch auf dem Zettel.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Als Klaus Heinrich aus seinem klapprigen Saab stieg, warf er zuerst die Beine nach draußen so wie Verona Feldbusch. Ich traute meinen dem Sonntagmorgen angemessen verschwiemelten Augen nicht. Wo früher dicht behaarte Männerwaden glänzten, saß nun jeweils eine schwarze Elastikpelle. Langsam bewegte sich auch der Rest meines Laufpartners aus dem Auto. Besitzerstolz funkelte aus seinem Blick. "Hab ich neu", sagte er. "Ach nee", sagte ich: "Warste in Japan auf Dienstreise? Da kann man sich ja angeblich getragene Schulmädchenkniestrümpfe aus Automaten ziehen. Ein karierter Faltenrock stünde Dir bestimmt gut zu den Socken. Und Lackschuhe. Gibts ja vielleicht mit Pronationsstütze."

Klaus Heinrich schnaubte verächtlich. "Entschieden wird aufm Platz", murmelte er. Auweia. Unser Auslauf zum Ende der Saison, den ich eher gemächlich anzugehen gedachte, sollte vom ersten Meter an eine Schlacht werden. Klaus Heinrich rannte los wie ein Irrer, versuchte dabei aber zugleich, anmutig zu schreiten. Seine neuen Strümpfe hatten ein neues Wesen aus ihm gemacht, aber leider kein besseres.

Der Storch gehört zur Familie der Schreitvögel. Er ist leicht zu erkennen an seinen dünnen roten Beinen. Manchmal macht er komische Geräusche. Der modebewusste Läufer gehört zur Familie der komischen Vögel. Er ist zu erkennen an seinen weißen, wahlweise schwarzen dünnen Beinen. Er macht auch komische Geräusche, wahrscheinlich, weil es schmerzt, wenn die Waden langsam absterben.

In diesem Herbst geht ja kaum noch ein Ausdauersportler ohne Kompressionsstrumpf auf den Laufsteg. Mit dem kühnen Blick des Avantgardisten federn die Trendsetter also durch das Herbstlaub, gucken verächtlich auf alle Kurzsockenträger, zu denen sie bis vor wenigen Wochen selbst gehörten und warten auf die Leistungsexplosion. Es sind die gleichen, die sich ein paar Jahre zuvor Haushalts-Pflaster zu Mondpreisen auf den Nasenrücken klebten.

Fernando, der Arzt meines Vertrauens, murmelte nur etwas von "Voodoo und Räucherstäbchen", als ich ihn fragte, ob solche Socken eventuell doch hilfreich seien. Aber wer sich durch alle Mineralstoffe gefuttert, alle Pillen und Zaubertränke probiert hat, Gummikeile in die Schuhe geschoben, Salzkugeln gefuttert und Speed-Unterhosen getragen hat, ohne jemals die geringste Leistungssteigerung zu verspüren, der hat endlich eine neue Wunderwaffe.

Der Druckverband für die Waden soll angeblich das Blut schneller aus den Beinen pressen, wobei sich die Frage stellt ob das Blut und mithin der frische Sauerstoff nicht auch schwerer wieder zurückfinden. Egal: Omas guter alter Stützstrumpf erlebt natürlich ausgerechnet in Läuferkreisen eine Renaissance. Keine andere Bevölkerungsgruppe ist derart bereit, jeden Unsinn zu glauben, solange auch nur das kleinste bisschen mehr Leistung zu vermuten ist. Nun also Kompression untenrum.

Das letzte Mal, dass wir einen solchen Strumpf in Riechweite hatten, war bei Tante Elfriede. Die Gute ist fast 90 Jahre alt und leidet an Krampfadern, die sich wie Feuerwehrschläuche über ihre Waden gelegt haben. Ihre Strümpfe verlegt sie so oft wie ihre Brille. Leider hat sie deutlich mehr Strümpfe als Brillen. Überall in ihrer Wohnung liegen die aufgerollten Würste, eher schlabberig als elastisch, denn die meisten sind schon ein paar Jahre alt. Die Farbe? Strumpfpackungstexter würden "Champagner" dichten. In Wahrheit ist es der Farbton "Teewurst".

Klaus Heinrich lief mit seinen Storchenstrümpfen so wie immer. Ich bildete mir allerdings ein, dass er etwas mehr hüpfte als sonst. Es ist eben der Kopf, der die Beine bewegt, und wenn einer meint, er trägt Wunderwaffen, dann läuft er schneller, ohne dass es mit den Strümpfen zu tun hätte. Genau das ist das tückische an der Innovation. Faktisch hilft sie nicht, mental aber doch. Und schließlich ist man schneller.

Außerdem schneidet der Storchenstrumpf auch nicht so sichtbar ein wie die kleinen Söckchen. Und ganz so schlecht sehen sie wirklich nicht aus. Ich werde mir von Mona welche zu Weihnachten wünschen. Sie wird mit den Augen rollen. Jahrelang wollte ich keine Socken haben. Und jetzt plötzlich werde ich um welche winseln.

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