Achilles' Verse Rocky statt Rezepte
Neulich verschärftes Mentaltraining. Habe meine Laufbücher aufgeräumt. Die geballte Literatur hatte das Wohnzimmerregal so großflächig erobert wie der Pilz den Läuferschuh. Mona drohte, meine Fachbibliothek dem Wertstoffkreislauf zuzuführen. Also Power-Ordning: Steffny neben Strunz neben Stuss. Schlechte Nachricht: Danach war ich zu müde zum Laufen. Gute Nachricht: hinter all den Büchern eine alte Videokassette gefunden, staubig, klapprig, aber funktionstüchtig - so wie ich. Der Fund des Jahres: Es war "Rocky I".
Die Geschichte eines besessen Trainierenden. Also meine Geschichte. Nur ohne Happy End. Herrlicher Plan. Samstag Abend ein gutes Glas Magnesiumbrause, eine halbe Handvoll Bananenchips und zwanzigmal die Szene gucken, in der Rocky die Schweinehälften zu Hackfleisch haut, im Morgengrauen sprintet wie ein Tier und oben auf den Treppen gleich unter George Washington hüpft wie ein Flummi auf Koks. Hinterher bin ich immer total kaputt. Aber der Testosteronschub reicht, sich am Sonntagmorgen einen langen, also sagen wir, mittellangen Lauf anzutun.
"Wir sind Samstag zum Essen eingeladen", verkündete Mona tags darauf. "Ich kann nicht", murrte ich, "ich muss unsere Steuererklärung machen". Mona stutzte. Zurecht. Ich habe noch nie freiwillig für Peer Steinbrück oder einen seiner Vorgänger Belege sortiert. Ich will ja auch nur Rocky gucken. "Sybille kocht Tim Mälzer", sagte Mona. "Hoffentlich rasiert sie ihn vorher", scherzte ich. Mona sagte nichts. In ihrem Freundeskreis ist es seit Jahren schick, die Rezepte irgendwelcher Trend-Köche nachzubrutzeln. Leider liegt die Erfolgsquote konstant nahe null.
Doch kaum sind die Magenwände halbwegs verheilt, droht schon die nächste Einladung. Und immer und überall ist Zitronengras drin. Neulich bei Betti gab es Erbsenkartoffelpürree mit Zitronengras nach Jamie Oliver. Mit der Pampe hätte man auch einen undichten Auspuff abdichten können. Zitronengras ist die Petersilie der Generation Carport. Große Erfolge habe ich immer mit der Geschichte, dass sich in Zitronengras die höchste je in Grünzeug gemessene Schadstoffkonzentration befände. Es ist lustig anzusehen, wenn alle gleichzeitig das Würgen kriegen. Mona schenkt dann immer Wein nach bei mir, damit ich baldmöglichst lalle. Klappt meistens. Aber mit dem Sonntagslauf hat es sich dann. Das sollte diesmal nicht passieren. Rocky, Magnesium, elf Stunden Schlaf und zwei Stunden Lauf das war der unumstößliche Plan fürs Wochenende.
"Es wird das perfekte Sportler-Dinner", juchzte Mona, "nur gesunde Sachen zu essen und gute Gespräche über Fitness. Mike und Thomas kommen auch." Auweia. Mike war ein Leptosom mit einer offenbar taubstummen Frau und schlechtem Atem, der jeden Monat einen Marathon lief. Der dicke Thomas himmelte ihn an und ermunterte ihn zu immer neuen langweiligen Dauerlauferzählungen. Die Frauen tauschten währenddessen Wellness-Latein aus. Wann immer ich mir Wein nachschenkte, wurde ich von allen skeptisch angeguckt. Mike trank nur Wasser, Thomas zuckerschwere Bionade und die Damen Prosecco auf Eis, was ähnlich aufregend wirkt wie hochverdünnte Apfelschorle. Ich wollte am Samstag nur Selbstgespräche, allenfalls einen stummen Dialog mit meinem Helden Sly. "Muss ich wirklich mitkommen?", fragte ich. Mona antwortete nicht mal. Kein Entkommen.
Die nächsten Nächte träumte ich von Sellerie-Sticks, mit deren Blätterpuscheln sich Johann Lafer die Ohren gereinigt hatte und Sybille, die mir einen Eierbecher mit kalorienfreiem Dip entgegenstreckte und sagte: "Die Puschel kann man mitessen." Kurz bevor ich das Bittere schmeckte, wachte ich auf und trauerte um mein Sportwochenende. Was Dr. Strunz für die Läufer, das ist Johann Lafer für die Kochszene: Kunstlederbespanntes Plastikzahnlächeln, Rezepte von vorgestern und die Garantie, dass man hinterher nicht fitter ist. Ich werde Monas kulinarischen Gipfel boykottieren. Aber wo bekomme ich jetzt noch einen Noro-Virus her?