Achilles' Verse: Saufen statt Laufen - DER SPIEGEL
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Achilles' Verse Saufen statt Laufen

Die Fußball-EM hat begonnen, in den Familien entbrennt der Kampf um die Fernbedienung und das nächste Bier. Es droht akute Verfettung. Doch Achim Achilles weiß: Alles kein Problem. Joggen ist noch ungesünder - nicht zuletzt wegen eines aggressiven Fischs im Laufgebiet.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Mona ist zum Glück eine erfahrene Ehefrau. Sie weiß schon lange, was zwei Wiener Konsumentenforscher soeben wissenschaftlich untermauert haben: Für Paare sind vergangenes Wochenende drei schwere Wochen angebrochen. Jeder Dritte erwartet gravierende Konflikte daheim.

Nur jeder Dritte? Sehr optimistisch. Man hetzt nach Haus, um ja nicht das erste Tor gegen die Österreicher zu verpassen, schafft es in der Pause gerade Flüssigkeit abzulassen und wieder aufzufüllen, um dann entspannt den Abend auf dem Sofa, bei Klaus Heinrich am Grill oder beim Public Viewing im Magnet ausklingen zu lassen. Wenn EM ist, gelten die ganzen modernen Schnickschnack-Männerpflichten nicht. Die Kinder haben den Schnabel zu halten und Mona auch. Vati guckt Fußball und huldigt Prinz Poldi. Basta.

Was aber bedeutet das Powerplay für die Form des ambitionierten Ausdauersportlers, der verbissen gegen den Verlust der ohnehin eher mäßigen Frühjahrsform ankämpft? Eine Katastrophe. Wer den Biorhythmus auf frühabendliches Training getaktet hat, wird sich ein paar gewaltige Lücken in den Trainingsplan reissen und zugleich ein paar Hüftpolster züchten. Weil der Kopf den Athleten steuert, braucht es einige objektive Fakten, die belegen, dass Laufen ungesünder ist als Fußballgucken. Ein Blick in die Fachliteratur hilft.

Das Risiko für Herzanfälle zum Beispiel verdreifacht sich für Männer bei spannenden Spielen oder italienischen Schauspieleinlagen. Beim Marathon fällt nur jeder 1000. Läufer um. Fußball sei ein "emotionales Stressereignis", haben die Herzärzte des Münchner Großklinikums Großhadern herausgefunden. Lauftraining allerdings auch. Aber dennoch ist es gut für die Pumpe.
1:0 fürs Laufen.

Welche Folgen fürs Kampfgewicht sind zu befürchten? Verheerende. Wer sich schwer zurückhält, pro Halbzeit nur ein Bier trinkt und pro Spiel eine Tüte Chips verzehrt, nimmt während der EM um 5,5 Kilogramm zu. Dummerweise geht ja mit dem Abpfiff das Feiern erst richtig los. Würde man dieselbe Zeit laufen statt saufen, wären garantiert fünf Kilogramm runter. Wer Sonntag noch 80 Kilo wog, wäre beim Finale entweder 75 oder 85 Kilo schwer.
Klares 2:0 fürs Training.

Wichtiger Punkt: das Zwischenmenschliche. In Fußballzeiten wie diesen redet man beim Einkaufen, in der U-Bahn oder an der Tankstelle beim Bierholen plötzlich mit wildfremden Menschen über die wirklich bewegenden Themen, zum Beispiel darüber, ob Cristiano Ronaldo nun Transvestit, Mädchen oder Metrosexueller ist. Läufer sprechen selten, die keuchen sich nur an.
2:1. Fußball holt auf.

Interessant auch die emotionale Komponente. Ein Institut aus Oxford (liegt in einem Inselstaat, der bei der EM nicht mitspielen darf) hat ermittelt, dass die Deutschen nach den Portugiesen am zweithäufigsten beim Fußball weinen, noch vor Briten (zu Recht), Spaniern und Italienern (wird deutlich mehr bei dieser EM). Vor allem Fans im Brüllblock des Stadions erleben eine unvergleichliche Erregungsgemeinschaft, so die Forscher. Da kann das flüchtige Glück des Runners High nicht mithalten. Ich warte zwar seit einem Jahrzehnt darauf, aber wenn Salziges tropft, dann ist es immer nur Schweiß.
Klarer Punkt für den Fußballgucker, 2:2.

Und wie sieht es bei der mentalen Erholung aus? Beim Laufen kann man abschalten, schon deswegen, weil Mona nicht dabei ist. Nach dem Laufen geht es mir immer besser als davor. Mentalmäßig durchgehend ein Gewinn, wenn auch ohne große Höhepunkte. Kann der Fußball das leisten? Allemal. Ein Sieg über Polen, besser noch über die großmäuligen Österreicher, am besten aber über die Ölfüße vom Apennin hebt die Laune über Wochen.
Unentschieden: 3:3.

Finale Risikoabwägung: Fußballgucken macht dick, ruiniert die Beziehung und sorgt bisweilen für einen Herzkasper. Die Gefahren entsprechen dem Leben in der Durchschnittsfamilie. Im Schlachtensee allerdings lauert ein Killerwels, wie die "B.Z.", das Berliner Fachblatt für Anglerlatein, vergangene Woche exklusiv gemeldet hat. 1 Meter und 70 Zentimeter lang soll das Biest sein; Rennspargel Dimeo würde also sogar auf Plateausohlen hineinpassen.

"Orson", wie wir das Monster nennen, soll aggressiv sein. Er reißt seine Opfer wahrscheinlich direkt vom Uferweg in den See. Lebensgefahr lauert also genau dort, wo ich dauernd laufe. Dieses Risiko kann ich den kommenden zweieinhalb Wochen auf keinen Fall eingehen. Das wird auch Mona verstehen. Ein knappes aber klares 4:3 also für den Fußball. Prima. Laufen lieber lassen, sagt die Wissenschaft. Stattdessen Sprint an den Kühlschrank. Und wieder rauf aufs Sofa.

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